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Analyse

Hassplakate gegen Hopp: "Krieg" der Ultras: Die Klubs tragen eine Mitschuld an der Macht der Fans

Seit dem historischen Ballgeschiebe von Sinsheim ist der Konflikt zwischen den Ultra-Gruppen auf der einen Seite und dem DFB und den Klubs auf der anderen Seite weiter eskaliert. An der Situation tragen die Vereine eine Teilschuld.

BVB-Anhänger machen deutlich, wer das gemeinsame Feindbild ist: der DfB

BVB-Anhänger machen deutlich, wer das gemeinsame Feindbild ist: der DfB

DPA

Banges Warten auf den Abend: Dann tritt der FC Bayern zum Spiel beim FC Schalke an. Sportlich geht es um viel. Der Sieger der Partie zieht in das Halbfinale des DFB-Pokals ein. Aber es geht nicht nur ums Sportliche. Nach dem historischen Ballgeschiebe vom Sinsheim zwischen den Bayern und der TSG Hoffenheim am vergangenen Samstag richtet sich das Augenmerk auf die Fan-Kurven. Kommt es wieder zu einem Eklat? Und wenn ja, wie werden die Mannschaften auf dem Rasen reagieren? Kommt es diesmal zu einem Spielabbruch?

Unabhängig davon, welche Fortsetzung diese Geschichte am Pokalabend nehmen wird: Die jüngste Eskalation macht erneut deutlich, über welche Macht die Ultra-Gruppen in den Stadien der Republik verfügen. Und im Gegenzug zeigt die Reaktion der Vereine, dass sie nicht mehr bereit sind, Pöbeleien und Beleidigungen dieser Art hinzunehmen. Mit dem kollektiven Protesten gegen Dietmar Hopp und die Kollektivstrafen durch den DFB haben die Ultras aus Sicht der Klubs und vieler anderer Fußballfans eine Grenze überschritten. Die nächsten Wochen werden darüber entscheiden, ob sich der Riss zwischen Verband, Vereinen und Funktionären und einer Minderheit der Fans vertieft.

Heikle Situation für die Klubs in Deutschland

Für die Vereine in Deutschland ist das eine heikle Situation, in die sie sich teilweise selbst manövriert haben. Sie erhalten die Quittung dafür, dass sie Ultra-Gruppen aus eigenem Kalkül lange gewähren ließen. Sie profitierten von der Stimmungsmache im Stadion und den aufwendigen Choreographien, die so schöne, fernsehtaugliche Bilder liefern. Gleichzeitig gingen sie nie wirklich konsequent gegen Fehlverhalten oder das Zünden von Pyros im Stadion vor – außer dass sie das Verhalten nach Spielschluss wortreich verurteilten.

Beispiel FC Bayern. Die größte Ultra-Gruppe, die Schickeria hat maßgeblich zur verbesserten Stimmung in der Allianz Arena beigetragen. Früher galt das Stadion des FC Bayern als echter Stimmungskiller mit Opernpublikum, das hat sich auch durch den Einsatz der Schickeria geändert. Die linke Gruppierung engagiert sich gegen Rassismus und Diskriminierung im Stadion und erinnerte jüngst zum Tag der Auschwitz-Befreiung an ein Bayern-Mitglied, das von den Nazis ermordet worden war. Sogar der DFB verlieh der Schickeria 2014 für ihr Engagement den Julius-Hirsch-Preis. Im Gegenzug für ihren Einsatz erhielt die einflussreiche Ultra-Gruppierung großzügige Kartenkontingente. Das Verhältnis zur Club-Führung und anderen Fan-Gruppen galt bislang als gut. Jetzt war die Schickeria - neben der Fan-Gruppe Red Fanatic - für die Hopp-Schmähungen verantwortlich und der Club will hart gegen sie vorgehen. Die Verantwortlichen für die Schmähplakate sollen identifiziert und Ticketkontingente gekürzt werden. Im Gespräch sind auch Stadionverbote.

Dietmar Hopp

Geeint durch gemeinsame Feindbilder

Zur Wahrheit über die Ultras gehört genauso, dass sie kein einheitliches Phänomen sind. Sie pflegen untereinander zahllose Feindschaften und sind politisch genauso disparat wie die Gesellschaft. Doch trotz starker Differenzen, gibt es einen gemeinsamen Gegner: den Kampf gegen die ihrer Meinung nach zu starke Kommerzialisierung des Fußballs. Darunter fallen die Zerstückelung des Spieltages, der Einsatz für den Erhalt der 50-1-Regel und ein Ende der sogenannten Eventisierung. Und natürlich der Kampf gegen Investoren wie Dietmar Hopp oder Red Bull, die die 50+1-Regel umgehen. Wie im aktuellen Konflikt sind die Fan-Gruppen in der Lage, vereint vorzugehen und ihre Macht auszuspielen. So war es bei den Protesten gegen den Montagsspieltag und fan-unfreundliche Anstoßzeiten.

Der aktuelle Konflikt hat sich an den Kollektivstrafen entzündet, die der DFB gegen BVB-Fans ausgesprochen hat. Die hatten, obwohl sie beim DFB-Sportgericht unter Bewährung standen, im vergangenen Jahr erneut Schmähungen gegen Hopp gezeigt und wurden daraufhin für zwei Jahre von Auswärtsspielen in Sinsheim gesperrt. Vor zwei Jahren hatte der Ex-DfB-Boss Reinhard Grindel den Anhängern mal versprochen, dass es keine Kollektivstrafen geben werde. Das gilt nun nicht mehr. Die Folge ist, dass der Hass auf den DFB wieder voll entbrannt ist. Aber eines ist auch klar: Die Ultras stellen nicht die Mehrheit in den Stadien, nur die lauteste. Viele Fans sind von deren Selbstdarstellung genervt. Vielleicht spielt gerade das den Vereinen in die Hände, wenn sie sich gegen die Macht der Ultras wehren.

tkr

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