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Franziska Giffey "Auch eine Vorstandstätigkeit sollte mit Kindern möglich sein"

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) wünscht sich mehr Zutrauen in die eigene Kraft, mehr Selbstbewusstsein bei den Frauen.

Frau Giffey, die Zahlen sind niederschmetternd, in deutschen Vorständen sitzen kaum Frauen

Ja, wir haben über 90 Prozent Männer in den Führungspositionen der deutschen Unternehmen, in Familienunternehmen ist ihr Anteil sogar noch höher. Und diese Männer sagen, wir sind doch gut gefahren die letzten Jahre, warum sollen wir was ändern? Nach dem Motto: never change a running system – ändere nie ein funktionierendes System.

Und weil sich nichts tut, haben Sie jetzt ein Gesetz auf den Weg gebracht, das eine verbindliche Frauenquote fordert. Ab vier Vorstandsmitgliedern soll bei einigen Unternehmen mindestens eine Frau dabei sein.

Genau, ich empfinde es als riesige Ungerechtigkeit, dass all die guten Frauen nicht zum Zug kommen, das löst bei mir eine gewaltige Empörung aus. Wir haben so viele exzellente Abiturientinnen, Studentinnen und guckt man zehn, fünfzehn Jahre später nach, wo die geblieben sind, dann sind sie alle weg. Alle diese guten Frauen finden sie nicht in den Top-Etagen deutscher Unternehmen. Das kann nicht sein. Das liegt nicht an mangelndem Talent oder mangelnder Begabung. Das hat andere Gründe. Es ist doch unvernünftig, soviel Potential zu verschenken.

© Susanne Baumann

Ohne Zwang geht es nicht voran?

Die Geschichte hat gezeigt, Frauenrechte werden immer hart erkämpft. Wir haben im vergangenen Jahr 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert, dafür mussten die Frauen auch massiv kämpfen. Wie sind sie angefeindet worden. Es hieß: Frauen sind doch gar nicht in der Lage politisch zu denken und zu handeln – dafür sind doch ihre Gehirne viel zu klein. Sogar ein eigener Männerclub gegen die Frauenemanzipation gründete sich.

Kein Mann würde sich heute trauen öffentlich zu sagen, er sei gegen Frauen.  

Nein, es läuft viel subtiler ab. Ein Standardargument ist, wir wollen ja, aber es gibt keine guten Frauen. Wir sind ein technisches Unternehmen und wenn die Quote kommt, müssten wir eine unqualifizierte Frau nehmen, das ist schädlich fürs Unternehmen, für die Wirtschaft. Tatsächlich sind die Talent-Pipelines aber voll mit guten Frauen – wie Untersuchungen zeigen. Frauen, die auf mittlerer Ebene den Laden schmeißen, aber nicht hochkommen.

Ein anderes Argument ist, Frauen wollen gar nicht.

Das bekomme ich häufig von Unternehmen zu hören. Das kann man nicht länger hinnehmen. Darum sagen gerade so viele tolle Frauen: doch, #ichwill, auch hier im stern. Da sich von allein nichts tut, brauchen wir die gesetzliche Quote. Das ist keine Belastung, sondern ein wichtiger Schritt für mehr wirtschaftlichen Erfolg und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem muss man dem "Nicht-Wollen" auch mal auf den Grund gehen, denn häufig liegt es daran, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Unternehmen nicht gegeben ist. Die Chefs müssen sich überlegen, wie man es sowohl für Männer als auch für Frauen hinbekommt. Auch eine Vorstandstätigkeit sollte mit Kindern möglich sein. Es muss beides gehen, Kinder und Führung für Mütter und auch für die Väter. Denn Eltern in Führung sind immer ein Gewinn.

Aber die Unternehmen klagen, sie seien durch die Corona-Pandemie eh schon über Gebühr belastet.

Ehrlich gesagt, ich habe für dieses Argument kein Verständnis. Also die Haltung, qualifizierte Frauen sind eine unzumutbare Belastung für ein Unternehmen, das finde ich, ist schon keine subtile Diskriminierung mehr, sondern eine ganz offene.

Als wir 2015 die Quote für Aufsichtsräte eingeführt haben, wurde ja auch so getan, als sei der Niedergang der deutschen Wirtschaft nahe. Und heute haben wir über 35 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten und es funktioniert hervorragend.

Der Großteil der Frauen arbeitet allerdings nicht in Führungspositionen, sondern im Einzelhandel oder in der Pflege. Was haben die von einer Quote?

Auch im Einzelhandel und in der Gesundheits- und Pflegebranche würden mehr Frauen in Führungspositionen einen Sinneswandel in den Unternehmen beziehungsweise bei den Trägern bewirken. Wo Frauen führen, wird mehr für Vereinbarkeit und Kinderbetreuung getan und Frauen werden anders gefördert. Davon profitieren die Frauen auf allen Ebenen im Unternehmen. Es geht um einen gesellschaftlichen Wandel hin zu einer gerechteren Gesellschaft für alle.

Gab es Situationen in ihrer beruflichen Karriere, wo Sie gemerkt haben, als Frau hat man es deutlich schwerer?

Ich muss sagen, mich haben auch viele Männer unterstützt und beraten auf meinem Weg. Überhaupt kämpfen viele Männer Seite an Seite mit den Frauen für mehr Gleichberechtigung. Aber es gibt schon Situationen, in denen Männer sich auch gern mal als überlegen aufspielen. Alleine die Art, wie sich hingesetzt wird, mit welcher sonoren Stimme Dinge vorgetragen werden, das ist den Frauen nicht so eigen. Eine Frau setzt sich nicht irgendwo breitbeinig mit Bauch raus in den Sessel. Das macht sie einfach nicht. Und Frauen haben eben auch eine höhere Stimme. Das gilt auch für mich. Da ist es erstmal schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Man braucht schon Beharrlichkeit.

Klingt anstrengend.

Ja, aber wer nichts will, kriegt auch nichts. Ich wünsche mir mehr Zutrauen in die eigene Kraft, mehr Selbstbewusstsein bei den Frauen. Dazu möchte ich ermutigen. Denn auch nicht alle Männer sind High-Performer, daran glaube ich einfach nicht. Bei ihnen gilt genauso die Gaußsche Glockenkurve. Talent, Begabung, Kreativität sind unterschiedlich verteilt.

Mir hat mal jemand den schönen Satz mitgegeben: Penetranz schafft Akzeptanz. Und da ist was dran. So haben wir gerade erreicht, dass die Vorstandquote kommt - mit Beharrlichkeit und viel Überzeugungskraft. Dieser Durchbruch ist historisch. Jetzt ist Schluss mit frauenfreien Vorstandsetagen in den großen Unternehmen. Das ist ein weiterer Schritt zu einer zukunftsfähigen, modernen Gesellschaft, in der die Besten in gemischten Teams erfolgreicher sein können. Es geht um Macht und Ressourcen und um Einfluss, Teilhabe und Gestaltungsmöglichkeiten. Und wenn die eine Gruppe mehr davon bekommen soll, dann ist das für die andere Gruppe, die abgeben soll, immer blöd. Natürlich wehren sich da die Männer. Aber davon dürfen wir uns nicht beirren lassen. Wir wollen eine gerechte Gesellschaft, eine in der die besten Männer und die besten Frauen Führung übernehmen. Und dafür kämpfen wir.

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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