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Walter Scheel ist tot Außen froh und innen hart

Walter Scheel Alt-Bundespräsident
Alt-Bundespräsident Walter Scheel ist im Alter von 97 Jahren gestorben
© Patrick Seeger/DPA
Alt-Bundespräsident Walter Scheel ist tot. Mit seinen Volten brachte er seine FDP auf Vordermann, stieß sie auch immer wieder vor den Kopf. Der Lebemann kalkulierte kühl und lebte leicht - Charthit inklusive.
Ein Nachruf von Hans Peter Schütz

Die ersten Hochrechnungen schienen eine absolute Mehrheit für die CDU/CSU zu signalisieren. Kurt Georg Kiesinger ließ sich mit einem Fackelzug feiern, dann ging er gegen Mitternacht schlafen. Als er wieder aufwachte, hatte der schwäbische Schöngeist die Bundestagswahl 1969 verloren. Und noch vor dem Frühstück hatten Willy Brandt und Walter Scheel die erste sozialliberale Koalition besiegelt.

Welch ein politischer Hasardeur, dieser Scheel, staunten viele über den Coup. Bringt die FDP erst schier um die politische Existenz. Matte 5,8 Prozent erreichte sie bei dieser Bundestagswahl, 9,5 Prozent waren es zuvor gewesen. Und treibt sie bei Nacht und Nebel dann in eine Koalition mit der SPD. Was nur hatten die Liberalen an der Seite der Genossen zu suchen? Musste dieser Mann nicht ein Glücksritter sein? War dem ehemaligen Nachtjäger der Luftwaffe, zweimal dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, überhaupt bewusst, in welch riskantes Abenteuer er seine Liberalen mit dem abrupten Partnerwechsel jagte?

Mut zum Risiko prägte Lebensweg

Richtig ist, dass Mut zum Risiko den Lebensweg Walter Scheels geprägt hat. Aber ebenso kennzeichnete zielstrebige Kalkulation das Handeln des 1919 in Solingen geborenen Sohns einer Handwerkerfamilie. Ihn trieb ausgeprägter Ehrgeiz an, freilich verbrämt mit betonter Höflichkeit und einnehmender Fröhlichkeit. Die geballte Faust war nicht sein Ding, eher die leichte Hand. Sie freilich setzte er mit raffinierter, zuweilen auch eiskalter Strategie ein.

Minister Scheel, der Volkssänger

Wer sich an den späteren Scheel erinnert, der Volkssänger, der mit seinem Düsseldorfer Gesangverein stimmstark "Hoch auf dem gelben Wagen" schmetterte, übersieht, dass sich hinter der Leichtigkeit seines öffentlichen Seins ein langfristig planender Politiker verbarg. Willy Brandt sprach vom "harten Kern" des Walter Scheels, Hans-Dietrich Genscher bescheinigte ihm "eisenharten Willen" - aus zuweilen schmerzlicher Selbsterfahrung.

Der Coup der "Jungtürken"

1969, das Geburtsjahr der sozialliberalen Koalition, war das Ergebnis eben dieser langfristigen Planung. Scheel hatte über Jahre darauf hin gearbeitet, die FDP aus ihrer Ankettung an die Union zu befreien. Für ihn war sie eine strategische Gefangenschaft. Eine Fesselung, die neue politische Ansätze verhinderte. Scheel wollte raus mit seiner Partei aus dieser Situation ohne Perspektive. Dass er die Befreiung trotz aller existentiellen Gefahren für die FDP wagte, dass er damit die neue Ostpolitik und den Weg zur Wiedervereinigung überhaupt erst ermöglichte, das macht ihn zu einem der Großen in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik.

1969 - das war typisch Scheel, eine politische Zeitenwende mit langem Atem. In der Düsseldorfer Wohnung des damaligen FDP-Bundestagsabgeordneten (von 1953 bis 1974) wurde 1956 der Coup der so genannten "Jungtürken" ausgeheckt, bei dem der damalige CDU-Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Karl Arnold, per Misstrauensvotum gestürzt und Kanzler Adenauer um die Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundesrat gebracht wurde. Beendet war damit dessen Versuch, die ihm unbequem gewordenen Liberalen politisch durch ein neues Wahlrecht zu erledigen. Schon damals hat es die FDP schier zerrissen, denn viele Mandatsträger verließen danach die Partei.

Eine neue Identität für die FDP

Es war ebenfalls Scheel, der erste deutsche Entwicklungshilfeminister, der 1966 mit seinem ohne Vorwarnung verkündeten Rücktritt als Minister, dem seine FDP-Kollegen folgen mussten, Kanzler Ludwig Erhard aus dem Kanzleramt kippte. Wiederum stürzte Scheel seine Partei in eine schwere Krise mit mitleidlosen internen Kämpfen. Sie führten zum Sturz des rechtsliberalen Erich Mende und zur Wahl Scheels zum neuen Parteichef im Jahr 1968. Und erneut war Scheel die treibende Kraft, die hinter der Wahl des SPD-Politikers Gustav Heinemann im März 1969 zum Bundespräsidenten mit Hilfe der FDP-Stimmen steckte.

Parallel dazu betrieb er die innenpolitische Neuaufstellung der Honoratioren-Partei FDP, die mit den dann 1971 beschlossenen, inzwischen legendären "Freiburger Thesen" zu einer neuen programmatischen Identität der FDP führte. Die FDP war damit endgültig fit für die bis 1982 dauernde politische Partnerschaft mit der SPD, innen- wie außenpolitisch.

Walter Scheel mit Helmut Schmidt
Walter Scheel (vorne rechts) und die sozialliberalen Granden: Die FDP-Spitzenleute Wolfgang Mischnick (vorne links), Hans-Diedrich Genscher (vorne Mitte) und die SPD-Spitzen Helmut Schmidt (hinten links), Herbert Wehner (hinten Mitte) und Heinz Kühn (hinten rechts) 1974 in Bonn
© Peter Popp/DPA

Der Motor hinter der Wandlung

Walter Scheel war der Motor, der hinter der Wandlung der FDP zu einer Partei der modernen, aber dennoch der fürsorglichen Sozialpolitik verpflichteten Marktwirtschaft und des entschiedenen Kampfes für Bürgerrechte steckte. Bis zuletzt warnte er später als Ehrenvorsitzender der FDP davor, den Liberalismus inhaltlich auf ein Steuersenkungsprogramm abzumagern. Unvergessen, wie er seiner Partei und ihrem damaligen Generalsekretär Guido Westerwelle per Interview im stern im Januar 1998 von seinem österreichischen Ferienhaus aus die Leviten las. Einen "totalen Stillstand der Politik" warf er der CDU/FDP-Regierung Kohl vor. Man muss "in der Politik auch eine Nase haben und erkennen, wann der Wechsel geboten ist." Und auf die Frage, ob die FDP vielleicht eine Erholungspause in der Opposition brauche, antwortete er: "Das ist immer wieder ein reizvoller Gedanke." Und er verabschiedete sich mit einem heiteren Lächeln und der Bemerkung: "Grüßen Sie doch bitte herzlich meine Parteifreunde zuhause."

Auch das war typisch Scheel. Selbst wenn es politisch eng auf eng ging, er wahrte die lockere Contenance mit unerschütterlicher Nervenstärke. Und eng wurde es in seinem Bündnis mit Willy Brandt fortwährend. Bei der Unterzeichnung der Ostverträge (1970), beim Kampf um ihre Ratifizierung durch den Bundestag, ebenso beim Versuch der CDU/CSU die Regierung Brandt/Scheel 1972 durch ein konstruktives Misstrauensvotum zu stürzen.

Bravouröse Leistung als Außenminister

Natürlich ist die neue Ostpolitik in besonderer Weise mit dem Namen von Egon Bahr verknüpft. Aber unumstritten ist die bravouröse Leistung des Außenministers Scheel bei den entscheidenden Gesprächen um den Moskauer Vertrag, der letztlich den Schlüssel darstellte, um die Verkrustungen der Nachkriegszeit zwischen Ost und West aufzubrechen. Scheel akzeptierte die Festschreibung der neuen europäischen Grenzen, auch die Anerkennung der DDR, bestand aber unbeirrbar auf den Anspruch der Deutschen auf eine Wiedervereinigung "in freier Selbstbestimmung", wie es in seinem "Brief zur deutschen Einheit" an seinen Amtskollegen Gromyko heißt. Scheel war bis zu seinem Tod davon überzeugt, dass der Kreml sich auch in der Nacht des Mauerfalls davon beeinflussen ließ.

Mitte der 70er-Jahre waren die Liberalen wieder da. Mit neuem Selbstbewusstsein. Politisch gestärkt. Programmatisch auf der Höhe der Zeit. Für ihren Vorsitzenden der geeignete Zeitpunkt, das neue Ziel anzusteuern: das Amt des Bundespräsidenten. Parteichef war er gewesen, Außenminister auch, sogar amtierender Bundeskanzler während der Tage zwischen dem Rücktritt Brandts im Mai 1974 und dem Amtsantritt Helmut Schmidts. Eine stattliche Bilanz.

"Ich bin immer unterschätzt worden"

Gegen einen Bundespräsidenten Scheel waren dennoch viele, Amtsinhaber Heinemann voran, wiewohl er dem Liberalen das Amt verdankte. Brandt redete von "Fahnenflucht", als Scheel seinen Anspruch aufs höchste Staatsamt anmeldete. Zu leichtgewichtig nannten die Kritiker den Mann, den sie bis dahin als unersetzbaren Garanten des Machtwechsels geachtet hatten. Die Medien warnten, ins Präsidialamt gehöre doch kein Schlagersänger mit "Merino-Löckchen" und Kavalierstüchlein im Jackett. Scheel ließ sich, wie schon so oft zuvor, nicht beirren: Im Mai 1974 setzte er sich gegen Richard von Weizsäcker durch, mit 530 zu 498 Stimmen. Wieder ein Erfolg für den Mann, der von sich sagte: "Ich bin immer unterschätzt worden, was vielleicht mein Vorteil war."

Walter Scheel und Konrad Adenauer
Walter Scheel (links) und die schwarzgelben Granden: Hier mit den CDU-Spitzen, Konrad Adenauer (2. v. l.) und Ludwig Erhard
© Alfred Hennig/DPA

Lockerer und fröhlicher ging kein anderer Präsident sein Amt an. Und Scheel schien es geradezu darauf anzulegen, die Vorurteile gegen sich zu bestätigen. Staatsbesuch in Frankreich: Da musste doch ein privates Abendessen beim Drei-Sterne-Koch Bocuse in Lyon eingeschoben werden. Staatsbesuch in der Sowjetunion: Gastgeber Scheel ließ Tafelsilber, grüne Kerzen und Helgoland-Hummer samt Floristin für die Tischdekoration einfliegen. Er hielt gerne Hof, fuhr zuweilen im weißen Porsche zum Golfplatz oder zum Pferderennen, für die Anzüge nahm der Münchner Edel-Schneider Dietl Maß. Frack und Zylinder trug der Staatsmann Scheel mit großer Selbstverständlichkeit. Der deutsche Sekt verschwand vom Tisch des Präsidenten, dort perlte fortan französischer Pommery. Scheels zweite Frau Mildred (gestorben 1985), Gründerin der Deutschen Krebshilfe, musste manches Kopfschütteln ausgleichen, das er verursachte.

"Freier Mitarbeiter der Bundesrepublik Deutschland"

Die sehr deutschen Erwartungen an die Würde eines Bundespräsidenten erfüllte er nicht. Wollte er bewusst nicht erfüllen. Aber als er nach einiger Zeit die Enge akzeptiert hatte, die das Grundgesetz dem Präsidenten setzt, profilierte er sich mit bemerkenswerten Reden. Zur Umweltpolitik und zur Kernenergie, zum Wertewandel und zur Mitbestimmung. Gerne hätte er 1979 noch einmal kandidiert, doch bei der Union, vor allem der CSU, die inzwischen die Mehrheit in der Bundesversammlung hatte, war der Mann nicht durchsetzbar, der sie zehn Jahre zuvor auf die Oppositionsbank gesetzt hatte.

Walter Scheel kündigte danach an, fortan als "freier Mitarbeiter der Bundesrepublik Deutschland" aktiv zu sein. Also dem treu zu bleiben, was er Zeit seines Lebens immer gewesen ist.


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