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Bundespräsident in Griechenland: Gauck verneigt sich, weint - und enttäuscht

Auf diesen Augenblick haben viele Griechen seit Jahrzehnten gewartet: Bundespräsident Joachim Gauck bittet in Lingiades um Vergebung für Nazi-Gräuel. Doch die Opfer von einst wollen mehr.

Von Jens König, Lingiades

Sie sind Opfer eines deutschen Kriegsverbrechens. Ihre Namen werden verlesen, ihr Alter. Der Moment zieht sich in schier unendliche Länge, bei einigen, die zuhören, fließen Tränen. Der Bundespräsident hat seinen Kopf gesenkt. Dann legt er am Mahnmal, das zu Ehren der Opfer errichtet worden ist, einen Kranz nieder und spricht tonnenschwere, deutsche Sätze. "Mit Scham und Schmerz bitte ich im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung", sagt er. "Ich verneige mich vor den Opfern der ungeheuren Verbrechen, die hier und an vielen anderen Orten Griechenlands zu beklagen sind."

Auf diesen Augenblick haben viele Griechen seit Jahrzehnten gewartet.

Joachim Gauck steht mittendrin in einem Ort deutscher Schuld. Lingiades, ein kleines Bergdorf im Nordwesten Griechenlands. Hier oben pfeift ein eisiger Wind. Auf den Gipfeln der umliegenden Berge liegt Schnee. Knapp 100 Menschen leben hier, viele von ihnen sind zur Gedenkfeier erschienen. Ein Dorf, dessen Namen in Deutschland kaum jemand kennt. Der Schauplatz eines deutschen Verbrechens im Zweiten Weltkrieg.

"Es sind die nicht gesagten Sätze"

Am 3. Oktober 1943 überfielen Wehrmachtssoldaten der 1. Gebirgsdivision Edelweiß Lingiades. Sie trieben die Dorfbewohner in die Keller ihrer Häuser, schossen sie regelrecht zusammen und setzten das gesamte Dorf anschließend in Brand. Die Soldaten der Elitetruppe verstanden das als "Sühnemaßnahme"; einer ihrer Offiziere war zuvor von griechischen Partisanen getötet worden. Dem Massaker in Lingiades fielen 83 Frauen, Kinder und alte Leute zum Opfer. Nur fünf Dorfbewohner überlebten. Ein einziger von ihnen ist heute noch am Leben: Panagiotis Babouskas, damals ein Baby, heute ein 70-jähriger Mann mit Brille und grauem Schnauzbart. Er ist auf den Dorfplatz gekommen und hört genau zu, was der Präsident dieser Deutschen ihm zu sagen hat.

Gauck spricht mit brüchiger Stimme von seiner "doppelten Scham", die er an diesem Ort empfinde: Scham angesichts der Deutschen, die mordeten, aber auch Scham darüber, dass er und seine Landsleute so wenig von der deutschen Schuld gegenüber Griechenland wissen. "Es sind die nicht vorhandenen Kenntnisse und die nicht gesagten Sätze, die eine zweite Schuld begründen", so Gauck.

Lingiades war ja kein Einzelfall, sondern die Normalität der deutschen Besatzung. In Griechenland sind Hunderte solcher Ortschaften im öffentlichen Bewusstsein präsent - in Deutschland kein einziger. Auf Reisen nach Griechenland haben noch alle Bundeskanzler einen großen Bogen um die deutschen Tatorte gemacht. Unter den Bundespräsidenten ist nur Johannes Rau eine Ausnahme: Er besuchte im Jahr 2000 Kalavrita; dort hatte die Wehrmacht im Dezember 1943 alle Jungen und Männer der Gemeinde ermordet, über 600. Aber es bleibt Gaucks Aufgabe, für die deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland um Verzeihung zu bitten.

Gauck laufen Tränen über die Wangen

Neben Gauck steht der griechische Präsident Karolos Papoulias, ein 84-jähriger, gebeugter Mann mit schlohweißen Haaren. Papoulias ist in Ioannina, der Stadt unterhalb von Lingiades, geboren und aufgewachsen. Als 14-Jähriger schloss er sich 1943 den Partisanen an, um gegen die deutschen Invasoren zu kämpfen. Später emigrierte er nach Deutschland, studierte und arbeitete dort. Auch er musste auf diesen Tag lange warten. Gauck nimmt ihn fest in die Arme, er drückt ihn, ihm selbst laufen dabei ein paar Tränen über die Wangen. "Das ist für einen deutschen Präsidenten kein leichter Weg", hatte Gauck auf dem Hinflug gesagt. Hier oben in Lingiades spürt er es hautnah.

Der Ostdeutsche Gauck, in einer Diktatur groß geworden, weiß aus eigenem Erleben, dass man seiner Vergangenheit nicht entkommt. Kein Bundespräsident vor ihm fuhr so oft an die Orte deutscher Schuld. Gauck war in Oradour in Frankreich, in Lidice in Tschechien, in Sant'Anna di Stazzema in Italien, jetzt in Lingiades. Er will damit keine alten Schuldkomplexe wecken, sondern einfach an die Geschichte erinnern, auch, um deutlich zu machen, welchen weiten Weg Deutschland in den letzten 70 Jahren zurückgelegt hat.

"Das sind nur Worte. Sie bedeuten nichts"

Dass die Opfer von einst diese selbstbewusste Haltung nicht immer teilen, erlebt Gauck in Lingiades ganz unmittelbar. Nach seiner Rede entrollen ein paar Griechen ein Plakat und fordern lautstark "Gerechtigkeit" und "Wiedergutmachung". Auch Panagiotis Babouskas, den letzten Überlebenden, hat Gauck offenbar nicht überzeugt. "Das sind nur Worte", sagt er. "Sie bedeuten nichts. Ich will Wiedergutmachung."

Er und viele andere Griechen meinen damit: Geld.

In der griechischen Öffentlichkeit wird die deutsche Schuld der Vergangenheit längst wieder gegen die griechischen Schulden der Gegenwart aufgerechnet. Je härter Griechenland von der Finanzkrise getroffen, je kritischer die unnachgiebige Rolle Deutschlands bei der Eurorettungspolitik gesehen wird, desto lauter erheben die Griechen die Forderung, den Deutschen endlich die Rechnung für die Vergangenheit zu präsentieren.

Selbst Staatspräsident Papoulias, ein Linker, sprach die Reparationsforderungen gegenüber Gauck am Vortag in Athen ungewöhnlich offen an. Sogar beim Staatsbankett, wo sonst nur Höflichkeiten ausgetauscht werden, wurde Papoulias deutlich. "Es ist widersprüchlich", sagte er, "dass vom griechischen Volk gefordert wird, ohne Murren schmerzhafte Auflagen zu erfüllen, Deutschland jedoch sich weigert, die seit dem Zweiten Weltkrieg ausstehenden Verpflichtungen zu debattieren und Verhandlungen dazu ablehnt."

Gauck, der als guter Deutscher nach Griechenland gekommen war, konnte da nicht anders, als sich hinter die Grenzen seines Amtes zurückzuziehen und die offizielle deutsche Position zu verkünden. "Der Rechtsweg in dieser Frage ist abgeschlossen", sagte er nach einem Vier-Augen-Gespräch mit Papoulias. "Ich werde mich dazu nicht weiter äußern, schon gar nicht anders als meine Regierung." Das klang schroff. Es war eher ungauckscher Klartext. Übersetzt heißt es: Sorry, Griechen, für die deutschen Kriegsverbrechen gibt's als Entschädigung keinen einzigen Cent.

Opferverbände sprechen von 160 Milliarden Euro

Griechenland jedoch fordert - je verzweifelter die Lage im Land, desto vehementer - Ausgleichszahlungen für die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Dabei geht es zum einen um Reparationen für zerstörte Städte und Industrieanlagen; die von internationalen Gerichten unter Berufung auf die "Staatenimmunität" allerdings mehrfach zurückgewiesen wurden. Zum anderen geht es um die Rückzahlung einer Zwangsanleihe von 500 Millionen Reichsmark. Wie viele Milliarden das insgesamt macht, ist unklar. Griechische Opferverbände haben Ansprüche von über 160 Milliarden Euro zusammengerechnet.

Gauck mag persönlich noch so sehr damit hadern, dass die Bundesrepublik ihre moralische Schuld gegenüber Griechenland nicht früher beglichen hat. Jetzt, da die politischen Verhältnisse zwischen beiden Ländern so aufgeladen sind, ist eine einvernehmliche Lösung nicht in Sicht. Es bleiben nur Gesten. Gauck ist nicht mit ganz leeren Händen nach Lingiades gekommen. Er verspricht Geld für ein deutsch-griechisches Jugendwerk. Vor allem junge Deutsche sollen auf diesem Wege mehr von den Kriegsverbrechen in Griechenland erfahren. Mehr Wissen, so die hinterlistige Hoffnung des Erinnerungsprofis Gauck, fordert größere Einsicht. Vielleicht gibt es in einigen Jahren ja doch noch eine Lösung, die Griechen und Deutsche in dieser Frage miteinander versöhnt.

"Achtet und sucht die Wahrheit", sagt Gauck am Ende seiner Rede. "Sie ist eine Schwester der Versöhnung." Dann verbeugt er sich vor seinen griechischen Gastgebern.