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Wahlkampf mit Ulla Schmidt: "Kommt sie mit dem Auto?"

Wahlkampftermin in Aachen: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt kämpft in ihrem Wahlkreis um ihr Direktmandat und gegen den Fluch der Dienstwagen-Affäre. stern.de hat sie begleitet.

Von Georg Fahrion, Aachen

Der Angriff kommt unerwartet. "Hi Ulla!", rufen zwei fröhliche junge Männer der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) entgegen, als diese am Donnerstagabend über den Aachener Markt eilt. Schmidt lächelt, geht mit ausgestreckter Hand auf die beiden zu - von Jungwählern erkannt werden ist immer gut. Doch der Mutigere setzt sofort nach: "Wo ist dein Dienstwagen?" Schmidt stockt, dann entscheidet sie sich zu lachen. "Ach, ihr habt den geklaut!", sagt sie. Die Bodyguards lachen jetzt auch. Und schon ist sie weg, schnell einen Parteigenossen begrüßen.

Ulla Schmidt befindet sich auf heikler Mission in ihrer Heimatstadt, ihrem Wahlkreis. Am Abend findet vor dem historischen Aachener Rathaus ihr Wahlkampf-Auftakt statt, an den folgenden Tagen wird sie hier zahlreiche Termine absolvieren. Wie aber soll sie Stimmen für die SPD gewinnen, während sich die Republik über ihren in Spanien geklauten Dienstwagen ereifert? In Berlin legen politische Gegner ihr den Rücktritt nahe. Wird die Basis ihr verzeihen? "Ulla Schmidt betätigt sich als Töterin ihrer eigenen Identität", unkt bereits Klaus Kocks, Politikberater und Freund kontroverser Worte.

"Dass die sich hierher traut!"

Der SPD-Ortsverband geht da lieber auf Nummer sicher: Als Hauptredner listen die Plakate nicht etwa die heimische Politikerin auf, sondern Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Schmidts Name taucht weiter unten im Kleingedruckten auf. Eine recht verschüchterte Ankündigung für die prominenteste Politikerin der Stadt, die seit 1990 im Bundestag sitzt - seit drei Legislaturperioden sogar mit Direktmandat.

Dennoch sind rund 200 Menschen an diesem heißesten Tag des Jahres auf den Markt gekommen: Rentner, Touristen, Studenten der nahegelegenen Hochschule, Schweißperlen auf der Stirn, Plastikbecher mit Bier und Mineralwasser in der Hand. Als Schmidt auf die Bühne steigt, klatschen sie artig. Nur ein schnauzbärtiger Mann schnaubt: "Die Dienstwagenbetrügerin ist auch da! Dass die sich überhaupt hierher traut!" Sein Dialekt verrät den Oberbayern.

Die Abendsonne und ein hellgelber Blazer betonen Schmidts Spanienbräune, ihre kurze Ansprache bleibt farblos: Finanzmarktregulierung, Atomkraft, die drohende Spaltung der Gesellschaft, die Errungenschaften der Sozialdemokraten in der Stadt. Kein Wort zum Dienstwagen. Die Leute applaudieren trotzdem.

"Die FDP bohrt immer weiter"

Erst Hauptredner Gabriel streift kurz jenes Thema, das alles überschattet, obwohl es im Grunde kaum relevant ist. "Die FDP macht eine Kampagne gegen Ulla Schmidt", rumpelt Schmidts Ministerkollege, um dann geschwind überzuleiten auf die enge Verbindung der Liberalen zur Ärzteschaft und die Notwendigkeit der Umverteilung. Dafür gibt es Beifall. Die einzigen Zwischenrufe kommen von Greenpeace-Aktivisten, die keine neuen Kohlekraftwerke wollen. Gabriels Aufruf, Ulla Schmidt wieder zum Direktmandat zu verhelfen, eht in Applaus unter.

"Wieso hat sie nicht ein paar Sätze gesagt zu der Geschichte?", fragt sich jedoch ein Rentner nach der Veranstaltung. An sich sei das mit dem Dienstwagen ja keine große Sache gewesen. Nur dass es ausgerechnet der Ulla passiert sei, das sei schon kurios. Sein Groll richtet sich jedoch gegen andere: "Die FDP bohrt ja immer weiter. Das ärgert mich ungemein. Die machen das nur, weil sie sonst nichts zu sagen haben."

Dienstwagen-Affäre? Schon so lange her

Tags darauf warten einige hundert Gymnasiasten in der Aula des Aachener Pius-Gymnasiums auf die Gesundheitsministerin. Die Techniker Krankenkasse hat zu einer Veranstaltung über Organspenden geladen. Aus den Boxen dröhnt Musik eines Hamburger Rappers, der sich Bo Flower nennt und für die Krankenkasse einen Song geschrieben hat: "Von Mensch zu Mensch".

"Ist die Ministerin schon da?", fragt die Moderatorin. "Kommt sie mit dem Auto?", fragt Bo Flower. Mit einem Schlag ist das noch morgenmüde Publikum wach, es lacht, es klatscht, es jubelt, und das Geraune hält an, bis Schmidt eine Minute später die Bühne betritt. Falls sie sich der Quelle der Heiterkeit bewusst ist, lässt sie sich nichts anmerken. Sie wirkt aufgeräumt, unterstreicht ihre Worte mit entspannten Gesten, lauscht dem Transplantationspatienten, lächelt Bo Flower an, nickt dem Schülersprecher zu. Nach einer Stunde Redezeit sind die Schüler an der Reihe. "Ich hätte eine Frage an die Ministerin", sagt ein Jugendlicher. Gespannte Stille im Saal, doch dann folgt eine Frage zur Stammzellenforschung.

Nach der Veranstaltung blickt eine Gruppe Schülerinnen der schwarzen Limousine mit Berliner Kennzeichen hinterher, die soeben vom Hinterausgang abfährt. Es ist ein Audi, nicht der Mercedes aus Spanien. "Das war eigentlich mehr Thema als die Organspende – mit welchem Auto kommt sie?", sagt die 19-jährige Lia. "Aber wenn das jemand sagt, ist das nur als Witz gemeint." Sind sie sauer wegen der Dienstwagengeschichte? Ihre Freundin Larissa schüttelt den Kopf: "Das ist jetzt schon so lang her."

Sonst war mehr Haudrauf

Schmidts letzter Termin des Tages findet in einem Seniorenzentrum statt – ein Heimspiel: Den Geschäftsführer kennt sie aus Studientagen, ihre Schwester arbeitet hier, in den vergangenen Jahren ist sie schon öfter hier aufgetreten. Zu Beginn erzählt sie von der 107-Jährigen, die sie in Niedersachsen besucht habe. "Jeden Abend einen Bismarck" sei deren Rezept für langes Leben. Im Saal hüpfen die Schultern vor Vergnügen. Schmidt spricht von der Pflegereform, dem Erhalt der solidarischen Finanzierung, von der Notwendigkeit, Pflegepersonal anständig zu bezahlen. Sie erntet viel Zustimmung. Als der Heimleiter zu Saft und Brötchen ins Foyer bittet, braucht sie für die wenigen Meter zur Saaltür rund 20 Minuten. Man könne die Besorgnis der Menschen in der Wirtschaftskrise spüren, sagt Ulla Schmidt nach zwei Tagen in ihrem Wahlkreis. Dieses Jahr wollten die Leute ganz genau informiert werden, in anderen Wahlkämpfen sei mehr Haudrauf gewesen. Und der Dienstwagen, ist der oft ein Thema in den Gesprächen? "Nee", sie schüttelt den Kopf. "Selten. Und wenn, dann eher so in der Art, was soll das alles."

In Berlin geht das Sommertheater unterdessen trotzdem weiter. "Schluss mit Salami!", sagt der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, Otto Fricke (FDP). "Alle Fakten müssen endlich auf den Tisch." Für kommenden Mittwoch hat er Schmidt vor das Gremium geladen.

Mitarbeit: Mathias Becker, Johannes Schneider
  • Georg Fahrion