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Winfried Kretschmann: Der "Papst von Baden-Württemberg" ist nicht unfehlbar

Gauck, Jauch, CDU - alle loben Kretschmann über den grünen Klee. Eitel Sonnenschein bei Grün-Rot ein Jahr nach dem Sensationssieg bei der Landtagswahl im Ländle? Ausgerechnet zum Jubiläum ziehen wieder dunkle Wolken auf und der geschlagene Riese rappelt sich langsam auf.

Selbst Joachim Gauck ist angetan vom ersten grünen Regierungschef. "Wie Kretschmann es schafft, so wenig wie möglich als Parteienpolitiker zu agieren, das ist bewundernswert", sagte Gauck in Stuttgart noch vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten. Es war wie ein Ritterschlag für Winfried Kretschmann knapp ein Jahr nach dem historischen Erfolg von Grünen und SPD bei der Landtagswahl am 27. März 2011. Vor Gauck hatte bereits Fernsehmann Günther Jauch den engagierten Katholiken zum "Papst von Baden-Württemberg" erklärt. Und sogar in der entthronten CDU wird der 63-jährige Grüne im kleinen Kreis mit dem früheren Landesvater Erwin Teufel verglichen.

Also eitel Sonnenschein beim ersten grün-roten Jubiläum? Es gibt Argumente dafür: Die Zerreißprobe in der Koalition um das Bahnprojekt Stuttgart 21 ist seit der Volksabstimmung so gut wie überstanden. Bei der geplanten "Verspargelung" des bisherigen Atomlands Baden-Württemberg mit Windrädern gibt es kaum Gegenwind. Grün-Rot bekommt sogar vom Mittelstand Bestnoten, obwohl Kretschmann unbeirrt an dem Satz "Weniger Autos sind besser als mehr" festhält.

Doch ausgerechnet zum Jubiläum verkündet Kretschmann die erste große Hiobsbotschaft. Nach zwei Jahren mit der schwarzen Null rutscht das Land 2013 wieder tief in die roten Zahlen. Die Opposition übergießt ihn und SPD-Finanzminister Nils Schmid mit Hohn und Spott. Klar ist aber, dass nicht Grün-Rot in den vergangenen 60 Jahren den Altschuldenberg von 43,3 Milliarden Euro aufgetürmt hat. Zudem steht Schmid wegen seiner angekündigten Hilfen für Schlecker-Beschäftigte unter Druck. Eine Transfergesellschaft ist nach wie vor nicht sicher.

SPD und CDU sind unzufrieden

Im Februar unterlief Kretschmann der erste dicke Fehler, wie er einräumt. Er versuchte, per Handstreich alle vier Regierungspräsidenten zu ersetzen, und erlitt damit Schiffbruch. Selbst der Tübinger Politikprofessor Hans-Georg Wehling, der Kretschmanns "Politik des Gehörtwerdens" als Kontrastprogramm zum "Basta-Stil" von Ex-Regierungschef Stefan Mappus (CDU) gelobt hatte, sieht "Schatten auf der Lichtgestalt". Aus der SPD-Spitze heißt es schadenfroh: "Kretschmann ist gar kein Papst." Der Regierungschef selbst räumt ein, er habe gemerkt, dass "das Geschäft des Regierens zäher ist, als ich dachte". In der Praxis stellten sich viele Dinge schwieriger dar, sagte Kretschmann der "Schwäbischen Zeitung".

Nicht nur Wehling hat den Eindruck, dass die SPD immer noch mit dem Status des Juniorpartners hadert. In einem Papier für eine Parteiklausur im Januar führt die SPD-Spitze unter der Rubrik "Was haben wir?" folgenden ersten Satz auf: "2016 wollen wir den Ministerpräsidenten/die Ministerpräsidentin stellen".

Da sind die Genossen nicht die einzigen. Die immer noch bestens vernetzte CDU sucht vor allem im ländlichen Raum Verbündete gegen Kretschmann und Co. Die Kampfansage von CDU-Fraktionschef Peter Hauk lautet: "Wir werden alles dafür tun, dass Grün-Rot eine Episode bleibt." Nach dem Erfolg bei der Volksabstimmung sei die Zuversicht zurückgekehrt. "Das hat gezeigt, dass Baden-Württemberg nicht über Nacht grün geworden ist." Immerhin hatte die CDU bei der Wahl am 27. März ja auch 39 Prozent geholt und wurde mit Abstand stärkste Kraft.

Die Schonzeit ist vorbei

Mit Landeschef Thomas Strobl macht sich Hauk an die Modernisierung der CDU. Die Fraktion legte erstmals Leitlinien zur Integration vor. Dann positionierte Hauk die CDU in der Energiepolitik neu - hin zu erneuerbaren Energien. Strobl rief 2012 zum "Jahr der Frauen" aus.

Wer die jüngsten Angriffe von Schwarz-Gelb auf Grün-Rot liest, dem ist klar, dass die Schonzeit endgültig vorbei ist. Die Attacken können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die FDP weiter angeschlagen ist - nicht nur wegen des Umfragetiefs der Bundespartei. Kretschmann bleibt unterdessen gelassen und provoziert: "Bis jetzt hat mich die Opposition noch nicht sehr gefordert. Das darf sich ruhig ändern."

Henning Otte, DPA / DPA