HOME

Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Ziemlich beste Feinde: Schäuble und Varoufakis

Der Bundestag hat die Verlängerung des Hilfsprogramms für Griechenland abgenickt. Wie geht es jetzt weiter? Das Verhältnis der Finanzminister Schäuble und Varoufakis ist zerrüttet.

Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein griechischer Kollege Yanis Varoufakis

Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein griechischer Kollege Yanis Varoufakis

Es ist nicht zu überhören. Wolfgang Schäuble hat die Nase gestrichen voll. "Es fällt uns sehr schwer", sagte der deutsche Finanzminister im Bundestag. "Es ist viel Vertrauen zerstört worden." Damit meint er vor allem seinen griechischen Amtskollegen Yanis Varoufakis. Der hatte diese Woche, allen gemeinsamen Vereinbarungen zum Trotz, erneut über einen Schuldenschnitt für sein Land spekuliert. Und Varoufakis glaubte, seinen Kollegen in der Eurozone drohen zu können: "Wenn Ihr denkt, Ihr tut gut daran, progressive Regierungen wie unsere zur Strecke zu bringen, dann macht Euch auf das Schlimmste gefasst."

Trotz dieser Ausfälle stimmte der Bundestag mit großer Mehrheit dafür, das EU-Programm für Griechenland zu verlängern. Dafür hatten die Kanzlerin, Schäuble, die SPD und selbst der Bundespräsident geworben. Aber der Groll bleibt. Und er mag sich an anderer Stelle noch mal Bahn brechen. Denn diesmal ging es nicht um frisches Geld, sondern nur um Zeit, also um eine Verlängerung der Frist, innerhalb der Griechenland vereinbarte Reformen umgesetzt haben soll, damit es die nächste, bereits einkalkulierte Tranche erhalten kann. Bei der nächsten Abstimmung, die vermutlich schon im Sommer ansteht, wird der Bundestag über Bares sprechen müssen. Über weitere Finanzhilfen und Bürgschaften. Dann ist Bambule.

Protagonisten des Finanzkrimis

Deswegen ist das Verhältnis der Finanzminister zueinander, also Schäuble und Varoufakis, nicht ganz unwichtig. Zwar entscheiden am Ende des Tages die Staats- und Regierungschefs. Aber die können die Autorität ihrer Finanzminister, die faktisch das jeweils wichtigste Kabinettsmitglied sind, nicht nach Belieben in Frage stellen. Also kommt es auf diese beiden Männer an. Schäuble, Vertreter der größten Volkswirtschaft der EU und informeller Capitano von 18 Finanzministern der Eurozone. Und Varoufakis, Vertreter des von Krisen zerrütteten Griechlands und Einzelkämpfer in Brüssel.

Die beiden Protagonisten sind wie gemalt für einen Finanzkrimi. Mehr Gegensatz geht nicht. Alt gegen jung. Nord gegen Süd. Reich gegen Arm. Rechts gegen links. Jurist gegen Ökonom. Hier der alte, grauhaarige Pflichtmensch aus dem Badischen, der in seinem politischen Leben schon viele Niederlagen einstecken musste. Dort der virile Quereinsteiger, der mit dem Motorrad zum Athener Parlament knattert, und gerne das Hemd aus der Hose hängen lässt. Das ist ein Clash of Cultures. Kaum vorstellbar, dass diese beiden Männer in diesem Leben zueinander finden werden. Schon auf der Arbeitsebene ist es schwierig. Schäuble ist schier ausgeflippt, als Varoufakis in Brüssel ökonomische Vorträge hielt. Und er fühlte sich geleimt, als die Griechen in einem Brief die Verlängerung des Programms beantragten, aber sich nicht an den zuvor vereinbarten Wortlaut hielten. Sie hatten die Zeilen, in denen sie sich zu Zugeständnissen verpflichten, einfach weg gelassen. Kein Wunder, dass das deutsche Finanzministerium sofort zurückkofferte, der Brief sei substanzlos.

Clash und Crash

Was Varoufakis und Schäuble im Umgang miteinander brauchen ist: Vertrauen. Anders wird es nicht funktionieren. Um dieses Vertrauen herzustellen, müssten die dauernden Vorwürfe aus Deutschland aufhören, dass die Griechen ohnehin nur tricksen und das Geld anderer Leute verbraten. Andererseits müsste die Syriza-Administration die populistische Rhetorik einstellen, dass allein Deutschland und die anderen Euro-Staaten Schuld an Elend des Landes seien. Und sie müsste dokumentieren, dass sie zuverlässig mit den Euro-Staaten zusammenarbeitet.

Schäuble und Varoufakis haben die Lunte in der Hand. Sie können sie anzünden und die Eurozone sprengen. Schäuble tut es nicht, weil er die politischen Konsequenzen fürchtet. Es könnte der Anfang vom Ende der Integration Europas sein, daran hat er sein Leben lang gearbeitet. Varoufakis tut es nicht, weil er die ökonomischen Folgen fürchtet. Nach einem Grexit würde es den Griechen noch deutlich schlechter gehen als jetzt, das kann ein Linker nicht wollen. Diese Rationalität auf beiden Seiten verhindert eintweilen, dass aus dem Clash ein Crash wird. Aber das reicht nicht, um auch etwas zum Positiven zu wenden. Es braucht: Vertrauen.

Mehr zum Kampf des deutschen Finanzministers

... lesen Sie im aktuellen stern ab Seite 56, "Der Euro-Bond".

Von Lutz Kinkel