EM-Momente Paris, das erste Debakel


Vor der EM 2008 erinnert stern.de in einer Serie an die magischen Momente der EM-Geschichte. Im vierten Teil reißt eine Serie und Deutschland erlebt einen der schwärzesten Tage seiner Fußball-Geschichte - trotz einiger neuer Helden.
Von Nico Stankewitz

Der am meisten erzählte Sportwitz des Jahres 1984 lautete etwa so: Frage: Welches Meeressäugetier hat keine Ahnung von Fußball? Antwort: Jupp, der Wal. So oder so ähnlich dachten Deutschlands Fußballfans am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit über den Bundestrainer. Jupp Derwalls Kredit, den er mit einer Serie von 23 Spielen ohne Niederlage zu Beginn seiner Amtszeit erworben hatte, war bereits vor der Europameisterschaft restlos aufgebraucht. Die nur durch ein gutes Spiel im Halbfinale erträglich gestaltete WM in Spanien wirkte nach, mit der Blamage des Österreichspiels von Gijon und der brutalen Tätlichkeit von Schumacher gegen Battiston.

Deutschland in der Krise

Schlimmer noch war aber die offensichtliche Lustlosigkeit der Mannschaft, langweilige Spiele mit teilweise unerträglichem Defensivfußball und auch das Auftreten der Mannschaft und vieler Bundesligaprofis in der Öffentlichkeit kam nicht gut an. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sanken und nur ein Jahr nach dem Europacupgewinn des HSV waren alle deutschen Vereine früh aus den kontinentalen Clubwettbewerben ausgeschieden. Die Nationalmannschaft fuhr also mitten in der gefühlten Krise nach Frankreich, und konnte noch froh sein, dass sie überhaupt fuhr, denn nach zwei (!) Niederlagen gegen Nordirland (!) in der Qualifikation brauchte man das Torverhältnis, um sich so gerade eben noch zu qualifizieren. Dabei war die Mannschaft nominell nicht schlecht besetzt, in der Stammformation standen immerhin noch sechs Europameister von 1980 und mit Matthäus, Brehme und Völler schon drei zukünftige Weltmeister von 1990 (außerdem standen Buchwald und Littbarski im Kader), aber es fehlte an Inspiration und Teamgeist.

So begann auch das Turnier, mit tristem Sicherheitsfußball beim 0:0 gegen Portugal. Die deutsche Nationalelf wurde gerade nach dem Halbfinale der WM von den französischen Fans konsequent ausgepfiffen, die Atmosphäre war feindselig, was die Mannschaft zusätzlich belastete. Gegen Rumänien wurde dann trotz erneut nur mäßiger Leistung mit 2:1 gewonnen, beide Treffer erzielte der junge Mittelstürmer Rudi Völler bei seinem ersten Turnier. Damit hatte Deutschland eine ausgezeichnete Ausgangsposition, denn beide andere Spiele waren Unentschieden ausgegangen, ein Punkt im letzten Gruppenspiel gegen Spanien also in jedem Fall genug für das Halbfinale.

Maceda köpft Deutschland aus dem Turnier

Deutschland begann gut und spielte die beste Halbzeit des Turniers, hatte eine ganze Reihe von Torchancen, unter anderem Pfosten- und Lattentreffer durch Briegel und Brehme. Allerdings konnte man sich auch bei dem überragenden Keeper Toni Schumacher bedanken, der in der 44. Minute einen Elfmeter von Carrasco hielt. In der zweiten Hälfte plätscherte das Spiel nur noch vor sich hin, da auch den Spaniern (bei einem.0:0 im Parallelspiel von Portugal gegen Rumänien) ein Unentschieden zum Weiterkommen genügen würde. Bis zur 81. Minute, als Portugal gegen Rumänien in Führung ging - plötzlich musste Spanien gewinnen und warf alles nach vorne. Für die Iberer ging es um alles oder nichts und sie rannten stürmisch an. Genau hier zeigte sich, dass die deutsche Mannschaft einfach zu demoralisiert war, um sich wirklich zu wehren, nur Schumacher stand in diesen zehn bitteren Minuten den Spaniern im Weg. Dann die Nachspielzeit: Nochmal ein Angriff der Spanier, Senor flankt, der Ball ist scheinbar ewig in der Luft, alle starren in den klaren Pariser Nachthimmel - und dann steht mitten im deutschen Strafraum der spanische Libero Antonio Maceda und köpft hart und platziert ein. Das Aus für Deutschland, die erste Vorrundenpleite seit 1938.

Platini-Superstar!

Der herausragende Spieler des Turniers und der absolute Weltstar des Jahres war der Franzose Michel Platini, der mit neun Treffern (in fünf Spielen!) Torschützenkönig und Superstar des Turniers war. Frankreich siegte im Finale zwar recht mühsam 2:0 gegen Spanien, aber das französische Mittelfeld mit Platini, Alain Giresse, Luis Fernandez und Jean Tigana setzte Maßstäbe in Sachen Kreativität, Spielwitz und Offensivdrang. Trainer Michel Hidalgo hatte die Mannschaft seit der WM 1982 kontinuierlich weiterentwickelt, nun war sie auf dem Höhepunkt angelangt. Neben Frankreich war Dänemark trotz der Halbfinalniederlage im Elfmeterschießen gegen die disziplinierten Spanier die positive Überraschung der Titelkämpfe. In der wohl spielstärksten dänischen Nationalelf aller Zeiten standen mit Morten Olsen, Sören Lerby, Frank Arnesen, Preben Elkjaer-Larsen und Michael Laudrup eine Reihe von herausragenden Spielern, die für dynamischen und spektakulären Offensivfußball sorgten. "Danish Dynamite" begeisterte Europa und das Halbfinale war der bis dahin größte Erfolg für den kleinen skandinavischen Verband.

Derwalls Ende

Interessanter als die EM selber wurden aus deutscher Sicht die Tage nach dem Ausscheiden, als Bundestrainer Jupp Derwall nach sechstägigem Trommelfeuer der Boulevardmedien - und insbesondere der Zeitung, die einen gewissen Franz Beckenbauer als Kolumnisten beschäftigte - vollkommen entnervt seinen Hut nahm und als erster Bundestrainer überhaupt zurücktrat. Die normale Erbfolge im DFB wurde in Frage gestellt, denn Derwalls Assistent Erich Ribbeck wurde das Amt nicht zugetraut - wie sich 14 Jahre später heraus stellen sollte, durchaus zu Recht. Neben dem "Kaiser" Franz Beckenbauer wurde der aktuelle Stuttgarter Meistertrainer Helmut Benthaus als Hauptkandidat genannt, aber der öffentliche Druck in Richtung Beckenbauer nahm immer mehr zu und so willigte der herausragende Spieler des vorhergehenden Jahrzehnts schließlich ein, als "Teamchef" ohne Trainerschein die Nationalmannschaft zu übernehmen. In klaren Worten analysierte Beckenbauer die Situation: "Der deutsche Fußball steckt in einer Krise und benötigt zehn Jahre zur Regeneration" sagte er bei seiner Amtsübernahme.

Die Verliererelf des letzten Vorrundenspiels gegen Spanien: Harald Schumacher, Bernd Förster, Uli Stielike, Karlheinz Förster, Hans-Peter Briegel, Lothar Matthäus, Norbert Meier (60. Pierre Littbarski), Andreas Brehme (74. Wolfgang Rolff), Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler, Klaus Allofs.


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