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M. Streck: Last Call: Gary Lineker - standhafter Riese im braunen Sumpf

Der frühere Weltklassespieler und heutige Sportmoderator Gary Lineker löste mit einem flüchtlingsfreundlichen Tweet eine üble Debatte aus. Rassisten aus Politik und Presse legten sich mit ihm an doch er konterte standhaft und geistreich - eine Danksagung.

Von Michael Streck, London

Gary Lineker

Gary Lineker bei seinem Job als Sportmoderator. Mit seiner Bemerkung über die herzlose Flüchtlingspolitik Londons löste er einen kolossalen Shitstorm aus

Am vergangenen Samstag saß wie immer im Studio der BBC und moderierte wie jedes Wochenende in Großbritannien die Sendung "Match of the Day". Das ist hierzulande das Äquivalent zur deutschen "Sportschau". Es gibt sogar ein Tor des Monats.

Fußball ist das, bei dem immer die Deutschen gewinnen

Lineker war früher ein Weltklassespieler und ist heute ein Weltklasse-Moderator. Er ist inzwischen 54 Jahre alt, hat aber immer noch einen jungenhaften Charme, obendrein viel Geist und viel Witz. Er hat außerdem die Gabe, über sich selbst zu lachen. Neulich moderierte er in Boxershorts, weil er gewettet hatte, sein Heimatverein Leicester City werde nie und nimmer Meister. Falls doch: Unterhose. Falls doch passierte natürlich. Von Lineker stammt auch das in Deutschland gern zitierte Bonmot vom Fußball, das ein einfaches Spiel sei, bei dem 22 Männer einen Ball jagten, am Ende aber immer die Deutschen gewännen. Der ist das.


Lineker hat mehr als fünf Millionen Follower auf Twitter. Seine Tweets sind meist unterhaltend und gelegentlich kontrovers. Denn er gehört zu dieser raren Spezies von Sportlern, die auch ihre politische Meinung nicht verbergen. Er schämte sich im Sommer öffentlich für den Brexit. Zurzeit ist Lineker für einige in England eine Hass-Figur.

Schon deshalb verehre ich ihn.

Die Geschichte geht so: Großbritannien, momentan nicht eben sonderlich berühmt für seine Willkommenskultur, hat sich erstaunlicherweise verpflichtet, Kinder aus dem "Dschungelcamp" in Calais aufzunehmen. Vor allem solche, die schon Verwandte auf der Insel haben. Es sind nicht viele, bislang gerade mal 200. Über 200 Neuankömmlinge würde in Deutschland keine Zeitung berichten. Es ist eine lächerliche Zahl, und an sich ist sie beschämend für das Königreich. Aber offenbar sind selbst ein paar Hundert arme Kreaturen aus Calais immer noch zu viel.

Zahnärzte sollen Alter überprüfen

Zeitungen veröffentlichten Fotos von ihnen und, zugegeben, einige dieser Menschen sahen etwas älter aus als, sagen wir, achtzehn. Älter als Kinder auf jeden Fall. Man dachte sich "Na und, völlig egal." Hauptsache raus aus Calais. Das gilt nicht nur für Kinder.

Der konservative Abgeordnete David Davies sah das etwas anders. Er regte an, man solle Zahnärzte abstellen, die den Flüchtlingen im Wortsinn auf den Zahn fühlen sollten, um deren Alter zu verifizieren. Also Maul auf, Zähne prüfen. Die Jungen nach rechts, die Älteren zurück ins Lager. So ungefähr. Davies sagte auch noch, ältere Flüchtlinge würden die Gastfreundschaft der Briten ausnutzen. Der frühere Labour-Minister Jack Straw unterstützte den Kollegen Davies. Straw lag allerdings schon oft abendfüllend daneben. Er war zum Beispiel ein Lautsprecher für den Irak-Krieg. 


Gary Lineker twitterte danach jedenfalls: "Das Verhalten von einigen gegenüber den jungen Flüchtlingen ist abscheulich rassistisch und völlig herzlos. Was passiert mit unserem Land?"

Die "Sun" fordert Linekers Entlassung

Danach brach die Hölle los. Auf sowieso, wo ihn die Leute angingen und beispielsweise fragten, ob er in einer Gegend mit Flüchtlingen leben oder seiner Tochter erlauben würde, mit Flüchtlingen in eine Klasse zu gehen. Der übliche braune Schmutz, diesmal nicht Sachsen, sondern England.

Der übliche braune Schmutz wurde allerdings millionenfach vervielfältigt von den üblichen Verdächtigen. Die üblichen Verdächtigen sind die national gesinnten Boulevardzeiten. Die "Sun" forderte sogar die Absetzung des "Linken-Lieblings" Lineker. Er arbeite schließlich für die und habe die Neutralität verletzt. Das ist natürlich absurd.


Lineker nahm es, wie er es immer nimmt. Mit geistreichem Humor. Er twitterte: "Ich kriege heute ein bisschen Prügel ab, aber die Dinge könnten schlimmer sein. Stellt euch vor, nur für eine Sekunde, ein Vertriebener zu sein, der von zu Hause fliehen muss."

Auch Lily Allen ist Opfer rechter Hetze

Vor zwei Wochen erst war es der Sängerin Lily Allen ähnlich gegangen. Sie besuchte den Dschungel von Calais, sprach lange mit einem 13 Jahre alten Jungen aus Afghanistan, war danach erkennbar gerührt und entschuldigte sich bei den Flüchtlingen für die Haltung ihrer Heimat. Hohn und Spott anschließend auch für sie.

Am Montag wurde der Dschungel geräumt, die Innenministerin Amber Rudd sagte im Parlament, Großbritannien werde noch weitere 800 Kinder aufnehmen. Aber jeder vierte dafür infrage kommende Wahlbezirk – darunter auch der von Premierministerin Theresa May - meldete: "Nicht bei uns". "Sun" und Konsorten werden weiter wohl hetzen.

Was mit diesem Land bloß los ist, fragt sich nicht nur Lineker.

"Mag Lineker mehr und mehr"

Der Fairness halber sei erwähnt, dass Lineker und Allen selbstverständlich auch viel Zuspruch bekamen, tonnenweise sogar, aus nah und fern. Und selbst von Menschen, die normalerweise eher unverdächtig sind, frühere und vor allem englische Fußballprofis zu mögen. Die schottische First Ministerin Nicola Sturgeon schrieb auf Twitter: "Mag Gary Lineker mehr und mehr."

Dem kann ich mich vorbehaltlos anschließen.

Pepe fällt hin