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1. Bundesliga: Bundesliga vor der Brust, Champions League im Kopf?

Von 14 Bundesligisten, die in den letzten 20 Jahren neu in die Champions League gekommen sind, haben nur zwei die erneute Qualifikation für Europas Eliteklasse geschafft. Warum ist das so schwer? Wird es Dortmund und Leverkusen ebenso gehen? Wir haben uns alle Beispiele seit 1993 angesehen, um diese Fragen zu beantworten.

Unmittelbar vor dem Champions League-Auftakt gegen Arsenal hat Borussia Dortmund sein erstes Heimspiel seit mehr als einem Jahr verloren. Und das gegen Hertha BSC. Und das nicht unverdient. Ist das die berüchtigte Doppelbelastung? Und wie funktioniert sie eigentlich?

Bevor die ersten Protestbriefe verfasst werden: Ja, wir wissen, dass es objektiv noch keine zusätzliche Belastung für den BVB gegeben hat. Dass ein bevorstehendes wichtiges Champions League-Spiel aber die Aufmerksamkeit der Mannschaft und die Wochenplanung des Trainers beeinflussen kann, ist naheliegend. Irgendetwas muss es jedenfalls sein, dass die meisten Bundesligisten befällt, sobald sie in der Königsklasse an den Start gehen, wie ein Blick in die jüngere Geschichte zeigt.

Wir haben nur Fälle untersucht, bei denen Clubs ohne aktuelle Erfahrung in der Champions League gespielt haben. Definiert ist das als Champions League-Teilnahme entweder als Debütant oder nach mindestens drei Jahren Pause.

1993/94: Werder Bremen
Als erste deutsche Mannschaft qualifizierte sich Werder Bremen für die Gruppenphase der Champions League. Kaiserslautern, Hansa Rostock und Stuttgart waren zuvor in der Qualifikation gescheitert. Meister Bremen, unmittelbar vor dem entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Levski Sofia noch Dritter, gewann unmittelbar nach dem Einzug in die Gruppenphase nur zwei seiner nächsten 14 Bundesligaspiele und fiel auf Rang 12 zurück. Nach dem Aus in der Gruppenphase fing sich Otto Rehhagels Team und wurde am Ende noch Achter in der Bundesliga.

1994/95: Bayern München
Mit dem neuen Trainer Giovanni Trapattoni ging der FC Bayern in seine erste Gruppenphase. Seit dieser Saison war der Deutsche Meister direkt qualifiziert. In der Champions League erreichten die Münchner trotz zweier Vorrundenniederlagen gegen Paris SG das Halbfinale. In der Bundesliga endete Traps erstes Auswärtsspiel in Freiburg 1:5. Von den ersten acht Ligaspielen während der Gruppenphase gewann Bayern nur ein einziges und lag Anfang November auf Platz neun der Tabelle. Am Saisonende stand Platz Sechs, Bayerns schlechtester Rang der letzten 20 Jahre. Trapattoni musste gehen.

1995/96: Borussia Dortmund
Ottmar Hitzfelds BVB war 1995 der erste Bundesligist, der ohne Eingewöhnungszeit mit der Champions League zurechtkam. Meister Dortmund überstand die Gruppenphase, wurde nebenbei Herbstmeister und am Ende der Saison klappte die Titelverteidigung.

1997/98: Bayer Leverkusen
Als Vizemeister zog Bayer 04 in die Champions League ein, nur zwei Punkte hatten die Mannschaft von Christoph Daum vom Titel getrennt. Doch auch wenn die Quali für die Gruppenphase gegen Dinamo Tiflis gelang - als die Vorrunde der Champions League im September begonnen hatte, war Bayer 14. der Bundesliga, mit schon 12 Punkten Rückstand auf die Spitze. Aber nach und nach gewöhnte das Team sich an die Doppelbelastung. Der Einzug ins Viertelfinale gelang letztlich locker, und auch in der Liga lief es immer besser. Am Ende Platz drei.

1998/99: FC Kaiserslautern
Als Titelverteidiger startete Sensationsmeister FCK in die neue Bundesligasaison, und das stark mit drei Siegen aus den ersten vier Spielen. Sobald allerdings die Champions League begonnen hatte, warfen fünf sieglose Punktspiele in Serie die Pfälzer zurück auf Rang zehn. Dann fing sich Otto Rehhagels Team, kletterte bis zur Winterpause auf Platz drei und zog ins Viertelfinale der Champions League ein. Am Saisonende reichte Platz fünf nur für den UEFA Cup, weil Dortmund am letzten Spieltag noch am FCK vorbeizog.

1999/2000: Hertha BSC
Nur zwei Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga spielte Hertha in der Champions League und gewann im Olympiastadion gegen Chelsea und Milan. In der Bundesliga sorgte eine Serie von einem Sieg aus elf Spielen zeitgleich dafür, dass Jürgen Röbers Elf nach Abschluss der Vorrunde in der Champions League einen Punkt vor einem Abstiegsplatz lag. In der damals ausgetragenen zweiten Gruppenphase der Champions League wurde Hertha Letzter in einer Gruppe mit Sparta Prag und Benfica, schaffte aber dafür die Wende in der Liga. Nach dem endgültigen Ausscheiden lagen die Berliner im Mittelfeld der Bundesliga, am Saisonende auf Platz sechs.

2000/01: Hamburger SV
Frank Pagelsdorfs HSV war in der Vorsaison überraschend Dritter geworden und begeisterte in der Champions League mit einem legendären 4:4 gegen Juventus, schied aber dennoch in der Vorrunde aus. Bei den Rothosen vollzog sich die Parallelentwicklung in der Bundesliga ungewöhnlich. Solange die Champions League noch lief, hielt sich der HSV auf Platz sechs, zur Winterpause war er Zehnter, am Saisonende 13.

2001/02: Schalke 04
Als Meister der Herzen erst in allerletzter Sekunde um den Titel gebracht, spielte Schalke die erste Saison in der neuen Arena immerhin in der Champions League. In der Vorrundengruppe wurden die Knappen Letzter hinter Panathinaikos, Arsenal und Real Mallorca, in der Bundesliga lief die Saison mäßig, aber nicht katastrophal. Zur Winterpause war Schalke Siebter, in der Abschlusstabelle Fünfter.

2003/04: VfB Stuttgart
Das perfekte Beispiel dafür, wie die Champions League eine Mannschaft nicht lähmen, sondern euphorisieren kann, lieferte Felix Magaths VfB Stuttgart 2003. Der Vizemeister der Vorsaison schaffte aus einer schweren Vorrundengruppe mit Manchester United, Panathinaikos und den Rangers den Sprung ins Achtelfinale, wo Chelsea nur knapp gegen den VfB gewann. Noch besser aber war die Vorrunde der Schwaben in der Bundesliga: Erst am neunten Spieltag kassierte Stuttgart das erste Gegentor der Saison, erst Mitte Dezember gab es für den Tabellenführer die erste Saisonniederlage (0:1 in München). Am Saisonende verabschiedete Magath sich mit einem guten vierten Platz und wechselte nach Bayern.

2004/05: Werder Bremen
Als eine von nur zwei Mannschaften (neben Borussia Dortmund 1996) schaffte Werder als relativer Champions League-Newcomer den direkten Wiedereinzug in die Königsklasse, mit Platz drei in der folgenden Abschlusstabelle der Bundesliga. Kombiniert mit dem Einzug ins Achtelfinale der Champions League (dort allerdings zehn Gegentore gegen Lyon) und ins Halbfinale des DFB-Pokals spielte Thomas Schaafs Mannschaft eine Saison, der man nicht den geringsten Nachteil durch Zusatzstress anmerkte.

2005/06: Schalke 04
Nach drei Jahren Pause zog Schalke unter Ralf Rangnick wieder in die Champions League ein. Dort schieden die Gelsenkirchener zwar in der Hinrunde als Gruppendritter aus, aber in der Bundesliga verlor Schalke nur ein einziges seiner ersten 16 Spiele. Dennoch wurde Rangnick entlassen. Die Doppelbelastung entstand hier also weniger durch die Champions League als viemehr durch den Vorstand. Am Ende wurde Schalke Vierter und verpasste den erneuten Champions League-Einzug.

2006/07: Hamburger SV
Den absoluten Tiefpunkt in Sachen Scheitern an der Doppelbelastung lieferte Thomas Dolls HSV 2006. Am letzten Spieltag der Vorsaison war den Hamburgern durch eine Heimniederlage gegen Werder Bremen noch die Vizemeisterschaft genommen worden, so dass die Rothosen in die CL-Qualifikation mussten. Der vorsichtige Vorstand wartete erst das Ergebnis der Spiele gegen Osasuna ab, bevor er zu Last-Minute-Panikkäufen für die Gruppenphase ansetzte. Der HSV gewann nur ein einziges seiner ersten 23 Pflichtspiele. Dennoch bekam Doll bis nach der Winterpause das Vertrauen des Vereins, ehe er, auf Platz 18 liegend, entlassen wurde. Nachfolger Huub Stevens rettete den HSV mit der zweitbesten Rückrundenbilanz aller Bundesligisten noch auf Platz sieben.

2007/08: VfB Stuttgart
Ein furioser Endspurt hatte den VfB unter Armin Veh zum Meister 2007 gemacht. Nur wenige Monate nach dem großen Triumph war von der Euphorie nichts mehr übrig. Nach zehn Spieltagen stand Stuttgart in der Bundesliga auf Platz 14, einen Punkt vor den Abstiegsplätzen, in der Champions League war die Vorrunde nach null Punkten aus den ersten vier Spielen gelaufen. Immerhin bedeuteten 19 Saisontore durch Mario Gomez am Saisonende Platz sechs.

2009/10: VfL Wolfsburg
Als hätte die Erfahrung mit Stuttgart nicht gereicht, musste Armin Veh zwei Jahre später gleich wieder ins kalte Wasser der Champions League eintauchen, nur diesmal ohne den Nimbus des Meistertrainers, denn sein Vorgänger Felix Magath hatte den VfL zum Titel geführt. Nach dem Vorrundenaus in der Königsklasse und Platz acht zur Winterpause bekam Veh nur zwei Spiele in der Rückrunde zugestanden, bevor er gefeuert wurde. In der Rückrunde unter Lorenz-Günter Köstner holte Wolfsburg dann auch nur zwei Punkte mehr als in der Hinrunde.

2011/12: Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen
Zum ersten Mal seit Gründung der Champions League nehmen in der aktuellen Saison gleich zwei Bundesligisten teil, die seit vielen Jahren nicht dabei waren. Während Bayer 04 nach dem Pokalaus in Dresden und der Auftaktniederlage in Mainz schon in die Krise geschrieben wurde, jubelte man den BVB nach dem Heimsieg gegen den HSV zum erneuten Meisterkandidaten. Dass sich die Tendenzen inzwischen umgekehrt haben, zeigt, wie schnell Urteile überholt sein können. Für eine Bilanz dessen, wie beide Clubs mit der Champions League umgehen, ist es also noch viel zu früh.

Die Auswertung der Beispiele zeigt aber auch: Von 14 relativen Newcomern in der Champions League schafften nur zwei in der gleichen Saison wieder die Qualifikation: Borussia Dortmund 1996 und Werder Bremen 2004. Neben diesen beiden gelang auch dem VfB Stuttgart unter Magath eine sehr gute Saison. Auffällig ist, dass die letzten vier Bundesligisten, die neu in der Champions League dabei waren, allesamt die Gruppenphase nicht überstanden.

Was genau macht denn nun die "Doppelbelastung" aus? Ganz offensichtlich ist es nicht vorrangig eine physische Überforderung der Spieler. Dieser wird ohnehin meistens entgegengehalten, Fußballer könnten ja wohl mehrmals pro Woche spielen. Klar können sie das im Prinzip. Aber es macht halt einen Unterschied aus, ob man eine Woche Zeit hat, sich auf jedes Spiel vorzubereiten, oder drei Tage.

Und die Tugend, den nächsten Gegner immer für den schwersten zu halten, muss auch erstmal beherzigt werden, wenn man morgen gegen Augsburg spielt und Dienstag in Barcelona. Schließlich ist es für alle Fußballer ein Karrierehöhepunkt, in der Champions League zu spielen - und für Trainer natürlich ebenso. Es gehört schon eine große mentale Stärke dazu, sich so sehr auf die aktuellste Aufgabe zu konzentrieren, dass man wirklich 100 Prozent seines Leistungsvermögens abrufen kann.

Die Spieler dahin zu bringen, ist zuvorderst Aufgabe des Trainers. Ein Blick in unsere Beispiele zeigt, dass große Trainer wie Ottmar Hitzfeld, Christoph Daum, Felix Magath und Otto Rehhagel es relativ gut geschafft haben, mit ihrem Kader plötzlich zweigleisig zu fahren. Jürgen Klopp und Robin Dutt, beide selbst Neulinge in der Champions League, haben jetzt die Chance, zu demonstrieren, dass die neue Trainergeneration das genau so gut kann.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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