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Zum Tode von Hannelore Schmidt: Danke, Loki!

Loki Schmidt ist tot. Sie war mehr als "die Frau an seiner Seite". Sie war Botanikerin, Beraterin, Mutter. Mit der Zigarette in der Hand. Eine Würdigung.

Von S. Kemnitzer, L. Kinkel, H. P. Schütz

Ich habe weder vor der englischen Königin noch sonst vor irgendwelchen gekrönten Häuptern einen Knicks gemacht. Irgendwie widerspricht diese Geste meiner persönlichen Grundhaltung.

(Loki Schmidt in ihrem Buch "Auf dem roten Teppich und fest auf der Erde")

Ein im besten Sinne altes Ehepaar, er im Rollstuhl, sie daneben, im Hintergrund die weiß getünchte Tapete ihres Bungalows in Hamburg-Langenhorn. Beide schmauchen eine Zigarette. Sie haben die Welt gesehen, Kennedy, Mao, die Queen, Ceausescu, haben die Sturmflut in Hamburg 1962 erlebt, den Mauerbau, wurden von Terroristen bedroht und mit unzähligen Preisen geehrt. Dieses Ehepaar also, lebende Geschichte schon, plaudert so munter, als hätten sie nie mehr gehabt als sich selbst. Sie würden im Alter immer alberner werden, sagt Helmut Schmidt. Natürlich erst am späten Abend, nach der üblichen Partie Schach. Und dann? Loki sagt: "Abends sind wir nach Schach und noch ein bisschen dummes Zeug reden so müde, dass wir schnell in die Koje gehen." Helmut lächelt.

Eine der vielen berührenden Szenen aus der ARD-Dokumentation "Wir Schmidts" vom Februar 2009, dem vielleicht persönlichsten Einblick in eine Ehe, die damals schon 67 Jahre hielt. Anlass für den TV-Film war der bevorstehende 90. Geburtstag von Loki, deshalb war sie die Hauptperson, beantwortete die meisten Fragen und sagte "Nee", wenn sie nichts sagen wollte.

Briefe, säckeweise

Nebenperson, die "Frau an seiner Seite", war Loki Schmidt auch, aber nicht nur. Wer sie in den 80er-Jahren im Sommerhaus des Ehepaares am Brahmsee traf, erlebte eine Frau, die so eigenständig und selbstbewusst war, wie es Hannelore Kohl nie gewesen ist. Die ihrem Mann zwar im Schach meistens unterlag, ihn aber an der Tischtennisplatte auspunktete. Die ihre Pflanzen stolz vorführte, sie auch goss, aber ihren Mann mit sanftem Zwang dazu nötigte, das Grünzeug ebenso zu bewundern.

Die Entscheidung, trotz aller Nähe zur großen Politik Hannelore "Loki" Schmidt zu bleiben, fiel früh. Sie, die Tochter eines Werftarbeiters, aufgewachsen in der Schleusenstraße in Hamburg-Hammerbrook, fünf Menschen auf 28 Quadratmetern, wusste, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: sich selbst aufgeben oder eine eigene Welt erschaffen. Also blieb sie Lehrerin, auch als es aus finanziellen Gründen gar nicht mehr nötig war. Und sie wurde eine weltweit beachtete Botanikerin, obwohl sie sich auf karitative Tätigkeiten hätte beschränken können. Selbst als Helmut Schmidt 1974 Bundeskanzler wurde, ließ sie sich nicht in eine repräsentative Rolle pressen. Einzige Konzession: Sie beantwortete Postsäcke voller Briefe, die ins Bonner Kanzleramt geschleppt wurden. Briefe von Bürgern an Helmut Schmidt.

Helmut Schmidts Bekenntnis

Sie sei "vom lieben Gott sicherlich nicht als politisch interessierter Mensch gedacht" gewesen, sagte sie mal. Beraten hat sie Helmut Schmidt trotzdem, vor allem in seinen schwersten Jahren, den Jahren des Terrors. Als die RAF 1977 die "Landshut" entführte, um Gesinnungsgenossen freizupressen, und die Lufthansa-Maschine in Mogadischu stand, entschied sich Helmut Schmidt erst nach ausführlichem Gespräch mit seiner Frau - dafür, standhaft zu bleiben, die Erstürmung zu wagen und damit auch, wäre es missglückt, sein Amt zu riskieren. Sie sei eine "Angeheiratete der Politik", sagte Loki Schmidt später. Er schrieb im Vorwort zu ihrem Buch "Auf dem Roten Teppich und fest auf der Erde": "Loki ist oft 'Volkes Stimme' für mich gewesen. Im Rückblick auf die dreizehn Jahre meiner Zugehörigkeit zu mehreren Bundesregierungen muss ich bekennen: Loki ist in diesen Jahren eine unverzichtbare Hilfe für mich gewesen - und für manch anderen auch." Dafür sage er Danke.

Das war, im preußischen, von Pflichtgefühl und Bescheidenheit imprägnierten Haushalt der Schmidts, schon eine Liebeserklärung. "Wir sind alle drei keine Leute, die ständig ihr Innerstes nach außen kehren", hatte Lokis einzige Tochter Susanne 2008 in einem Interview mit dem stern gesagt. Loki reagierte auf die Worte ihres Mannes auf ihre Weise. "Als ich das gelesen habe, bin ich humpelnd zu meinem Mann gegangen und habe mich mit einem Küsschen bedankt." Ein solches öffentliches Bekenntnis habe sie ihm gar nicht zugetraut.

Gespräch mit Hirohito über Fische

Noch am gestrigen Mittwochabend, Helmut Schmidt hielt einen Vortrag im deutsch-japanischen Zentrum in Berlin, sprach er voller Bewunderung über seine Frau. In den 70er-Jahren seien sie gemeinsam zum Essen beim japanischen Kaiser Hirohito eingeladen gewesen. Der Protokollchef habe allen eingeschärft, dass niemand den Tenno ansprechen dürfe, nur er selbst könne ein Gespräch beginnen. Loki habe sich nicht daran gehalten. "Sie verwickelte Hirohito in ein langes Gespräch über den Schutz der Natur", sagte Schmidt. "Sie hatte in ihrer Jugend einmal in einer wissenschaftlichen Zeitschrift einen von Hirohito verfassten Artikel über bestimmte Fische gelesen." Der Kaiser sei so angenehm überrascht gewesen, dass er Loki einlud, seine private Bonsai-Sammlung zu besichtigen.

So machte es Loki Schmidt immer wieder. Sie nutzte die politische Karriere ihres Mannes, um bedeutende Menschen für den Naturschutz zu begeistern, der ihr ein Herzensanliegen war. Als Botanikerin war sie international bekannt, sie erhielt diverse Auszeichnungen, darunter einen Professorentitel der Universität Hamburg, und gründete die "Stiftung zum Schutz gefährdeter Pflanzen". Seit 1980 kürte sie die "Blume des Jahres", ein Ananasgewächs, das sie auf einer Forschungsreise in Mexiko fand, trägt sogar ihren Namen: "Pitcairnia Loki-Schmidtii nov. spec."

Die doppelte Tragödie

War das der Ehrgeiz ihres Lebens gewesen? "Ich wollte ja eigentlich immer sechs Kinder haben, eine Großfamilie, das war mein Traum als Kind. Dann hätte ich sicher keine Zeit gehabt für die Pflichten als Kanzlergattin. Und mein Mann wollte ursprünglich Architekt werden. Eine Zeitlang gab es sogar das Angebot, nach Amerika auszuwandern", sagte sie in ihrem letzten großen Interview mit der "Bild". "Es kam eben anders. Und ich bin sehr zufrieden und glücklich darüber, wie es uns ergangen ist."

In der TV-Doku "Wir Schmidts" sprachen Helmut und Loki auch über das Alter und den Tod. Sie legte ihm die Hand sachte auf das Knie und sagte: "Ich möchte lieber, dass wir beide gemeinsam davongehen." "Das hast Du nicht zu entscheiden. Und ich auch nicht", entgegnete Helmut Schmidt. Loki dachte einen kurzen Moment nach und sagte: "Und das ist auch gut so."

Loki Schmidt starb im Alter von 91 Jahren in ihrem Haus in Hamburg-Langenhorn.

Helmut Schmidt war in dieser Nacht in Berlin.

Für ihn ist das eine doppelte Tragödie.