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M. Streck "Last Call": Sonderangebot des Jahres 2016: Lügen im Dutzend

Das Jahr 2016 könnte als das große Jahr der Lüge in die Geschichte eingehen: Brexit, Breitbart, Trump. Gut - gelogen wurde schon immer, aber leider sind die Rechten mit ihrer Sprache und ihrer Faktenfreiheit stets im Vorteil.

Von Michael Streck, London

Donald Trump Nigel Farage

Donald Trump und sein Buddy aus Europa, Nigel Farage: Die Rechten sind mit ihrer Sprache stets im Vorteil

Aus gegebenem Anlass kam mein Arbeitgeber gerade auf die Idee, sich mit der Lüge in der Politik zu beschäftigen. Der aktuelle Anlass lebt von Mitte Januar an im Weißen Haus und hat schon jetzt eine stattliche Anzahl von professionellen Faktenverdrehern um sich versammelt.

Der Ku-Klux-Klan applaudierte bei Trumps Personalie

Einer heißt Stephen Bannon, 62, er war früher Banker und Dokumentarfilmer und herrscht über das stramm rechte Nachrichtenportal Breitbart. Bannon ist Donald Trumps neuer Chef-Stratege und die mit Abstand unheimlichste Personalie von vielen unheimlichen Personalien. Der ehemalige Boss des Ku-Klux-Klan, David Duke, und die amerikanische Nazi-Partei begrüßten seine Berufung freudig; Bannon selbst kokettiert sogar mit seiner Passion fürs Dunkle. "Dick Cheney, Darth Vader, Satan. Das ist Macht." Das sagte der wirklich.

Dieser Bannon verabscheut Liberale, Linke, Juden und vor allem die Washingtoner Elite, die er am liebsten abschaffen würde. Was insofern etwas paradox ist, weil er jetzt Teil dieser Elite ist. Er verspricht, Konservative und Populisten zu einer wirtschaftsnationalen Bewegung zu bündeln. Er verspricht obendrein nicht weniger als eine Revolution.

Man weiß nicht genau, wie viel von jenen mehr als 70 Prozent Verdrehungen, Unwahrheiten und glatten Lügen aus Trumps Mund das Copyright von Bannon trugen. Man weiß aber sehr genau, dass die Breitbart-Webseite künftig als Propaganda-Werkzeug des Weißen Hauses dient. Irgendwie passt das alles in die Zeit.

Natürlich empfing Trump Nigel Farage bereits

Das Jahr 2016 wird womöglich als das große Jahr der Lüge in die Geschichte eingehen. Brexit, Breitbart, Trump. Gerade riet Trump den Briten, den irren Anti-Europäer und Brexit-Lautsprecher Nigel Farage zum US-Botschafter zu bestellen. Einen Bruder im Geiste gewissermaßen, er empfing Farage natürlich auch schon im Trump Tower. Nigel Farage, das ist der, der sich eine Woche vor dem Referendum vor einem Poster fotografieren ließ, das eine gigantische Menschenschlange zeigte und darüber in Balkenschrift "Breaking Point". Es implizierte, dass all diese Menschen nach Großbritannien wollten. In Wahrheit handelte es sich um syrische Bürgerkriegsflüchtlinge in Slowenien - auf dem Weg nach Deutschland. Kurz nachdem Farage vor diesem Plakat posierte, wurde die pro-europäische Labour-Abgeordnete Jo Cox von einem politischen Wirrkopf und Nazi-Sympathisanten erschossen. Der Mann, Thomas Mair, wurde am Dienstag in London zu lebenslänglicher Haft verurteilt. 

Gleich zwei Dutzend Lügen listete der englische Europa-Abgeordnete Richard Corbett nach dem EU-Austritt auf seiner Webseite auf. Die dreisteste von allen leuchtete auf dem roten Brexit-Bus, mit dem Boris Johnson über die Insel tourte: "Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche. Lasst uns dieses Geld in unser Gesundheitssystem stopfen." Die 350 Millionen stimmten nie, sie waren bereits während der Kampagne abendfüllend dementiert worden, aber der Boris-Bus rollte mit falschen Zahlen einfach weiter.

Die Lügen? Alle vergessen!

Boris ist nun Außenminister, und sein Geschwätz von gestern kümmert ihn schon lange nicht mehr. Die Türkei, vor deren EU-Mitgliedschaft er vor Monaten ausdrücklich warnte und eine Inselinvasion von 80 Millionen Türken voraussagte, lud er herzlich in die europäische Familie ein und zwar im Gespräch mit Herrn Erdogan, auf den er zuvor in einem putzigen Limerick "wankerer from Ankara" gereimt hatte: der "Wichser aus Ankara". Und dem er in diesem Werk, ähnlich wie Jan Böhmermann, eine gewisse fleischliche Vorliebe für Ziegen attestierte. Alles vergessen.

Nun gehören Lügen und Gerüchte zum Leben seit der ersten ganz großen Lügengeschichte, der von Adam und Eva. Seither gilt das gebrochene Wort. Und natürlich stimmt, was Mark Twain mal schrieb: "Mit jemanden, der notorisch die Wahrheit sagt, könnte niemand leben. Aber zum Glück muss das ja auch niemand." Ein anderes Bonmot des großen Amerikaners hat den Übergang vom Analogen ins Digitale leider nicht schadlos überstanden. Nämlich, dass man die Fakten erst kennen müsse, ehe man sie verdrehen kann. Das war einmal.

Und also hetzen in den sozialen Netzwerken oder auf professionellen Hetzer-Seiten Rechte wie Linke - und finden keinen Diskussionskonsens in der Mitte mehr.

Vor kurzem sprach ich mit dem englischen Denker und Oxford-Gelehrten Timothy Garton Ash. Der Professor macht sich große Sorgen um die Zukunft. Die Trumps und Bannons und Farages fänden überall ihre Nachahmer. Er sagte: "Wir erleben zum einen die Vergröberung der öffentlichen Debatte. Und zum anderen verändert sich auch die Struktur der politischen Rhetorik. Erdogan in der Türkei, Le Pen in Frankreich, Orban in Ungarn und natürlich Trump. Sie argumentieren alle mit unmittelbarer Legitimation vom Volk. Trump sagt: Ich bin Eure Stimme, die Stimme des Volkes. Wobei sein Volk nur ein Teil der Bevölkerung ist."

Ich fragte ihn bekümmert "Und nun?"

Da überlegte der Professor kurz und sprach: "Die Populisten haben eines gemein, und das ist der Appeal ihrer Sprache. 'Endlich sagt das mal einer, endlich spricht das einer aus.' Das bedeutet, dass die anderen, die gemäßigten Politiker auch einen Ton suchen müssen, der diese Menschen abholt. Diese Sprache muss anders sein als der Berufsjargon der Politiker."

Ash glaubt, das wäre ein Anfang.

Der Umkehrschluss ist allerdings nicht unbedingt schmeichelhaft. Der Umkehrschluss ist: Die Leute sind zu doof für Politik. Sie verstehen sie entweder nicht mehr oder wollen sie nicht mehr verstehen. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit der anderen Sprache der Politiker wirklich eine so dolle Idee ist. Die Rechten sind mit ihrer Sprache stets im Vorteil, weil sich dumpfe Inhalte mit dumpfer Sprache einfach besser transportieren lassen. Wenn Trump sagt, er fasse Damen gerne in den Schritt, versteht das jeder. Ich will aber auch keinen linken Trump.

Konservative lesen linke Blogs

Vielleicht könnte man etwas anderes probieren. Die geschätzten Kollegen des "Guardian" haben das vor einigen Wochen mal versucht. Sie ließen vor den Wahlen in den Vereinigten Staaten Konservative für ein paar Tage liberale Einträge auf Facebook lesen und anders herum Liberale konservative oder sogar ultrarechte Blogs. Die Zeitung überschrieb das Ganze mit "Bursting the bubble", die Blase platzen lassen. Ganz platzte die Blase zwar nicht. Die meisten Konservativen wählten immer noch Trump, aber einer gab immerhin zu, gar nicht gewusst zu haben, dass Positives über Hillary überhaupt existierte.

Womöglich war das ein zarter Anfang. Und womöglich ließe sich das sogar auf Deutschland übertragen und dort, sagen wir, feldversuchsmäßig auf den so genannten Freistaat Sachsen. Auch mit dem beschäftigte sich mein Arbeitgeber neulich aus gegebenem Anlass in einer Titelgeschichte.

Gebt Pegida eine "Süddeutsche"

Wie wäre es, nur als Idee, wenn man in Dresden bei den dort ja sehr beliebten Pegida-Demos den "Lügenpresse"-Schreihälsen einfach mal die "FAZ", die "Süddeutsche" oder auch die "Sächsische Zeitung" in die Hand drückte und sagte "Erst lesen, dann schreien. Oder eben auch nicht mehr".

Mag sein, dass man sich bei diesem Experiment eine blutige Nase holt. Muss aber nicht sein.

Wie man überhaupt an dieser Stelle noch kurz erwähnen sollte, dass die Nase ziemlich gut als Lügendetektor taugt. Pinocchio, Sie erinnern sich. Carlo Collodis Märchen über die Holzpuppe mit der erigierten Nase ist offenbar nicht nur Märchen. Die Nase wird tatsächlich durch Bluteinschuss bei jeder Lüge größer. Das fanden zwei US-Wissenschaftler schon vor Jahren und lange vor Trump heraus. Sie werteten für ihre Forschung Videobänder vom damals bekanntesten Lügen-Probanden aus: Während der Monica Lewinsky-Anhörung schwoll Bill Clinton regelmäßig das Organ, und immer wieder musste sich der Präsident den Gesichtserker reiben.

Wer sich jetzt noch an die eigene Nase fasst, ist grundsätzlich verdächtig.