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US-Depeschen auf Wikileaks: Westerwelles Maulwurf trägt Fliege

Westerwelles Büroleiter muss es gewesen sein: Der Mann, der Unvorteilhaftes über den FDP-Chef den Amerikanern verriet, heißt Helmut Metzner. Und ist dank Wikileaks nun seinen Job los.

Von Hans Peter Schütz

In der FDP-Pressestelle zappelten sie am Donnerstagnachmittag völlig entnervt herum. Anfrage von stern.de: "Wie heißt der Büroleiter vom FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle? Antwort: "Das sagen wir nicht." Warum nicht? "Das sagen wir auch nicht." Neuer Anlauf: "Bitte verbinden Sie uns dann mit Pressesprecher Wulf Oehme." Antwort: "Da kommen Sie aber auf eine ganz lange Telefonliste."

Man kann die Nervosität der liberalen Parteizentrale verstehen. Da hat ein "junger aufstrebender Mann", so hieß es in den von Wikileaks veröffentlichen vertraulichen Dokumenten der US-Diplomatie, den FDP-Vorsitzenden Westerwelle als Politiker mit "sehr wenig eigenen Ideen zur Lösung internationaler Probleme" beschrieben, als "Wild Card" mit überschäumender Persönlichkeit" - und dann kommt heraus, dass der US-"Agent" der Büroleiter des FDP-Chefs gewesen sein soll. Der Name des "Maulwurfs": Helmut Metzner.

Herausgefunden und gemeldet hat dies die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Parteikreise haben es inzwischen bestätigt. Womit die spannendste Tratschfrage dieser Woche in Berlin gelöst ist.

Eigentlich ein Berliner Nobody

Im Prinzip gehört Metzner zu den Nobodys der politischen Berliner Szene. Er hatte bei weitem nicht das Format, das Westerwelles früherer Büroleiter Martin Biesel hatte, der dem Minister jetzt im Auswärtigen Amt zuarbeitet.

In der "tageszeitung" gab es Ende September folgendes Kurzporträt zu lesen: "Im Thomas-Dehler-Haus, der Parteizentrale der FDP, hat Helmut Metzner sein Büro. Metzner trägt eine gelbe kauzige Fliege und wieselt durchs Zimmer. Er leitet die Abteilung Strategie und Kampagnen bei der FDP, und in der Welt der Nachrichtendienste wäre er vermutlich ein kleiner Agentenführer. Metzner spricht über 'geschärfte Argumentation' 'Umfeldbeobachtung' und über 'FB'- das steht für Feind- oder Freundbeobachtung." Das war - von heute aus betrachtet - eine fast hellseherische Beschreibung von Helmut Metzner.

Er hielt sich von klein auf zur Elite gehörend. In seinem Lebenslauf auf seiner Blogseite "muntermachermetzner.de" verrät der 1968 geborene Westerwelle-Vertraute, dass ihn seine Mutter schon als kleines Kind zu ihren politischen Aktivitäten mitgenommen habe. "Dem zarten Knabenalter eben entwachsen," so verrät er weiter, "trat ich jener merkwürdigen Jugendorganisation der letzten mitteleuropäischen Einheitspartei bei, die am Mittwoch … im Bayernkurier lesen sollte, welche Meinung sie am Donnerstag zu vertreten hatten."

Nun, Metzner blieb nicht bei der CSU, sondern wandelte sich, wie er schreibt, "vom schwarzen Paulus zum blaugelben saulustigen Liberalen." Die Idee der Freiheit habe seinen Geist erhellt, wie das Licht der Aufklärung. Denn: "Bei den Liberalen kann ich sein wie ich bin."

Er tritt für die Fliege ein

Die Frage jetzt ist allerdings, ob das immer noch so sein kann. Die FDP hat zunächst mal seinen Internet-Auftritt "gesäubert." Auf Metzners Seite der Partei steht seit heute nichts mehr drauf.

Der notorische Fliegenträger hat allerdings in der FDP schon einiges hinter sich. Mal war er stellvertretender FDP-Landesvorsitzender Bayern, mal Beisitzer im bayerischen Landesvorstand, dann kandidierte er 1994 als Spitzenkandidat der Jungen Liberalen Bayerns für den Bundestag im Wahlkreis Bamberg. Er wollte unbedingt nach oben in der FDP. Also kandidierte er 2001 auch für das Berliner Abgeordnetenhaus im Wahlkreis Charlottenburg Nord. Erfolglos. Sein bemerkenswertester politischer Programmpunkt: Man solle, so bittet er, sein "leidenschaftliches Eintreten für die Fliege als Bestandteil der Herrenoberbekleidung" beachten.

Der 41-Jährige diente der FDP-Zentrale vor seinem Wechsel ins Büro des Vorsitzenden und seiner geheimen Informationstätigkeit für den Berliner US-Botschafter Murphy als Leiter der Abteilung "Strategie und Kampagne." Damit rückt sein Urteil über Westerwelle im nachhinein immerhin in den Rang einer qualifizierten Aussage. Allerdings soll ihn die FDP jetzt von seiner bisherigen Aufgabe entbunden haben. "Anderen Aufgaben" in der FDP-Zentrale werde er sich widmen.

Mit der Enttarnung Metzners ist ein anderer führender FDP-Politiker entlastet. Denn auf einem Adventstee-Abend der Liberalen für die Berliner Journalisten hatte der ehemalige CDU-Sprecher Günther Henrich im Gespräch mit stern.de befunden: Der Informant der USA "das war Wirtschaftsminister Rainer Brüderle!" Und weshalb? Henrich scherzhaft: "Das ist doch derzeit der einzige jugendlich wirkende Aufsteiger in der FDP."