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Führungskrise bei der FDP: Analyse: Mobber, Kämpfer, Revolutionäre

Um die neue FDP-Führung glänzen zu lassen, müssten die alten Kader gehen: Brüderle, Homburger, Westerwelle. Aber die Boygroup - Rösler, Lindner, Bahr - mag kein Blut. Bleibt die Neuordnung Stückwerk?

Von Lutz Kinkel

Vergangenen Donnerstag, Pressekonferenz zum "Technikdialog" im Bundeswirtschaftsministerium: Rainer Brüderle sitzt an einem grauen Tisch, neben ihm Jürgen Hambrecht, Vorstandschef des Chemieriesen BASF. Brüderle wird mal wieder gefragt, ob er noch eine Zukunft in der Partei hat. Als er sagt, dass er seinen Job gerne macht, greift Hambrecht zum Mikro: "Wir freuen uns, dass der Wirtschaftsminister Freude hat an seinem Job." Brüderle antwortet: "Dann hat sich der Tag schon gelohnt."

Ja, es lohnt sich für Brüderle, öffentliche Solidaritätsadressen einzusammeln. Er braucht sie dringend, immer noch. Die erste Angriffswelle hat er überlebt: Nach den Landtagswahlen am 27. März versuchte Parteichef Guido Westerwelle, Brüderle und Fraktionschefin Birgit Homburger aus dem Amt zu mobben, um sich selbst zu entlasten. Der Plan scheiterte, Westerwelle gab in einer 2-Minuten-10-Sekunden-Erklärung den Parteivorsitz auf. Aber auf Brüderle lief bereits die zweite Angriffswelle. Philipp Rösler, der heißeste Kandidat für Westerwelles Nachfolge, will, für den Fall, dass er Parteichef wird, raus aus dem Gesundheitsministerium - und rein ins Wirtschaftsministerium. Der simple Grund: Der Bundesgesundheitsminister ist traditionell der Mann für die schlechten Nachrichten. Der Bundeswirtschaftsminister ist traditionell der Mann für die guten Nachrichten. Erst recht in Zeiten des Aufschwungs.

Ein Zuckerguss aus Sympathie

Er soll seinen Traumjob, auf den er Jahre lang verbissen hingearbeitet hat, aus Gründen der Parteiräson aufgeben? Niemals, verkündete Brüderle intern. Wer seinen Kopf wolle, müsse es "blutig" machen, heißt: in einen offenen Zweikampf gehen. Und der ist schwer zu gewinnen. Denn Brüderle ("Erst grübeln, dann dübeln") hat auch viele Fans in der Partei. "Er ist der beste Performer unter den Ministern", sagt FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler zu stern.de. Die Altvorderen würden Brüderles Entlassung nicht mitmachen.

Zu den Altvorderen zählt, obwohl erst 45 Jahre alt, mittlerweile auch Birgit Homburger, Chefin der Bundestagsfraktion. Ebenso wie Brüderle stand sie vergangene Woche im Fadenkreuz von Westerwelles Intrige. Also organisierte auch Homburger ihren Rückhalt, besprach sich mit Parteifreunden, ließ die Telefondrähte glühen. Aus ihrem baden-württembergischen Landesverband, der bei der Wahl nur knapp über die 5-Prozent-Hürde kam, heißt es: Wir stehen geschlossen hinter Homburger. Darin spiegelt sich natürlich auch die Sorge, in Berlin nicht mehr so viel zu melden zu haben, wenn sie ausgewechselt würde. Die Boygroup der FDP - Philipp Rösler, Christian Lindner, Daniel Bahr - tickt anders. Sie wollen die Liberalen mit einem Zuckerguss aus Sympathie überziehen. Und bei allem Respekt für Homburgers Arbeitsleistung: "Wetten, dass ?"-tauglich ist sie nicht.

Musterknaben und Einser-Schüler

Guido Westerwelle muss daran sowieso keinen Gedanken verschwenden, er ist der unbeliebteste Politiker Deutschlands. Er gibt den Parteivorsitz auf und stellt das Amt des Vizekanzlers zur Verfügung. Nun muss er sich öffentlich fragen lassen: Warum nicht auch das Außenministerium? Schließlich hat er den Job nur angetreten, um sein Porträt in die liberale Ahnengalerie zu hängen, um sich Gewicht in der schwarz-gelben Koalition zu verschaffen, um auf Augenhöhe mit der Kanzlerin zu sein. Das war gestern. Heute steht da ein politisch demolierter Mann, der mehr Talent zum innenpolitischen Rabaukentum als zur Diplomatie bewiesen hat. Darüber meckern selbst die eigenen Beamten.

Um die Revolution nicht im Revolutiönchen enden zu lassen, müssten eigentlich alle drei gehen - Brüderle, Homburger, Westerwelle. Aber die Boygroup mag kein Blut. "Die wollen sich die Hände nicht dreckig machen", sagt ein FDP-Landeschef stern.de. Ein Grund dafür liegt in ihren politischen Biografien: Rösler, Lindner und Bahr konnten sich bislang ihre Unschuld bewahren. Rösler ist Vorsitzender in Niedersachsen, Lindner Generalsekretär und Bahr NRW-Chef, weil ihre Vorgänger freiwillig den Platz geräumt haben. Sie haben sich nicht durchschlagen müssen, sie wurden hochgelobt. Sie sind Einser-Schüler, Musterknaben, die Karriere machen und ein gutes Verhältnis zu den Eltern pflegen.

Psychologie und Machtarithmetik

Und jetzt sollen sie die Altvorderen meucheln? Psychologisch schwierig. Machtarithmetisch auch. Hinter Brüderle stehen die Wirtschaftsliberalen, organisiert im Schaumburger Kreis, hinter Homburger der mächtige Landesverband in Baden-Württemberg. Westerwelle kann darauf setzen, dass die Kanzlerin keine größere Kabinettsumbildung will. Alle drei haben geschworen, sich nicht aus ihren Ämtern vertreiben zu lassen. "Er kämpft wie wild um seinen Lebenstraum des Wirtschaftsministers", sagt ein Parteivorstand über Brüderle. Und das sei auch richtig so. Brüderle sei schließlich der einzige, der für Ordnungspolitik stehe und Weinköniginnen umarmen könne. Er repräsentiere das Bürgerliche - nicht die drei Jungstars.

Das Zeitfenster, das Rösler, Bahr und Lindner haben, um die Partei neu zu ordnen, ist klein. Machen sie sich die Hände schmutzig? Bleibt die Revolution nur Stückwerk? Vielleicht sollten sie mal bei Angela Merkel nachfragen, was in einer solchen Situation zu tun ist. Sie hat Erfahrung.

Mitarbeit: Andreas Hoffmann