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NS-Vermögen: Das Erbe der Hitler-Diktatur

Nach dem Kriegsende 1945 wurde das ungeheure Vermögen führender NS-Funktionäre und der NSDAP vom Freistaat Bayern beschlagnahmt. Adolf Hitler selbst war Multimillionär - reich geworden durch "Mein Kampf".

Auch sechzig Jahre nach Kriegsende ist das Erbe der NS-Diktatur ganz real - im wörtlichen Sinne. Bis heute verwaltet der Freistaat Bayern große Teile des ungeheuren Vermögens an Immobilien, Kunst und sonstigen Werten, das Nazi-Führung und die NSDAP zusammenrafften - oft mit kriminellen Machenschaften. Dies reicht von Gemälden über Hitlers Münchner Privatwohnung bis zu den Urheberrechten an "Mein Kampf".

Als "Hauptstadt der Bewegung" war München Sitz der meisten NS-Organisationen - von der Parteizentrale bis zur NS-Frauenschaft (NSF). "Ein zentraler Täterort", sagt Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU). "Hier war alles gebündelt. Zwischen dem Obelisk am Karolinenplatz und dem Königsplatz gab es kein Haus, das nicht der NSDAP gehört hat."

NS-Vermögen für den Freistaat

Das Vermögen führender NS-Funktionäre wurde nach dem Krieg beschlagnahmt. Der Freistaat eignete sich die Rechte nicht selbst an, sondern bekam diese von den Alliierten zugesprochen. Das betraf das Vermögen von Adolf Hitler, Hermann und Emmy Göring, Eva Braun, Hitlers Sekretär Martin Bormann, Stellvertreter Rudolf Heß, SS-Führer Heinrich Himmler, Reichsjugendführer Baldur von Schirach, Hitlers Propaganda-Fotograf Heinrich Hoffmann, und Julius Streicher, der Herausgeber des "Stürmer". Eingezogen wurde auch das gesamte NSDAP-Parteivermögen.

Zum Teil wurde das NS-Vermögen zur Wiedergutmachung genutzt. Bis Ende 1967 wurde Überlebenden enteignetes oder gestohlenes Vermögen im Wert von etwa 620 Millionen Mark zurückgegeben. Darüber hinaus hat der Freistaat bis heute knapp 6 Milliarden Euro Entschädigung gezahlt. Wieviel das Nazi-Erbe heute noch wert ist, hat die bayerische Finanzverwaltung nicht geschätzt.

Die Parteibauten und Privatanwesen werden auf unterschiedlichste Weise genutzt: "In Hitlers ehemaliger Privatwohnung am Prinzregentenplatz ist heute eine Polizeiinspektion untergebracht", sagt Faltlhauser. "Im Führerbau am Königsplatz wurde 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet." Dort residiert inzwischen die staatliche Hochschule für Musik. "In dem Raum stehen heute Notenständer", sagt Faltlhauser. "Aber Sie spüren aus jeder Fuge heraus die damalige Zeit. Die Stimmung dort ist bedrückend."

Multimillionär Hitler

Hitler selbst war Multimillionär - reich geworden durch sein Propagandawerk "Mein Kampf". Nach Recherchen des britischen Historikers Ian Kershaw mehrte der Führer sein Vermögen durch jahrelange Steuerhinterziehung. Demnach zahlte Hitler schon lange vor der Machtübernahme 1933 trotz hoher Einkünfte nur sehr wenig Steuern. "Historiker berichten, er habe als Reichskanzler keine Einkommenssteuer bezahlt. Der zuständige Beamte wurde anscheinend massivst unter Druck gesetzt, bis er zugestimmt hat", sagte Faltlhauser.

Heute hat das bayerische Finanzministerium die weltweiten Rechte an "Mein Kampf" - mit Ausnahme Großbritanniens und der USA. "Wir lassen grundsätzlich keine Nachdrucke zu, wir verfolgen die härteste Linie", sagt Faltlhauser. "In der Regel wird irgendwo gedruckt und dann erfahren wir erst davon. Wir informieren das Auswärtige Amt, welches dann in dem jeweiligen Land vorstellig wird."

Vor einigen Jahren ließ Faltlhauser die Rolle der bayerischen Finanzverwaltung in der NS-Zeit untersuchen. Das Ergebnis: "Die Steuerakten belegen, dass die Mär vom normalen Deutschen, der nichts gewusst hat, im Bereich der Finanzverwaltung erstunken und erlogen ist", sagt Faltlhauser. "Auch der kleine Sachbearbeiter im Finanzamt wusste, dass die Leute verschwinden." Ordnungsgemäß verwerteten die Finanzämter das Vermögen der Inhaftierten und in die Konzentrationslager Deportierten. "Auch das wurde administrativ behandelt, und zwar in Masse", sagte Faltlhauser.

Carsten Hoefer/DPA / DPA