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Mit Bollerwagen und Seitenschneider Der verborgene Wahlkampf: Das nächtliche Wettrennen junger Parteimitglieder um die beste Laterne

Die Gropiusstadt in Berlin während der Plakatiernacht.
Wahlbezirk Neukölln 4 − die Berliner Gropiusstadt in der Plakatiernacht am 08.08.2021
© Lukas Hildebrand
Morgens hängen sie plötzlich an allen Laternen: Die Wahlplakate. Sie zeigen überwiegend die bekannten Personen und alten Gesichter der Politik. Doch wer sind die Menschen, die im Dunkel der Plakatiernacht, sieben Wochen vor der Wahl, von Laterne zu Laterne ziehen? 

Ich lehne an einer Laterne. Straßenlärm, die Rolltreppe entlässt schwarz gekleidete Jugendliche mit geöffneten Glasflaschen in den Abend, auf der anderen Straßenseite wiegt eine Frau vor einem Supermarkt in der Abendsonne eine Wassermelone in ihrer Hand, legt sie unzufrieden zurück, nimmt eine andere, das Türsignal der Berliner S-Bahn drängt zum Einsteigen, da höre ich hinter mir eine Stimme: "Bist du hier der blonde Alman?". Eine junge Frau mit tiefen Augenringen steht hinter mir. Verdutzt antworte ich: "Kann schon sein". Ich fühle mich irgendwie ertappt, obwohl ich einmal hier wohnte, war ich lange nicht mehr hier – steche ich aus der Masse an Menschen so heraus? "Sehr gut, wieviel willst du für ein Gramm?". Da wird mir das Missverständnis bewusst. "Sorry, ich glaube du suchst jemand anderen".

"Ja, das ist Neukölln", sagt Max von Chelstowski lachend, als ich ihm davon erzähle. Sein ganzes Leben wohnt Max bereits in diesem Bezirk. Alle vier Jahre muss er Neukölln jedoch in einem Kampf verteidigen, der mit Kabelbinder und Plakaten im Namen der SPD in einer Nacht sieben Wochen vor der Bundestagswahl beginnt. Diese Nacht ist heute.

Die Plakatiernacht

In der U-Bahn Richtung Süd-Neukölln beziehungsweise Wahlkreis Neukölln 4 – wie Max diesen Ort heute nennt – erzählt er mir von der Bedeutung der Plakatiernacht: "Ich habe extra den Urlaub mit meiner Freundin nach hinten verschoben, um heute dabei zu sein." An der nächsten Station steigt ein junger Genosse von Max dazu – auch er heißt Max. Er humpelt, weil er sich den Fuß geprellt hat. Doch auch er möchte die Plakatiernacht auf keinen Fall verpassen.

Max von Chelstowski beim Plakatieren bei Nacht auf einer Leiter.
Max von Chelstowski, 26, steht auf Listenplatz elf der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung
© Lukas Hildebrand

Ich will verstehen, wieso die beiden jungen Wahlkämpfer sich so auf diesen Abend freuen. "Die Plakatiernacht ist nur einer von vielen Wahlkampfterminen, jedoch so besonders, weil sie den Startschuss in die entscheidende Phase markiert", sagt der eine. "Dieses Gefühl in langen Nächten bis zum Morgengrauen wach zu sein, mit Menschen, die man gerne hat, unterwegs zu sein – das ist fast so als würde man zusammen feiern gehen, nur politischer", meint der andere. Selten scheint für junge Parteimitglieder Politik und Wahlkampf so spürbar wie heute Nacht.

Die Plakate

Juso-Gummibärchen kauend erzählt mir Max Genosse Max auf dem Weg zum Treffpunkt der Partei grinsend die goldene Regel dieses Abends: "Es ist so, als Juso holst du in dieser Nacht von den älteren Genoss:innen die Leitern, draufsteigen musst du aber selber". Wenn die Partei keine externen Dienstleister:innen engagiert, läuft das in der Plakatiernacht in allen Parteien so.

Ich merke schnell, die Stimmung unter den Jusos ist gut an diesem Abend, denn seit gestern sieht die neue Forsa-Umfrage die SPD nur noch einen Prozent-Punkt hinter den Grünen. Während CDU und Grüne sich durch die schlechten Umfrageergebnisse ihrer Kandidaten seit Wochen im Fall befinden, ist an der Wahlplakat-Kampagne der SPD klar ersichtlich, was derzeit das größte Argument für den Auftrieb der Sozialdemokraten im Wahlkampf ist: Ihr entschlossen blickender Kandidat Olaf Scholz. Den Slogan der Wahlplakatkampagne "Scholz packt das an" unterstreichen die riesigen Hände im Vordergrund des Plakats. Dass der auf den Plakaten schwarz-weiß gehaltene Spitzenkandidat in diesem Wahlkampf gleichfalls blass blieb, scheint bislang seine größte Stärke − denn er ist nicht beliebt, aber eben auch nicht unbeliebt, wie seine Mitstreiter:innen. Das Rot im Hintergrund ist die einzige Farbe auf der Wahlplakatkampagne der Sozialdemokraten. Die Erklärung der Parteispitze: "Rot steht für Energie, Liebe, Feuer, Kraft und Sinnlichkeit."

Der Juso Max von Chelstowski beim Plakatieren auf einer Leiter.
Jene, die die Plakate aufhängen, haben nur wenig Einfluss, was darauf zu sehen ist
© Lukas Hildebrand

Doch wie finden jene Menschen diese sozialdemokratische Sinnlichkeit, die heute Nacht wirklich anpacken? "Wir, die die Plakate aufhängen, kennen die Plakate auch nicht früher als die Öffentlichkeit. Die Designs sind immer Geschmacksache und es gibt auch in jedem Wahlkampf Plakate, die man besser oder schlechter findet. Ich konnte aber bislang hinter allen Inhalten und Personen, die ich aufgehängt habe, mit Überzeugung stehen", sagt Max, "anders ginge das für mich nicht".

Max öffnet sein Instagram und überfliegt die diesjährigen Wahlplakate der SPD.  Imanuel, der 16 Jahre alten stellvertretende Vorsitzende der Jusos Neukölln, schaut ihm dabei über die Schulter. Sie beginnen, die Wahlplakate der Neuköllner Spitzenkandidatin Franziska Giffey zu diskutieren. Das in der Bar hinter dem Tresen sieht cool aus, finden beide – das mit dem Bauarbeiterhelm auf der Baustelle, da ist man sich einig: eher cringe (jugendsprachlich für „unangenehm").

Die Spielregeln

Um 19 Uhr – um diese Geschichte endlich einmal zeitlich zu verorten – kommen wir beim Treffpunkt an. Aus drei Sprintern werden Plakate und Kabelbinder entladen, eine Frau verteilt Proviant, während der Kandidat fürs Abgeordnetenhaus Marcel Hopp die Regeln des Plakatierens erklärt.

Eine Stadtkarte mit Routen und Markierungen, an denen die SPD ihre Wahlplakate aufstellt.
Auf dem ausgedruckten Stadtplan sind die Routen aller Plakatier-Teams eingezeichnet
© Lukas Hildebrand

An Bäumen, an Gartenzäunen, an Laternen mit Straßenschildern, an historischen Laternen, an Gaslaternen und an Laternen in geschützten Grünanlagen dürfen keine Schilder hängen. Nur an den Laternen, die mindestens fünf Meter groß sind, darf plakatiert werden, wenn die Unterkante des Plakats über zwei Meter fünfzig hängt – wegen der Fahrradfahrer:innen. Alles ziemlich bürokratisch, alles ziemlich deutsch. 

"Ihr kennt das Spiel zwischen den Parteien", sagt Hopp, "ab morgen melden alle Parteien ja wieder die falsch gehängte Plakate anderer Parteien beim Ordnungsamt. Also macht euren Job gut und hängt sie richtig".

Der Startschuss

"In den letzten Jahre waren wir immer die schnellsten in diesem Wahlkreis, nur die CDUler machen uns hier manchmal Konkurrenz", sagt mir Max, während wir auf den Startschuss warten. Alles an diesem Abend bekommt stetig mehr den Charakter eines Wettrennens.

Um 19:30 werden dreier Teams gebildet, Plakate in Bollerwagen und Lastenfahrräder geladen, Kabelbinder und Seitenschneider in die Hosentaschen gesteckt. Die Teams bekommen eine im Stadtplan farbig eingezeichnete Route und ziehen sofort in alle Himmelsrichtungen davon, um sich am Beginn ihrer Route in Position zu bringen.

Ein Sprinter mit Wahlplakaten der SPD.
© Lukas Hildebrand

Ich wundere mich und frage nach: "Darf man laut Ordnungsamt nicht erst ab null Uhr Plakatieren?". "Ja, eigentlich schon", sagt Max, "aber die Bürgermeister der Bezirke können mit einer Sondergenehmigung das Plakatieren bereits ab 20 Uhr erlauben. Das macht fast jede:r Bezirksbürgermeister:in – das ist Teil des Spiels". Wie dieses Spiel funktioniert verstehe ich erst am nächsten Tag, als ich lese, wie sich die Parteien in der Presse gegenseitig vorwerfen, zu früh mit dem Plakatieren begonnen zu haben.

Seitenschneider, Kabel, Plakat

Der rote Juso-Bollerwagen holpert hinter Max über den Gehweg: "Der hat schon bessere Zeiten erlebt", sagt er lachend. In seinem Team sind Annabelle, gleichfalls mit einem Bollerwagen ausgerüstet und Simon, der eine Leiter über der Schulter trägt. "Man kriegt einen Blick dafür, wo die besten Laternen stehen. Große Kreuzungen mit langen Ampelschaltungen, Bushaltestellen oder vor Restaurants – das sind wichtige Laternen", bekomme ich erklärt.

Um 20 Uhr bleiben wir vor einer Laterne stehen. In der Straße "Grüner Weg" wird nun das erste rote Wahlplakat im Bezirk Neukölln gehängt. Es ist eines von rund 400 Großflächentafeln und 20.000 Klein-Plakaten, welche die SPD binnen weniger Stunden in Berlin platzieren wird. Insgesamt 212.000 Euro ihres 1,8 Millionen Euro schweren Wahlkampfbudgets veranschlagt die SPD für die Plakatwerbung der Bundestagswahl 2021.

Simon lehnt die Leiter an die Laterne, Max steigt hinauf, Annabelle reicht das Plakat an. Es wird in Richtung Straße ausgerichtet, die Kabelbinder festgezogen, die überstehenden Enden mit dem Seitenschneider abgetrennt. Simon sammelt die heruntergefallenen Enden der Kabelbinder auf, Annabelle macht ein Kreuz auf der Stadtkarte, damit die Partei in sieben Wochen nach dem Wahlkampf beim Abplakatieren weiß, wo das Plakat gehängt wurde – wird es nicht gefunden und fristgerecht abgehängt, zahlt eine Partei zehn Euro Bußgeld pro Plakat.

Während Max von der Leiter heruntersteigt, fragt ein kleiner Junge der mit seinem Vater auf der anderen Straßenseite aus einem Auto steigt ungläubig: "Was macht ihr da?". Trocken entgegnet Max: "eine Wahl gewinnen". Dann überquert Annabelle die Straße und erklärt dem Jungen was eine Wahl ist.

Das Spiel

Als Simon kurz darauf auf der Leiter steht, entdeckt er ein kleines Messgerät oben an der Laterne. "Da dürfen wir nicht plakatieren", ruft Max hinauf. "Und das sagst du jetzt, wo ich schon hier oben stehe", entgegnet Simon lachend, während er mit dem Plakat wieder herunterklettert. "Da muss man sich dran halten", sagt Annabelle. Sie grinst als sie mir erklärt: "Es gibt diese Ordnungsamt-App, mit der fotografieren morgen viele Wahlkämpfer:innen die falsch gehängten Plakate anderer Parteien". Ein falsch gehängtes Plakat kostet die Partei 15 Euro – alles ein einziges Spiel, in dem gezockt wird. 

Eine Leiter lehnt an einer Laterne mit einem Plakat der Linkspartei.
Die Plakatiernacht ist ein Wettrennen um die besten Laternen der Stadt
© Lukas Hildebrand

Das merke ich auch, als Max wenig später die bereits gehängten Plakate anderer Parteien überprüft. Sind sie nicht gut genug befestigt, schiebt er sie soweit hoch, bis das CDU und Grünen Plakat fast quer auf der gebogenen Laterne über der Straße baumeln und hängt ein Plakat der SPD darunter. In Bezirken wie Neukölln gibt es kaum Laternen, an denen Parteien plakatieren dürfen. "Hier hängen oft fünf Plakate übereinander", sagt Annabelle. "Ich kann verstehen, dass man sich in Bezirken wie Neukölln da schnell verarscht fühlt – erst hört man vier Jahre in seinem Häuserblock nichts von der Politik und dann hängen alle Parteien vor deinem Fenster an einer Laterne".

Die Bollerwagen holpern nun schneller Richtung Parchimer Allee, einer der Hauptverkehrsadern Süd-Neuköllns. An einer Bushaltestelle vor einem Dönerladen wird Plakat fünf von 53 gehängt. Von einem der Tische hinter mir beobachten drei Männer über ihre Dönerteller hinweg das Geschehen. Ich höre wie das Wort SPD fällt. Es wird deutlich: So sehr das Plakat als Wahlkampfmedium in Zeiten von Christian-Lindners Instagram Wahlkämpfen und Donald Trumps Twitter Hetze veraltet scheint, so einfach und direkt entfaltet es vor dieser Dönerbude seine unbestreitbare Wirkung.

Die Konkurrenz schläft nicht

Als wir in eine kleine Straße einbiegen, beschleunigt Max plötzlich seine Schritte. An drei Laternen stehen junge CDUler. "Und das ausgerechnet in der Straße unseres Kandidaten", flucht Annabelle. Im Vorbeigehen grüßt sie freundlich, bekommt jedoch nur ein mürrisches Nicken als Antwort. Die drei Jusos schnappen sich die letzten zwei verbliebenen Laternen, in einer ansonsten bereits schwarz plakatierten Straße.

Auch die Linken treffen wir an der nächsten Ecke. Auch sie ignorieren uns. Manchmal entdeckt Max auf der anderen Straßenseite Genoss:innen aus einem anderen Wahlkreis und grüßt. So geht es von Laterne zu Laterne. An jede Laterne nur ein Plakat – die Passanten sollen schließlich seriell an die Kandidat:innen der Parteien erinnert werden, nicht doppelt auf einmal. Die Gesichter und Botschaften sollen in ihr Unterbewusstsein vordringen, sodass sie während der Stimmabgabe ein Gesicht der Kandidat:innen im Kopf haben.

Die Reaktionen der vorbeilaufenden Passanten lassen nicht lange auf sich warten. Eine Frau fragt: "Ach ist schon Wahlkampf?", ein älter Mann merkt an "Warum hängt ihr die so hoch? Das kann man kaum lesen." und ein jüngerer Mann mit Glatze ruft: "Eure scheiß Plakate sollte man verbrennen!", bevor er hinter uns in einem Hauseingang verschwindet.

Im Regen der Gropiusstadt

Mit dem Nachteinbruch ziehen Gewitterwolken über den Dächern der Gropiusstadt auf. Es ist ein Viertel, bestehend aus hohen Häuserblocks, Kleingärten mit Hertha- und Deutschland- Flaggen und genug Platz zwischen den Häusern für Tankstellen, deren Namen man noch nie gehört hat.

Ein Plakatier-Teams der Neuköllner SPD sucht Schutz in einer Bushaltestelle.
Eine Bushaltestelle im Neuköllner Süden während eines Gewitters
© Lukas Hildebrand

Als der Regen einsetzt, flüchten wir uns in eine Bushaltestelle. Auch eine ältere Dame mit Dauerwelle und einem kleinen Hund auf dem Arm rettet sich zu uns ins Trockene. Sie mustert unsere Bollerwagen und fragt mit Berliner Dialekt: "Ach Wahlkampf beginnt jetzte wa? Für wen hängt ihr? SPD? Dit ist die einzig richtge Partei. Ick hab noch nie wat andres jewählt. Ihr hängt ja vor meinen Häuserblock auch immer en schönet Plakat", sagt sie lachend. Die drei beginnen mit ihr ein Gespräch - man versteht sich.

Große Teile des Viertels mit den weißen Wohnblöcken sind SPD-Hochburg. Holt man hier nicht den Sieg, so verliert die SPD mit großer Wahrscheinlichkeit ganz Neukölln. Gleichzeitig ist die Wahlbeteiligung in Süd-Neukölln besonders niedrig. Als Demokrat sei ihm wichtig, betont Max, dass Menschen ihr Mitbestimmungsrecht nutzen, unabhängig von der Wahlentscheidung. Auch an dieses Mitbestimmungsrecht erinnern die Plakate sieben Wochen vor der Wahl die Menschen.

Bei der letzten Wahl 2016, erzählt Max, holte er mit seiner Partei das zweitbeste Ergebnis aller Wahlkreise Berlins. Richtig freuen konnten er sich damals aber nicht. Denn sie hatten plötzlich einen neuen Gegner im Bezirk.

Und dann kam die AFD

Aus dem Stand schaffte es die AFD in der Gropiusstadt von null auf 20 Prozent. Dass die SPD, wie alle Parteien, viele Wähler an die Rechten verlor, beschäftigte Max damals. Denn die Stimmung in seinem Bezirk war plötzlich eine andere, als bei der Wahl 2011.

Als Max 2016 auf einer Leiter steht und plakatiert, hört er unter sich plötzlich den Satz: "Du scheiß Vaterlandsverräter". Er schaut hinunter und sieht vier Nazis, die ihn umzingeln. Noch einmal sagen sie: "Wir holen dich jetzt von der Leiter du scheiß Vaterlandsverräter", bevor sie lachend weiterziehen. Max kommt mit dem Schrecken davon.

Anderswo ging es dieses Jahr nicht so gut aus. Wie die Polizei mitteilte kam es in der Nacht zu zahlreichen Attacken auf Wahlkämpfer:innen. "Gestern Abend und in der vergangenen Nacht kam es in Staaken, Spandau, Wilmersdorf und Rudow zu mehreren Vorfällen, bei denen Personen, die Wahlplakate anbrachten, angegangen wurden", erklärte die Polizei. Zerrissene Wahlplakate, Beleidigungen bis hin zu Platzwunden seien eine alarmierende Bilanz, die zeige, dass die Gewalt gegen Plakatierer:innen zunehme. Auch der ehemalige Berliner Grünen Abgeordnete Fabio Scharfenberg wurde in der Nacht beim Plakatieren angegriffen. Seine Partei beklagte zugleich die meisten zerrissene Plakate. Parteisprecher der Grünen Johannes Frericks teilte auf Anfrage mit: "Unser Eindruck ist, dass die Täter vor allem aus dem politischen Spektrum rechts der Mitte kommen".

Später am Abend treffen wir an einem U-Bahnhof auf einige junge AFDler, die an einer Laterne Plakate aufhängen, an der es eigentlich nicht erlaubt ist. Als Annabelle sie darauf hinweist und fragt, was eigentlich mit der Aufschrift "Kieze statt Ghettos" hier mitten in der Gropiusstadt gemeint sei, entbrennt eine Diskussion. "Es gibt hier Ghettos, wo die Polizei sich nicht mehr hinein traut", argumentiert einer der AFDler. Er selbst sei schließlich Polizist und habe diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht. Eine Gruppe junger Mädchen läuft in diesem Moment an uns vorbei, eines von ihnen ruft in Richtung der AFD "Ihr wollt MICH abschieben? Verpisst euch einfach!". "Die AFD beginnt erst später in der Nacht mit ihren Schildern, vorher werden die zu stark angefeindet", erklärt mir Max, während wir zum U-Bahn-Steig laufen. Die SPD hat bereits seit einer Stunde fertig plakatiert.

Ein egal geglaubtes Medium

Die AFD sie hat mit ihren populistischen Plakataufschriften nicht nur in der Gropiusstadt die Spielregeln geändert, sondern in ganz Deutschland. Lange Zeit galten Plakate als notwendiges Mittel des Wahlerfolges, deren Wirkung jedoch überschätzt werde. Nach Jahren voller bedeutungsloser Wahlplakat-Kampagnen, an die sich heute niemand erinnert, stehen 2021 plötzlich überall in Deutschland Plakate mit dem Titel #GrünerMist. "Wohlstandsvernichtung", "Klimasozialismus" oder "Ökoterror" steht auf grünem Hintergrund neben verwelkten Sonnenblumen (einem Symbol der Grünen Partei). Hier wird nicht mehr für eine Partei geworben, sondern eine andere diffamiert.

Aufgestellt wurden diese Plakate von der AFD nahen Lobbyorganisation "Conservare Communications GmbH", die von Ex-CSU-Mitglieds David Bendels geführt wird. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bestätigte Bendels, dass die Kampagne darauf ausgelegt sei, aufzuzeigen welch "massive Gefahr für Deutschland" von der Grünen Partei ausgehen würde. Der Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner sprach von einer "rechten Schmutzkampagne AfD-naher Akteure mit dubioser Finanzierung". Das Plakat – ein lange tot geglaubtes Wahlkampf-Medium – scheint 2021 wieder auferstanden zu sein.

Ein Wahlkampf ohne junge Menschen

Als ich am nächsten Morgen durch Berlin Richtung Hauptbahnhof laufe, hängen überall in der Stadt Plakate. Mehr als 200.000 wie eine Recherche der Deutschen Presse Agentur ergab. Tausende junge Wahlkämpfer:innen wie Max haben das in wenigen Stunden in einem Wettkampf um die besten Laternen vollbracht. Junge Menschen wie Max bringen nicht nur in dieser Nacht einen großen Einsatz für die Politik.

Der Juso Max von Chelstowski beim Plakatieren bei Nacht auf einer Leiter.
Nur für einen Augenblick ins Licht gerückt: Junge Politiker im Wahlkampf
© Lukas Hildebrand

Dass sich der diesjährige Wahlkampf bislang fast ausschließlich um die Fehler der Spitzenkandidat:innen dreht, dafür können sie nichts. Sie kämpfen weiter, obwohl es im gesamten Wahlkampf bislang kaum um die Themen der jungen Generation ging. Es ist ein Wahlkampf, in dem Kanzlerkandidat Armin Laschet alle Anfragen für Interviews und Talkrunden absagte, die sich an ein junges Publikum richten. Es ist ein Wahlkampf von jungen Menschen für alte Menschen.

Während ich zurück nach Hamburg fahre, gehen mir Max' Worte durch den Kopf: "Mit Plakaten gewinnt man keine Wahl, aber sie schaffen eine wichtige Sichtbarkeit für die Politik und den Wahlkampf". Komisch denke ich, dass Max und alle anderen jungen plakatierende Parteimitglieder in Deutschland unsichtbar bleiben. Die Plakate, sie hängen am morgen einfach. Wer sie aufgehängt hat? Das weiß fast niemand.

Quellen: ZEIT Campus, Die ZEIT, Der Spiegel, Berliner Zeitung, Straßenordnung Berlin, Tagesspiegel


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