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Forsa-Chef Güllner Kretschmann ist nah am Bild des "idealen Ministerpräsidenten"

Baden-Württembergs alter und neuer Ministerpräsident Winfried Kretschmann
Hat selbst CDU-Stammwähler umgedreht: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Grüne
© Michaela Rehle/Reuters
Mehr als 30 Prozent für die Grünen - Entschuldigung, kann Kretschmann auch über Wasser laufen? Ein Gespräch mit Forsa-Chef Güllner über Kretschmann, die Merkel-Dissidenten in der CDU und den Adhoc-Erfolg der AfD.

Herr Güllner, Winfried Kretschmann hat mit 30,3 Prozent ein historisches Wahlergebnis eingefahren. Überrascht Sie das?

Nein. Dass es einen "Kretschmann-Sog" gibt, war schon länger zu beobachten. Zuletzt überholten die Grünen sogar noch die CDU, weil deren Spitzenkandidat Guido Wolf schwere Fehler machte. Erstens distanzierte sich Wolf von Angela Merkel, seiner Kanzlerin - was seine Glaubwürdigkeit beschädigt hat. Zweitens nahm er an, dass die Flüchtlingsfrage das wichtigste Thema für seine Wähler sei. So ist es aber nicht. Die Flüchtlingsfrage war nur für die AfD-Wähler wahlentscheidend.

Ist Kretschmann ein erfolgreicher Solist - oder wird sein Sieg auch auf die Gesamtpartei abstrahlen?

Der Erfolg Kretschmanns bedeutet für die Gesamtpartei wenig. Wir sehen das ja an den Ergebnissen von Rheinland-Pfalz. Der Fukushima-Effekt ist verpufft, die Grünen sind dort wieder auf ihre Kernwähler zurückgefallen. Baden-Württemberg ist ein Sonderfall.

Über Helmut Schmidt hieß es, er sei der richtige Kanzler, aber in der falschen Partei. Kann man über Kretschmann sagen: Er ist der richtige Ministerpräsident, aber in der falschen Partei? Beschreibt das in etwa die Sicht der Wähler auf ihn?

Nein. Die Grünen sind im Ländle kein Schreckgespenst mehr. Dafür hat Kretschmann gesorgt. Er entspricht den Erwartungen an einen idealen Ministerpräsidenten fast vollkommen. Das hat sogar viele CDU-Wähler bewegt, erstmals ihr Kreuzchen bei den Grünen zu machen. Ich habe das noch nie erlebt: CDU-Stammwähler im Alter von 60 plus wechseln zu den Grünen! Das ist absolut neu. Normalerweise bleiben die von ihrer Partei Verärgerten zuhause.

Forsa-Chef Manfred Güllner
Professor Manfred Güllner, 74, führt das Meinungsforschungsinstitut Forsa in Berlin. Für den stern erstellt Forsa den wöchentlichen Wahltrend. Während der rot-grünen Regierung beriet Güllner Kanzler Gerhard Schröder.

Hat es Kretschmann geholfen, dass er sich in der Flüchtlingspolitik so eindeutig zur Kanzlerin bekannt hat - und später sogar Horst Seehofer in Schutz nahm? Er hat die Union ja an sich gedrückt, dass es nur so quietschte.

Das darf man nicht überschätzen. Die Flüchtlingsfrage war nicht das einzige und wichtigste Thema. Kretschmann hat mit vielen Qualitäten überzeugt.

Haben Guido Wolf - sowie Julia Klöckner in Rheinland Pfalz und Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt - mit ihrer Merkel-Kritik die Bevölkerung verunsichert und damit die AfD stark gemacht?

Das lässt ganz eindeutig so sagen, zumindest für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Sachsen-Anhalt ist mir ein Rätsel, muss ich gestehen. Ich verstehe noch nicht, was da vor sich geht. Bei der Europawahl und der Bundestagswahl 2013 waren die Stimmanteile für die AfD dort noch unterdurchschnittlich. Jetzt sind sie überdurchschnittlich. Die Gründe für diesen Sprung müssen wir uns noch genauer ansehen.

Ein Grund ist sicherlich: Die AfD bisherige Nichtwähler mobilisiert.

Ja. Die Afd hat in Sachsen-Anhalt das latent vorhandene Potential von Leuten, die rechtsradikalem und ausländerfeindlichem Gedankengut anhängen, voll ausgeschöpft. Aber da ist noch mehr. Die AfD wurde sowohl in den Umfragen als auch in den Wahlprognosen am Sonntag um fast drei Prozentpunkte unterschätzt.  Das ist außergewöhnlich. Offenbar verleugneten viele Leute am Telefon und bei Nachwahlbefragungen, dass sie AfD wählen. Dieses Phänomen tauchte zuletzt Anfang der 90er Jahre auf, als die Republikaner stark wurden. Insofern ist zumindest der Typus bekannt: Wir haben es hier mit Protestwählern zu tun, die den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen wollen. Rechtsradikale plus Protestwähler, das macht den AfD-Erfolg aus. Das ist so schon lange nicht passiert.

Noch mal zurück zu Baden-Württemberg. Kretschmann hat Schwierigkeiten, eine Koalition zu bilden, weil die CDU versucht, mit einer Deutschland-Koalition Wolf zum Ministerpräsidenten zu machen. Ist die CDU mit diesem Versuch gut beraten?

Nein. Alle Umfragen haben gezeigt, dass die Baden-Württemberger Kretschmann als Ministerpräsident behalten wollen. Eine Koalition gegen ihn wäre ein Affront, die Leute wären schwer verärgert. Wolf würde sich keinen Gefallen tun.

Die SPD müsste mitmachen beim Kretschmann-Sturz.

Auch und gerade für die SPD wäre es ein fataler Fehler, bei einer Deutschland-Koalition mitzumachen. Wenn jetzt wieder die Machtpolitik Oberhand gewinnt, dann ist das nur Wasser auf die Mühlen der AfD.

Sie sagten vorhin, Kretschmann komme dem Bild eines "idealen Ministerpräsidenten" nahe. Was heißt das konkret?

Der Begriff Landesvater passt gut. Kretschmann hat all' die Eigenschaften, die man von einem Landesvater erwartet. Er ist ruhig und besonnen, und wird als bodenständig, sympathisch und kompetent eingeschätzt. Mehr geht in Umfragen nicht.


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