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"Anne Will" "Ultraquatsch" und "Tyrannei" – wen soll das von einer Corona-Impfung überzeugen?

Bei "Anne Will" (ARD) diskutierten die Gäste, ob es in Deutschland eine Coronavirus-Impfpflicht braucht
Im "Anne Will"-Talk (ARD) wurde die Frage diskutiert: "Corona-Neuinfektionen auf Höchststand – braucht Deutschland eine Impfpflicht?"
© NDR/Wolfgang Borrs
Wie ist das mit der Impfpflicht? Anne Will brachte die Debatte mit ihren Gästen nicht weiter voran. Zudem entlud sich viel Schärfe gegen Impfskeptiker. Söder warf ihnen "Ultraquatsch" vor, Montgomery bezichtigte sie der "Tyrannei". Das zeigte einmal mehr, wie aufgeladen die Stimmung im Land ist.
Von Sylphie-Sophie Schindler

Da geht doch noch was. Also: Wer hat mehr zu bieten? Sind noch genug Bratwürste vorrätig? Wer ist der mit der besten Impfpflicht im ganzen Lande? Und wer kann Menschen, die sich nicht impfen lassen, verbal am besten "abwatschen"?

Alena Buyx will mal wieder, denn das sagt sie oft, kriegsrhetorisch versiert, "aus allen Rohren schießen" und "schrittweise hocheskalieren", um die Unwilligen an die Impfnadel zu bringen. Frank Ulrich Montgomery poltert von einer "Tyrannei der Ungeimpften". Wie bitte? Tyrannei? Anne Will wirkt so als ginge ihr das zu weit. Montgomery unbeirrt. Doch, doch, Frau Will, ich benutze bewusst den Begriff. Nun Markus Söder. Impfskeptiker seien ein Problem. Und in Bayern gebe es "traditionell" viele. "Und, Frau Göring-Eckhardt, wir haben auch viele Anhänger von Ihnen, Esoteriker, Heilpraktiker…". Das will die Grünen-Politikerin nicht auf sich sitzen lassen: "Das sind nicht unsere Anhänger." Söder legt nach. Es gebe zwei Viren. "Wir haben Corona. Und wir haben dieses Gift, das durch Querdenker und zum Teil die AfD verbreitet wird." Da werde "Ultraquatsch" erzählt.

Und nun? Was soll damit eigentlich erreicht werden? Ob derlei Attacken die Impfbereitschaft erhöhen? Also doch, nix wie ran an die Impfpflicht?

Es diskutierten:

  • Alena Buyx, Professorin für Medizinethik und Vorsitzende des Deutschen Ethikrates
  • Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende im Bundestag
  • Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes
  • Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern
  • Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerates


Sonntagabend in der ARD. Im "Tatort" wurde geträumt und gemordet, und Anne Will fragt nun: "Corona-Neuinfektionen auf Höchststand – braucht Deutschland eine Impfpflicht?"

Frau Will, wo bleiben die Nachfragen?

Sie hat Karl Lauterbach nicht eingeladen. Allein: Wohnt der ohnehin nicht längst hinter den Kulissen? Man bräuchte ihn. Damit er das sagt, was er vor drei Wochen bei "Maybrit Illner" sagte. Im ZDF-Talk stellte er dar, warum eine Impfpflicht aus seiner Sicht weder politisch durchsetzbar noch aus epidemiologischer Sicht zu rechtfertigen sei. Doch, verwunderlich bei diesem Thema, kein Epidemiologe weit und breit in der Will-Runde. Also widerspricht auch niemand, als Söder eine mögliche Corona-Impfpflicht mit der Masern-Impfpflicht begründet.

Dass das immer noch so dahergesagt werden kann, ist desaströs. Die Masernimpfung bietet eine lebenslange, sterile Immunität; der Maserngeimpfte kann also Nicht-Immune nicht anstecken. Dadurch kann Herdenimmunität erzeugt werden. Das aber leistet der Corona-Impfstoff nicht in dem Maße.

Noch dazu ist noch längst nicht alles so klar wie es scheint. Laut Robert-Koch-Institut (RKI), die Angabe stammt vom 2.November 2021, heißt es: "In welchem Maß die Impfung die Übertragung des Virus reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden." Zuletzt wurde auch die Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe vom RKI nach unten korrigiert. Davor ging man davon aus, dass die Vakzine die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs bei Personen über 60 Jahren um 95 Prozent reduzieren. Dieser Wert wurde nun um sechs Prozentpunkte auf 89 Prozent nach unten korrigiert. Der Schutz vor einem tödlichen Verlauf sank ebenfalls von 93 auf 88 Prozent.

Man fragt sich: Warum kommt das in der Sendung nicht zur Sprache? Und inwiefern ist eine Impfpflicht juristisch überhaupt durchsetzbar? Buyx bleibt schwammig: "Die allgemeine Impfpflicht wäre, sehr daher gesagt, schwer zu begründen." Was heißt das? Frau Will, wo bleiben die Nachfragen? Die Zuschauerinnen und Zuschauer brauchen mehr Transparenz.

Wie realistisch ist eine Impfpflicht?

Nebenbei bemerkt: Transparenz schafft Vertrauen. Apropos. "Die Dänen haben mehr Vertrauen in den Staat", so Will. "Was sagt Ihnen das Herr Söder, dass die eine bessere Impfpolitik haben?" Herr Söder könnte jetzt irgendwas antworten, was darauf hinweist, dass er kritisch über sich nachdenkt. Und über die bundesdeutsche Corona-Politik. Macht er aber nicht. Sondern wählt das Manöver des Whataboutism und verweist, siehe oben, auf "dieses Gift". Söder redet zwar irgendwann auch von "Hand reichen" – wen aber soll das noch überzeugen? Buyx sorgt innerhalb einer doch recht unruhigen, nicht so recht von der Stelle kommenden Debatte für einen besonnen Moment. Sie bedauere sehr, dass Menschen ausgegrenzt würden, dass gesagt werde, sie seien böse, wenn sie ungeimpft seien. Das wirke kontraproduktiv: "Das bestärkt die Ungeimpften darin, dass sie ausgegrenzt sind."

Impfdurchbrüche: Was steckt dahinter?

Zugleich macht sie deutlich, dass Impfen in einer pandemischen Situation "keine Privatsache" sei. Montgomery sagt es geradeheraus: "Wir müssen uns alle impfen lassen – außer die, bei denen es nicht geht." Bei den Pflegekräften sehe er überdies eine "moralische Verpflichtung." Söder stellt klar: "Für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen bin ich sehr offen." Christine Vogler ist dagegen, den Fokus nur auf die Pflegekräfte zu legen, die ohnehin in einer belasteten Situation seit 18 Monaten seien: "Wir wollen die Impfpflicht für alle." Laut aktueller Forsa-Umfrage dürfte sie damit 57 Prozent der Deutschen auf ihrer Seite haben.

Was fällt auf? Dass nicht deutlich gemacht wird, die ganze Sendung über nicht, wie realistisch eine Impfpflicht überhaupt ist. Sollte das nicht erstmal feststehen, bevor man darüber debattiert? Erstaunlich wenig wird außerdem über Alternativen gesprochen. Einzig Söder bringt die Sprache auf "Medikamente in Großbritannien und den USA, um neben mehr Impfen auch andere Optionen zu haben." Mehr erfährt man leider nicht.

Im Forum zum Will-Talk gibt es außerdem mehrere Kommentatoren, die nach Corona-Totimpfstoffen fragen, was, wie es heißt, die Impfbereitschaft von einem Teil der Menschen, die sich bisher nicht haben impfen lassen, erhöhe. Und wie ist das mit dem Testen, sollte man nicht wieder mehr Teststrategie fahren? Gerade in den letzten Tagen wurden die Forderungen zu einer Rückkehr zu den kostenlosen Schnelltests lauter; der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit ist überzeugt, wenn man wirklich Sicherheit wolle, helfe nur weiter alle zu testen. Auch Hendrik Streeck verwies darauf, dass ungetestete Geimpfte ein zusätzliches Risiko seien. Es hätte der Will-Debatte gut getan, diese Positionen einzubeziehen.

Robert Habeck im Interview: Starke Einschränkungen für Ungeimpfte werden kommen

Und sonst noch? Söder ist für 3G am Arbeitsplatz. Auch, "um nachfragen zu können, wie der Impfstatus ist. Außerdem forderte er "mehr 2G" für einen "größeren Schub beim Impfen", wie man das gerade in Österreich beobachten könne. Lässt sich 2G auch bundesweit einführen? Die Frage geht an Göring-Eckardt. Nein, sagt die Politikerin, das sei "nicht rechtssicher". Und ein erneuter Lockdown? Der komme, so Söder, aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht. Und was ist mit dem "Freedom Day" am 20. März 2022? So hat es der FDP-Politiker Marco Buschmann angekündigt. Das vorherzusagen sei "Unsinn", meint Söder. "Ich muss Buschmann verteidigen", sagt Göring-Eckhardt. Und da wäre noch das Boostern. "Mit zwei Mal ist es nicht getan", so Montgomery. "Man wird immer wieder nachboostern müssen." Und außerdem: "Das Impfzertifikat der EU wird irgendwann auslaufen." Bedeutet: wer dann als geimpft gelten will, muss sich nachimpfen lassen.

Übrigens, irgendwer sagt irgendwann "Kimmich" – Montgomery will Söder in die Pflicht nehmen, mal beim FC Bayern ein Machtwort zu sprechen. Anne Will: "Aber Herr Söder ist doch nicht der Trainer des FC Bayern." Nun. Bei allen Ungewissheiten, die es sonst so gibt, hier gibt es immerhin keinen Zweifel.


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