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M. Streck "Last Call": Inseln der Glückseligkeit - Wo sogar Gangster und Polizisten Freunde werden

Großbritannien debattiert zurzeit über als Jugendliche von ihren Trainern missbrauchte Fußballspieler. Darüber geht unter, dass ein kleines Eiland vor Wales neulich erst seinen Nimbus als straftatenfreie Zone verlor. Von dieser Art Inseln der Friedfertigkeit gibt’s noch ein paar mehr.

Von Michael Streck, London

Scilly-Inseln

Als die Polizei auf den Scilly-Inseln einmal die Stelle eines Constables ausschrieb, kamen Bewerbungen aus Texas, Indonesien und Australien

Jeden Tag stehen schauerliche Dinge in den englischen Zeitungen. Viele haben mit Politik zu tun und dem mehr schlecht als recht geplanten EU-Austritt. Im klassischen Sinne schauerlich sind aber dann doch eher Geschichten von und Mord und Totschlag. Zurzeit in den Schlagzeilen sind Fußballtrainer, die vor Jahren Jungs missbraucht haben, darunter auch solche, die später berühmt wurden. Der englische Fußball arbeitet da gerade ein Stück seiner Vergangenheit auf. Das ist traurig. Und löblich zugleich.

Vor dem Hintergrund und inspiriert durch die Jahreszeit sucht der Mensch nach Trost und nach Orten, an denen das rar oder sogar so gut wie nicht existent ist. Und findet sie tatsächlich. Weit draußen im Meer.


Vor der walisischen Küste liegt die winzige Insel Caldey, die bis vor kurzem als ein Hort der Ruhe und des Friedens galt. Kein Verbrechen seit Beginn der Aufzeichnungen. Caldey ist ein hübscher Klecks, auf dem 40 Menschen leben, die Hälfte von ihnen Mönche. Seit 1500 Jahren beten, essen, schlafen die Mönche dort. Und schweigen vor allem, von morgens um sieben bis abends um sieben. 3000 Besucher, weniger als zehn pro Tag, besuchen Caldey jedes Jahr und werden mit einem Rettungsboot übergesetzt. Und nun ist die schöne Statistik kaputt. Denn im September maßregelte bei einem dieser Besuche ein Vater seinen offenbar ungezogenen Sohn. Er schüttelte ihn, weil sich der Spross beim Besuch der von den Mönchen betriebenen Schokoladenfabrik irgendwie daneben benommen hatte. Die Schüttelei bekam ein anderer Besucher mit, rief "Kindesmissbrauch" und danach die Polizei.

Das erste Verbrechen seit Mönchgedenken

Caldey hatte damit sein erstes Verbrechen seit Mönchengedenken und ist ergo kein weißer Fleck mehr. Das ist schade.

Wie es ebenso schade ist, dass die Mini-Insel Canna, Innere Hebriden, im vergangenen Jahr seinen bis dahin makellosen Status als Eiland der Glückseligkeit einbüßte. Auf Canna leben 26 Menschen, die letzte Straftat datierte aus dem Jahr 1960, als eine Holzplatte mit Schnitzereien aus der örtlichen Kirche entwendet wurde. Im Sommer 2015 nun schnellte die Straftaten-Statistik über Nacht in die Höhe, als aus dem kleinen Inselladen Bonbons, Kekse, ein paar Batterien und sechs Wollmützen geklaut wurden. Es müssen Touristen gewesen sein, die mit den Gepflogenheiten auf Canna nicht vertraut waren. Man hinterlässt in dem kleinen Laden Geld in einer Schale und bedient sich selbst. Zum ersten Mal in mehr als 50 Jahren mussten Beamte von Scotland Yard die beschwerliche Überfahrt auf sich nehmen. Für Bonbons, Kekse und Mützen. Auf der Insel erwogen sie eine Zeit lang sogar das Undenkbare: den Laden abends zuzusperren.

Das Böse hatte die Inneren erreicht.

Insel Canna

Auf Canna, einer Insel der Inneren Hebriden, wurde jahrzehntelang kein Verbrechen begangen - bis jetzt jemand aus dem Inselladen Bonbons, Kekse und eine Wollmütze mitgehen ließ


Inseln, kleine zumal, haben ja prinzipiell den Vorteil, dass richtige Verbrecher an ihnen nicht sonderlich interessiert sind. Schon wegen der überschaubaren Fluchtmöglichkeiten. Nur im Film funktioniert das noch. Eine wunderbare britische Krimiserie spielt auf den Shetland-Inseln hoch oben im Atlantik, offiziell noch Schottland, aber fast schon Norwegen. Auf den Shetlands wohnen mehr Ponys und Schafe als Menschen. Dennoch Mord und Totschlag in zwei Staffeln und ein Kommissar, der mit derart starkem schottischem Dialekt ermittelt, dass man ihn eigentlich untertiteln müsste.

Keine Gangster auf den Shetlands

Nun war ich selbst mal da und weiß aus eigener Anschauung, dass es auf den Shetland-Inseln gar keine Gangster gibt. Der einzige Kriminelle vor Ort ist eine lokale Berühmtheit und ein sehr feiner Kerl. Er heißt John Yianni, beging in seinem früheren Leben mal einen bewaffneten Raub, ist a) Engländer und b) längst überzeugter Christ und darüber hinaus bestens bekannt mit dem Bürgermeister Malcolm Bell, der wiederum mal Polizeiinspektor war.


Es heißt, dass demnächst eine weitere Fernsehserie auf einer Inselkette spielen soll, weiter südlich allerdings, auf den Scilly-Inseln, 20 Meilen vor der Küste von Cornwall. Fünf kleine Höcker im Meer, viele Touristen, noch mehr Seevögel. Kaum Verbrechen.

Scilly hat es zu einiger Berühmtheit gebracht, weil die Inselpolizisten auf Facebook gern über ihren Alltag posten, der, sagen wir so, etwas anders ist als der ihrer Kollegen in Exeter, Norfolk oder London. Mal werden Goldfische entführt – und als Hauptverdächtiger eine Katze präsentiert. Mal liegt vor einer aufgebrochenen Gartenhütte ein Spiegelei, und Beamte und Netzgemeinde rätseln: Wie kommt das blöde Ei dahin? Dann wieder stehen herrenlose Sandalen vor der Polizeistation, und die Herren drinnen orakeln "Tourist von Aliens entführt?". Oder eine Einwohnerin beschwert sich über Vandalen, die sich an ihrem Auto zu schaffen gemacht hatten. Aber es waren keine Vandalen, weil auf Scilly natürlich keine leben. Sondern ein Pferd, das an den Gummileisten knabberte. Solche Sachen schreiben die Polizisten auf Scilly auf und haben weltweit mehr als 60.000 Fans auf Facebook. Als sie eine Stelle für einen Constable ausschrieben, bewarben sich Leute aus Texas, Indonesien und Australien.

Bewerber aus Texas, Indonesien und Australien wollten Insel-Constable werden

Der für die meisten Posts zuständige Beamte hieß Colin Taylor. Im Sommer hat er die Inseln verlassen und ermittelt jetzt in Devon. Der Ernst des Lebens hat ihn wieder. Aber Taylor hat den Inseln etwas hinterlassen und ein Buch geschrieben über seine Jahre im Meer, es heißt "The Life of a Scilly Sergeant". Silly bedeutet verrückt und eigentlich stört das c auch nur. In dem Buch, ein prompter Insel-Bestseller, erzählt er von seinen amüsantesten Fällen. Spiegelei, randalierendes Pferd, viele Betrunkene. Einmal lief ein Nackter durch die Straßen, randvoll nach einem Junggesellenabschied. Taylor versorgte ihn anstandshalber mit einer Unterhose und musste ihm, Ordnung muss sein, dann doch Handschellen anlegen. Der Nackte schaute ihn an und sprach: "Bist du der Typ, der die lustigen Sachen auf stellt?" "Bin ich", sagte Taylor. Darauf der Nackte: "Wunderbar, mach weiter so."

Insel Caldey

Auch Caldey gehörte zu den Eilanden der Glückseligkeit mit einer Kriminalitätsrate von Null, ehe jetzt ein Vater, der die Insel als Tourist besuchte, sein Kind maßregelte