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"Wilhelm Gustloff": "Seid still, wir müssen alle sterben"

An Bord der "Wilhelm Gustloff" befinden sich mehr als 6000 Menschen, die meisten davon sind Frauen und Kinder. Manche, die das Unglück am 30. Januar 1945 überlebt haben, sind nicht sicher, ob sie nicht lieber mit ihrer Familie untergegangen wären.

Von Peter Sandmeyer

Der 30. Januar war ein denkwürdiger Tag. Jahrestag der Machtergreifung durch die Nazis. Und Geburtstag des Mannes, nach dem das Schiff benannt war, des 1936 ermordeten NSDAP-Statthalters in der Schweiz, Wilhelm Gustloff. Er würde ihm ein "bleibendes Denkmal" setzen, hatte der Führer der Witwe Gustloffs nach der pompösen Beisetzung in Schwerin versprochen. Ein Jahr später wurde das weiße "Schiff der Lebensfreude" in Hamburg auf seinen Namen getauft.

Als das "bleibende Denkmal" am 30. Januar 1945 Gotenhafen verließ, mit 6000 Menschen an Bord, mehr als 3000 davon Kinder, war es auch für die Marinehelferin Waltraud Lilischkis ein denkwürdiger Tag: ihr 21. Geburtstag. Tag der Volljährigkeit. Voller Wehmut dachte sie an das vergangene Jahr zurück, als sie noch zu Hause in Memel gefeiert hatte, mit der Familie und vielen Freunden, mit Geburtstagstorte, Kerzen und Lebenslicht. Seither war ihr Vater gefallen, die Mutter aus Memel geflohen, die Freunde in alle Winde zerstreut und sie damit beauftragt, die täglich häufiger werdenden Meldungen über anfliegende "Feindverbände" am Telefon entgegenzunehmen und weiterzuleiten.

Verlegen der Einheit

Nun sollte sie mit ihrer Einheit nach Westen verlegt werden. "Wie wir wegkommen, wissen wir noch nicht", hatte sie sechs Tage zuvor an ihre Mutter geschrieben, "Ich glaube, mit dem Schiff. Weißt du, Muttichen, wir haben solch eine große Angst, mit dem Schiff zu fahren, denn die Ostsee ist doch so vermint."

Trotz der gedrückten Stimmung und der grassierenden Seekrankheit an Bord wollte Waltraut Lilischkis am Abend ein bisschen feiern. Gleich nach der Wache des Fähnrichs, mit dem sie befreundet war, sollte um 21 Uhr der Kuchen angeschnitten werden, den ihr ein Schiffskoch zur Feier des Tages gebacken hatte. Kurz bevor es soweit war - die Radios an Bord begannen gerade die Führer-Rede aus Berlin zu übertragen -, gab es plötzlich eine Detonation, der erste Torpedo des sowjetischen U-Bootes "S 13" hatte die "Gustloff" getroffen. "Ein schreckliches Geräusch, das hörte sich an, als ob ein Glasschrank auf Glas fällt."

Das Geburtstagskind hatte Glück. Anders als ihre seekranke Freundin, die sie in der ausbrechenden Panik verlor und nie wiedersah, gelang es ihr, nach oben, auf das obere Promenadendeck, zu kommen, wo schon ein verzweifelter Kampf um jeden Bootsplatz entbrannt war.

"Wir müssen uns selber retten"

Wieder hatte sie Glück - ein U-Boot-Matrose, der die Lage nüchtern beurteilte, sagte zu ihr: "Keine Hoffnung auf Rettung von außen. Wir müssen uns selber retten." Er gab ihr seine dicke Jacke, zog die Schwimmweste darüber fest und half ihr über die Reling und über die Fenster des unteren Promenadendecks und den Schiffsbauch hinunter ins Wasser. Und noch einmal hatte sie Glück: Sie fand ein nicht vollbesetztes Rettungsboot, das sie aufnahm.

Stunde um Stunde trieben die Schiffbrüchigen dann in ihren nassen Kleidern im eisigen Sturm. Die Temperatur lag bei 17 Grad unter Null. "Irgendwann fingen die Leute an zu sterben. Die sackten in sich zusammen und sagten nichts mehr." Die Toten wurden von den Lebenden über Bord geworfen, damit das Boot leichter wurde und nicht mehr so viel Wasser übernahm. Und das Boot wurde leichter und leichter.

Ungefähr 35 waren an Bord gewesen, als die 21-Jährige in das Rettungsboot gezogen wurde. Fünf waren noch übrig, als das kleine Boot gegen zwei Uhr morgens endlich von einem Rettungsschiff entdeckt wurde. Geholfen haben Waltraud Lilischkis in diesen fünf Stunden der Wille und die Zuversicht, zu überleben. "Ich sagte mir die ganze Zeit, du musst dich retten, und du wirst dich retten. Geprägt haben diese Stunden aber bis heute. "In all den Jahren habe ich meinen Geburtstag nie froh begehen können." 99 Marinehelferinnen ihrer Einheit waren auf der "Wilhelm Gustloff". Sechs haben überlebt.

Panischer Kampf

Als die 21-jährige Waltraud sich über die Fenster des unteren Promenadendecks hinweg ins Wasser retten kann, ist die 32-jährige Edith Kupfer dahinter gefangen. Mit ihrem Mann Paul, der Tochter Trautchen und dem Sohn Harald. Vier von tausend, die unter Deck von Marinesoldaten zurückgehalten wurden, weil auf dem Oberdeck der panische Kampf um die Boote schon Tote gefordert hatte; und die plötzlich begriffen, dass sie ersaufen sollten wie junge Katzen im Dorfteich.

"Das Wasser kommt, das Wasser kommt", schrie es plötzlich aus der dichtgedrängten Menge, und einige begannen wie wild auf die Fenster einzuschlagen. Doch die hielten wie Panzerplatten. Nur unter der Decke war eine offene Luke, die frische Luft einließ - der einzige Ausweg. Ein Mann bemerkte ihn, kletterte auf die Schulter der kleinen Tochter von Frau Kupfer, zwängte sich hindurch.

"Ich wollte meine Kinder nachschicken", schreibt die Mutter später auf, "aber es ging ja nicht, denn das Wasser stieg zusehends an uns herauf. Das Schreien wollte kein Ende nehmen. Meine Kinder haben auch so sehr um ihr Leben gebeten, und ich als Mutter konnte nicht helfen, nur noch sagen : 'Seid still, wir müssen alle sterben.' Das war das letzte, dann schlug das Wasser über uns zusammen. Alles war mit einem Mal stumm, das Schiff nahm uns mit herab."

Unbarmherzig ins Leben zurückgeholt

Doch Edith Kupfer überlebte ihren Tod. Sie wurde durch die Luke gespült, kam an die Wasseroberfläche, wurde in ein Rettungsboot gezogen, verlor gnädig die Besinnung. Später, auf dem Torpedoboot "Löwe", wurde sie unter der heißen Dusche unbarmherzig ins Leben zurückgeholt. Die Kinder, denen sie nicht helfen konnte in der Stunde ihrer größten Angst, begleiten sie bis zu ihrem eigenen Tod 44 Jahre später. Noch Jahre hofft sie, dass vielleicht doch eines überlebt hat. Später sagt sie: "Harald würde jetzt eingesegnet." Oder: "Trautchen hätte jetzt vielleicht schon Kinder, und ich wäre Oma."

Sie lebt in Lübeck. Sie arbeitet, sie hält ihre Wohnung in Ordnung, sie wandert viel, läuft an jedem Wochenende, in jedem Urlaub, so, als wollte sie davonlaufen. "Sie hat ihr Leben in den Griff gekriegt", sagte die Schwester. Doch eine neue Partnerschaft geht sie nie ein. "Wenn Paul wiederkommt", sagt sie.

Die Nacht des Untergangs. Die Dunkelheit. Die Panik. Der Überlebenskampf. Der langsame Tod im eisigen Wasser. Das leise Sterben im schneidenden Sturm. Alles lange her. Abgenutzte Bilder.

Doch manchmal genügt ein Gesicht, der Anblick eines Schiffes, ein Ton wie Wellenschlag, ein ferner Schrei oder eine Wetterstimmung - und alles ist wieder da, wie ein Horror-Film.

"Im Herbst wird es schlimmer

Die 66-jährige Erika Merten steht am Wohnzimmerfenster ihres stillen Hauses in Klein-Winternheim bei Mainz, schaut in den Regen, der draußen das hüglige Land verschleiert, und sagt: "Im Herbst wird es schlimmer. Wenn der Himmel sich verdunkelt, verdunkelt sich mein Leben."

Mit ihrer Mutter und ihren kleinen Schwestern, sieben und neun Jahre alt, war die damals 19-jährige auf die "Gustloff" gekommen. Doch nach den Detonationen der Torpedotreffer war sie allein. Irgendwie kam sie an Deck, irgendjemand setzte sie in ein Rettungsboot, irgendwer brachte es zu Wasser. Da fängt der Film an. Eine Folge schneller Schnitte: Menschen, die in Trauben im Wasser treiben, Hände, die nach den Dollbords des Rettungsbootes greifen, Hand neben Hand angeklammert an das Boot, das langsam nach unten gezogen wird. Stimmen: "Kamerad, lass los, entweder du ertrinkst oder wir alle!" Der Schrei des Schiffsführers: "Wir müssen hier weg - nicht helfen, sonst gehen wir alle unter!" Aber dort, direkt neben ihr, da hängt doch eine Frau im Wasser. Erika will helfen, greift nach ihren Händen, aber der Schiffsführer ist schneller und - jetzt die quälende Großaufnahme - schlägt mit seinem Riemen auf die Hände der Frau ein, bis sie endlich loslässt und noch einmal aufblickt und versinkt.

Hat Erika Merten sie wirklich erkannt? Jedenfalls ist sie nie die Vorstellung losgeworden, dass diese Frau ihre Mutter war. Manchmal wacht sie nachts von ihren eigenen Schreien auf.

Eine Schwester überlebt

Im Lazarett in Kolberg, wo sie nach ihrer Rettung mit Lungen- und Rippenfellentzündung lag, fand sie ihre Schwester Herta wieder, die Neunjährige, die einzige der Familie neben ihr, die überlebt hatte. Doch Erika war zu krank, konnte sich nicht um die kleine Schwester kümmern. Eine Flüchtlingsfrau bot Hilfe an: Sie wollte das Mädchen mit sich nach Westen nehmen, zu einer Adresse in Eisleben. Später, als Erika wieder gesund war, suchte sie die Schwester. Aber die war dort niemals angekommen. Auch die Flüchtlingsfrau kannte keiner. Erst nach Jahren stellte sich heraus, dass die "hilfreiche" Frau es nur auf die goldene Uhr des kleinen Mädchens abgesehen hatte und das Kind stehenließ, kaum dass sie das Schmuckstück an sich gebracht hatte.

Die Neunjährige geriet in russische Gefangenschaft und tauchte erst 1950 wieder auf. Fertig geworden ist sie mit ihren Erlebnissen so wenig wie die ältere Schwester. Erika Merten sagt: "Diese Nacht hat mein Leben zerstört."

Erika und Herta: zwei von den 1252 Überlebenden der "Wilhelm Gustloff". Die Geretteten wurden sorgfältig gezählt und registriert. Die meisten waren "schiffsgewohnte junge Männer", die wenigsten Kinder. Auch die Toten wurden katalogisiert, soweit möglich. Etwa tausend starben durch die Explosionseinwirkung der drei Torpedos, die das Schiff trafen; 1500 waren noch in den diversen unteren Räumen des Schiffes eingesperrt, als es in die Tiefe sank; tausend ertranken im geschlossenen unteren Promenadendeck, als sie dort vom hereinbrechenden Wasser überrascht wurden; 1800 ertranken und erfroren in der Ostsee. Die Toten in dieser Statistik sind die Unglücklichen, die Geretteten die Glücklichen.

Das Leben wurde Überleben

Doch keiner zählte die, für die das gerettete Leben fortan nur noch Überleben war. Und niemand fragte nach dem Schicksal der Kinder, die der 30. Januar 1945 zu Waisen gemacht hatte.

Ulrich von Domarus zum Beispiel, der sein Leben lang ein "Suchkind" war, aber nie gefunden wurde. Der 48-jährige Schmelzer am Hochofen in Rheinhausen weiß bis heute nicht, wer er ist. Als Name steht in seinem Ausweis der seiner Pflegeeltern, als Geburtstermin der Tag, an dem die ihn aus dem Kinderheim in Kolberg holten, wo die geretteten Kinder der "Gustloff" untergebracht waren. Seine wirklichen Eltern, der Tag und der Ort seiner Geburt sind unbekannt. Den robusten Stahlarbeiter hat der Mangel an Identität nie sonderlich irritiert. "Ich habe es ja gut getroffen. Besser vielleicht als andere mit leiblichen Eltern."

Er betete jedes Mal

Als ihm eines Kindheitstages dämmerte, weshalb er "im Schnitt zweimal pro Jahr" zum Jugendamt musste, um dort wildfremden Menschen vorgeführt zu werden - "Gustloff"-Überlebenden auf der Suche nach ihrem vermissten Sohn -, da betete er jedes Mal, es möge ihn niemand mitnehmen, und er dürfe bei seiner Pflegemutter bleiben.

"Ich hatte nie das Gefühl" " sagt er, "dass sie nicht meine Mutter ist."

Das Gefühl hatte Heidrun Gloza immer. Auch sie war eine "Gustloff"-Waise. Auch ihr fehlte es an nichts im Hause des Ehepaares Vogler in der kleinen DDR-Stadt Eisleben. Anfangs hängt sie buchstäblich an ihren neuen Eltern, erträgt keine Trennung von ihnen, bekommt in jedem Menschengedränge, in dem sie verlorengehen könnte, panische Angst. "Auf Bahnhöfen, da habe ich die Hände meiner Stiefeltern immer ganz fest umklammert."

Nachts träumt sie von ihrer Mutter

Doch wenn sie abends im Bett liegt und noch nicht einschlafen kann, dann träumt die kleine "Gustloff"-Waise von ihrer wirklichen Mutter. Von ihrem Aussehen, ihrem Wesen, ihrer Güte; von den Geschenken, die sie machen, von den Geschichten, die sie erzählen würde; von dem Leben, das sie miteinander führen würden. Im Schlaf sieht sie die Mutter vor sich, schemenhaft, versucht zuzugreifen, festzuhalten. "Meine Gedanken waren immer auf der Suche nach ihr. Wie sieht sie aus? Wo gehörst du hin? Wer bist du eigentlich?"

Längst ist sie berufstätig, Krankenschwester, verheiratet, selbst Mutter von zwei Söhnen - "ein Glucken-Typ", sagt sie selbst. Und dann geschieht das Wunder: 36 Jahre nach ihrer Trennung in der Untergangs-Nacht der "Wilhelm Gustloff" finden sich Tochter und Mutter wieder. 75 Jahre alt ist die im Westen lebende Mutter inzwischen, 39 die Tochter. Ein Muttermal auf Heidruns Oberschenkel war der entscheidende Hinweis, das Rote Kreuz verhalf zur erbbiologischen Untersuchung und zum Wiedersehen. Es war "sehr fremd", findet die Tochter. "Erschütternd", sagt die Mutter, "wir haben geheult."

Jetzt erfährt Heidrun zum ersten Mal, wie es zu der Trennung von der Mutter gekommen war, unter der sie ihr Leben lang gelitten hat, Christa Böttcher, Gärtnereibesitzerin aus Adlershorst bei Gotenhafen, war schon Tage vor dem Auslaufen auf das Schiff gekommen, mit Tochter Heidrun, mit der Nachbarsfrau und deren fünf Kindern, mit zwölf Koffern und Kisten und reichlich Proviant. Alle zusammen hatten sie Quartier in einer Kabine des B-Decks gefunden. Als die sowjetischen Torpedos in die Backbordwand des Schiffes krachten, erlosch auch in ihrer Kabine das Licht; ein Schrank stürzte um und erschlug das jüngste Kind der Nachbarin in seinem Kinderwagen. Alle waren in Panik, wollten raus, aber die Tür der Kabine war verklemmt, sie waren gefangen. "Da haben wir uns einfach umarmt und gedacht: Jetzt ist es aus."

Angst vorm Verbrennen

Doch plötzlich sah Frau Böttcher vor den Bullaugen den roten Widerschein der abgeschossenen Notraketen und glaubte, das Schiff stünde in Flammen. Vor nichts hat sie solche Angst wie vor dem Verbrennen. Diese Angst war es, die ihr plötzlich Kraft verlieh, die Tür aufzubekommen. Auf dem Gang hastete ihnen ein Matrose entgegen und starrte sie entgeistert an. "Wo kommen Sie denn noch her?" Sie nahmen sich nicht die Zeit für eine Antwort, sondern drückten ihm zwei der kleinen Kinder in den Arm und drängten ihn, sie nach oben zu bringen, an Deck. Das war der Augenblick, in dem Frau Böttcher ihre Tochter zum letzten Mal sah - für 36 Jahre.

Ihre eigene Rettung verdankte die Mutter dem Umstand, dass sie vergessen hatte, Schuhe anzuziehen, und nur Strümpfe trug, als sie an Deck kam. "Wer Schuhe anhatte, rutschte auf dem vereisten schrägen Deck aus und kam gar nicht mehr zu den Booten." Sie wurde nach Rügen gebracht, die zweijährige Tochter von einem anderen Rettungsschiff nach Kolberg. So verloren sie sich.

Es ist kein gnädiger Gott, der ihre Gebete nach 36 Jahren endlich erhört und Mutter und Tochter in der DDR-Stadt Quedlinburg, wo Heidrun 1981 lebte, wieder zusammenführt. Die Mutter hilft der Tochter und ihrer Familie 1985 noch bei der Übersiedlung aus der DDR nach Braunschweig. Doch dann haben sie sich nur noch wenig zu sagen. "Man suchte das verlorengegangene Kind", sagt die Mutter, "und fand einen fertigen Menschen, ganz anders erzogen, als man es selbst getan hätte."

Die Ideale überlebten nicht

Beide hatten ein Phantom verfolgt: die eine das idealisierte Bild eines Kindes, die andere das einer Mutter. Die Ideale aber überlebten das Wiedersehen der realen Menschen nicht. Seit 1986 haben sie sich nicht mehr getroffen. "Ich leide darunter, dass wir nicht zusammen sind", sagt die Tochter leise, "früher habe ich's wenigstens nicht gewusst, dass ich eine Mutter habe. Jetzt weiß ich es und hab' doch keine."

Auch Peter Weise spricht leise, wenn er von seiner Mutter und seinem Leben erzählt. Am liebsten würde er gar nichts sagen, einfach anschweigen gegen all den Lärm und die Lügen, die seinetwegen verbreitet wurden.

Der heute 48-Jährige war der letzte Gerettete der "Gustloff"", ein kleines Bündel Mensch damals, anderthalb Jahre alt, dick eingewickelt in Decken und Mäntel, treibend in einem steuerlosen Ruderboot, dessen übrige Insassen alle schon erfroren waren. Das Vorpostenboot 1703 sichtete das kleine Totenschiff sieben Stunden nach dem Untergang der "Gustloff"", ais die Rettungsaktion wegen der klirrenden Kälte aussichtslos schien und schon eingestellt war.

Der Oberbootsmann behielt das Kind

Doch der kleine Junge, den Oberbootsmann Werner Fick in dem Rettungsboot fast übersehen hätte, lebte. Und der Bootsmann, dessen unerfüllter Wunsch schon lange ein Kind war, beschloss, den kleinen Findling der Ostsee zu behalten.

Eine Liebesgeschichte entwickelte sich zwischen dem elternlosen Kind, das jetzt Peter hieß, und seinen neuen Eltern, denen ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen war. Seine Erinnerungen: eine geborgene Kindheit, Zuneigung, Fürsorge. Aber auch eine seltsame Angst der Mutter. Wenn er mit seinen Kumpels zelten ging, wenn er zum ersten Mal bei einer Freundin blieb - immer diese Angst, er könnte ihr genommen werden. Bis heute hat die inzwischen 89-Jährige dieses Gefühl von Bedrohung, das auf der Verbindung zu ihrem Sohn lastet.

Vom Vater lernte er früh die Liebe zur See. Schon als Halbwüchsiger trieb er sich mit Segelbooten auf allen Gewässern rund um Rostock herum und träumte von Abenteuern und Fahrensleben. "Es war eine glückliche Zeit", sagt er.

Ein Ost-West-Tauziehen

Was er erst viel später erfuhr und zu seinem "Gustloff""-Schock wurde: dass während dieser Kindheit um ihn ein regelrechter Krieg geführt wurde, ein West-Ost-Tauziehen mit Verleumdungskampagnen und Entführungsdrohungen.

Denn im Westen des inzwischen geteilten Deutschlands glaubte der ehemalige Unteroffizier Hermann Freymüller, der in Gotenhafen seine Frau und seine beiden Kinder auf die "Gustloff"" gebracht und seitdem nie wieder etwas von ihnen gehört hatte, auf einer Rotkreuz-Fotografie des kleinen Peter seinen Sohn Frank-Michael wiederzuerkennen. Jetzt setzte der verzweifelte Witwer und verwaiste Vater alles in Bewegung, um "seinen" Sohn zurückzubekommen. Und ein lebhaftes Presse-Echo unterstützte seine Forderung nach Rückgabe des "gestohlenen" Kindes, das angeblich "in einem Hafenviertel von Rostock dahinvegetiert".

Ein zähes Gezerre entwickelte sich um den letzten Geretteten der "Gustloff", das schließlich vom damaligen Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, entschieden wurde: Der inzwischen achtjährige Peter sollte bis zur Erreichung der Volljährigkeit bei seinen Adoptiveltern bleiben und dann selber über erbbiologische Untersuchungen und Konsequenzen daraus entscheiden. "Ein kluger Beschluss", findet Peter Weise heute noch. Obwohl es zur Feststellung der tatsächlichen Vaterschaft nie gekommen ist, weil Hermann Freymüller 1964 starb - ein Jahr bevor Peter (oder Frank-Michael) 21 wurde. Der hätte der Untersuchung wohl auch nicht zugestimmt. Wozu? Er liebte seine Adoptiveltern, hatte eine glückliche Jugend und kein Bedürfnis nach einem anderen Vater. Außerdem war er mit 21 meistens auf See.

Das Kapitänspatent

Denn nach der Schule war er dem Vorbild des Vaters gefolgt und hatte ihn überholt: Seefahrtsschule, Matrosenbrief, schließlich das Patent als Kapitän auf großer Fahrt. Ein paar Jahre lang stand er sogar als Erster Offizier auf der Brücke des renommierten DDR-Kreuzfahrtschiffes "Völkerfreundschaft". Bis er 1982 dann bei den SED-Oberen in Ungnade fiel und in den Rostocker Hafen strafversetzt wurde, wo er heute noch arbeitet.

Sieger kommen in der Geschichte vom Untergang der "Wilhelm Gustloff"" nicht vor. Helden vielleicht, wie die Matrosen der Torpedoboote, die bei der Rettung der Schiffbrüchigen in deren Rettungsboote sprangen, um den Erstarrten an Deck zu helfen, und die bei der überstürzten Flucht ihrer Schiffe vor einem befürchteten neuen U-Boot-Angriff zurückgelassen wurden und selber ums Leben kamen. Geschlagene sind sie alle. Der Kommandant des Torpedobootes, der seine Männer in Stich lassen und Wasserbomben unter Schiffbrüchige werfen musste, wie der Kommandant des russischen U-Bootes, dem sein Vaterland den verwegenen Einsatz unter Wasin Sibirien dankte.

Ein Geschlagener auch sein damaliges Opfer Heinz Schön, Aspirant des Zahlmeisters an Bord der "Gustloff", der in seinen nächtlichen Träumen die Erinnerung an die Katastrophe nicht los wird und ihre Bewahrung zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat.

Doch da ist auch eine Hoffnung: Wenn wenigstens die Geschlagenen sich gegenseitig erkennen. Nachdem Heinz Schön 1991 im brechend vollen "Saal der Freundschaft" in Kaliningrad (Königsberg) einen Vortrag über das Schicksal der "Wilhelm Gustloff" gehalten und dessen Verfilmung "Nacht fiel über Gotenhafen" vorgeführt hatte, stand ein älterer Mann auf und sprach: "Jetzt haben wir endlich die Wahrheit erfahren. Jetzt wissen wir, dass auf diesem Schiff nicht nur Nazis und U-Boot-Fahrer waren. Ich bitte die Anwesenden, sich zu erheben und der toten Frauen und Kinder zu gedenken." Alle im Saal erhoben sich. Und viele weinten.

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