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Neuer FDP-Chef Philipp Rösler Auf leisen Sohlen an die Spitze


Uneitel, freundlich, glaubwürdig - mit Philipp Rösler steht künftig ein Liberaler an der Spitze der FDP, der eigentlich in spätestens sieben Jahren keine Politik mehr betreiben will.

Es ist der Höhepunkt einer politischen Blitzkarriere: Als jüngster Parteichef in der Geschichte der FDP soll der 38-jährige Philipp Rösler die Liberalen aus der Krise führen. Der niedersächsische Landeschef gilt trotz seiner Jugend schon seit langem als Hoffnungsträger seiner Partei. Doch stand er stets loyal zu Parteichef Guido Westerwelle, Putschgedanken sind seine Sache nicht. Als Reaktion auf den heftigen innerparteilichen Druck zog Westerwelle am Sonntagabend in letzter Minute die Reißleine und verkündete, dass er beim Parteitag im Mai nicht wieder kandidieren wird. Das oberste Parteiamt kommt somit fast ohne eigenes Zutun und vor allem ohne Machtkampf auf den Familienvater Rösler zu.

Der promovierte Mediziner und ehemalige Stabsarzt bei der Bundeswehr wurde nach der Bundestagswahl im Herbst 2009 von Westerwelle überraschend zum Nachfolger von SPD-Vorgängerin Ulla Schmidt auserkoren - mit dem Auftrag, das Gesundheitswesen nach liberalen Ideen umzukrempeln. Zuvor legte er in Niedersachsen eine steile Karriere hin: Vom Vorsitzenden der Jungen Liberalen stieg er zum Generalsekretär der Landes-FDP auf und übernahm schließlich deren Vorsitz. 2009 wurde er jüngster Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident im Kabinett des damaligen Regierungschefs Christian Wulff.

Der in Vietnam geborene Rösler, der als Adoptivkind in Deutschland aufwuchs, ist rhetorisch geschickt und hält seine Reden stets frei. Der Senkrechtstarter beschreibt sich selbst als "pflegeleicht", andere loben seine überzeugende Glaubwürdigkeit. Ein Radaubruder ist er jedenfalls nicht, er kommt eher auf leisen Sohlen daher. Die Politik sieht er aber offenbar nicht als Lebensaufgabe an: Mehrfach hat der Vater von Zwillingstöchtern angekündigt, im Alter von 45 Jahren seine politische Karriere beenden zu wollen.

Rösler legte sich mit Pharmabranche an

Im ersten Jahr im Bundeskabinett setzte er mit der Gesundheitsreform und dem Arzneimittel-Sparpaket zwei wichtige schwarz-gelbe Projekte durch, blieb damit aber hinter den ursprünglichen Plänen der FDP zurück. Indem die bislang gedeckelten Zusatzbeiträge unbegrenzt steigen dürfen, schaffte er jedoch den Einstieg in eine kleine Kopfpauschale. Der Arbeitgeberbeitrag wurde festgeschrieben, künftige Kostensteigerungen müssen allein die Arbeitnehmer tragen. Respekt brachte Rösler ein, dass er als liberaler Minister das Preismonopol der Pharmabranche brach.

In diesem Jahr hat er mit der Reform der Pflegeversicherung viel vor. Er will die Leistungen ausweiten, den Fachkräftemangel beseitigen und eine neue Finanzierung auf die Beine stellen. In einer entscheidenden Phase befinden sich die Beratungen über die nächste Gesundheitsreform, die den Ärztemangel auf dem Land bekämpfen und die medizinische Versorgung verbessern soll.

Als Parteichef wird es für Rösler umso mehr darauf ankommen, auf diesen Feldern zu punkten. Denn wie andere Gesundheitsminister vor ihm rangiert Rösler in Umfragen in der Beliebtheit weit unten - wozu nicht zuletzt die beschlossenen stärkeren Beitragslasten für die Beschäftigten beitrugen. Der Hobby-Bauchredner nimmt sein Ranking aber mit Humor und ließ sich kürzlich zu der Bemerkung hinreißen, dass ihm der letzte Platz nur deswegen erspart bleibe, weil dieser von seinem (Noch-)Parteichef Westerwelle besetzt sei.

Rösler wird auch Vizekanzler

Damit Rösler auf Augenhöhe mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer in der Koalition verhandeln kann, soll er von Westerwelle auch den Posten des Vizekanzlers erhalten.

Eine Marschroute, um das Blatt der Partei zum Besseren zu wenden, hat Rösler bereits ausgegeben. Er wolle "liberale Ideale mit realistischen Erwartungen in der Tagespolitik umsetzen", verkündete er am Wochenende. Vor allem Glaubwürdigkeit müsse die FDP zurückgewinnen. Zudem wolle er sich stärker um die Lebenswirklichkeit der Menschen kümmern.

In sein Spitzenamt dürfte Rösler etwas von der jugendlichen Leichtigkeit einbringen, die er bisweilen auch öffentlich zeigt. In seinen Reden hat der bekennende Udo-Jürgens-Fan mehrfach bewiesen, dass er über sich selbst lachen kann. Bei einer Rede in einem bayerischen Bierzelt lästerte er vergangenes Jahr gar über die eigene schwarz-gelbe Koalition: "Das ist keine Koalition, sondern manchmal eine schlagende Verbindung."

Thorsten Severin, Reuters Reuters

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