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Abschied von Joachim Löw Deutschland sucht Germany's next Top-Mannschaft

Joachim Löw während seiner letzten Pk als Nationaltrainer nach dem Aus bei der EM 2021
Letzter Auftritt als Nationaltrainer: Joachim Löw übernimmt "absolute Verantwortung" für die EM-Niederlage gegen England.
© Federico Gambarini / DPA
Während sich der scheidende Bundestrainer Joachim Löw um eine harte Analyse der Niederlage gegen England drückt, fordert Manager Oliver Bierhoff eine radikale Verjüngung der deutschen Nationalelf.
Knapp 17 Stunden nach dem Abpfiff im Londoner Wembley-Stadion hat sich Bundestrainer Joachim Löw an einer Bilanz der Europameisterschaft versucht. Viel mehr als Worte des Bedauerns über das Ausscheiden aus dem Turnier hatte er nicht zu bieten. Eine Analyse vermied Löw, der die deutsche Nationalmannschaft 15 Jahre betreut hatte: "Jetzt ins Detail zu gehen, dazu bin ich nicht in der Lage."
So wurde der letzte Auftritt von Löw im Trainingscamp in Herzogenaurach zu einem nostalgischen, mitunter verklärenden Rückblick auf seine Amtszeit. "Ich bin mit mir im Reinen", sagte Löw, gekleidet in einen weinroten Hoody. "Es wird vieles bleiben, das mir für mein Leben wichtig ist."

Joachim Löw: Immer noch unter Schock

Für die 0:2-Niederlage gegen England übernahm Löw die "absolute Verantwortung", wie er sagte. Am Vorabend hatte er noch auf subtile Weise die Schuld von sich gewiesen; nicht das System sei der Grund für die Niederlage gewesen, sondern individuelle Fehler. Löw wirkte am Mittwochmittag noch immer wie unter Schock; die einzige Erklärung, die er anzubieten hatte, lautete, dass seiner Mannschaft "Cleverness und Coolheit" gefehlt hätten. Viele seiner Spieler hätten wenig Turniererfahrung, ihr Leistungszenit läge noch vor ihnen.
Löw unterschlug dabei, dass in Manuel Neuer, Mats Hummels, Toni Kroos und Thomas Müller gleich vier Weltmeister von 2014 gegen England in der Startaufstellung standen, und dass Antonio Rüdiger (28, Champions League-Sieger mit Chelsea 2021) und Leon Goretzka (26, Champions League-Sieger mit dem FC Bayern 2020) als durchaus etablierte Kräfte gelten dürfen.
Man hätte zu gern von Joachim Löw gewusst, warum er seiner offensiv begabten Mannschaft so wenig zutraute im Achtelfinale. Warum er sie tief am eigenen 16-Meter-Raum verbarrikadierte, so dass sie Mühe hatte im Spielaufbau. England, das wäre ein Gegner gewesen, der nach einem ähnlichen Matchplan hätte bespielt werden können wie Portugal (4:2) in der Vorrunde. Das England-Spiel war zwar kein schlechtes, aber die deutsche Mannschaft blieb deutlich unter ihren Möglichkeiten. Von Sturm und Drang wie gegen Portugal war wenig zu sehen; die Elf folgte der hasenfüßigen Strategie ihres Trainers, der sich mit diesem 0:2 nach 198 Länderspielen vom DFB verabschiedet.

Oliver Bierhoff: "Mehr U21-Spieler einbauen"

Was sich in Zukunft ändern soll, ließ Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft am Mittwoch durchblicken. Er wünsche sich, "dass wir wieder mehr U21-Spieler ins Team einbauen", sagte Bierhoff. Die Mannschaft brauche eine Verjüngung, so wie die Weltmeister-Mannschaft von 2014 im Kern aus den U21 von 2009 bestanden habe. Namentlich waren dies Neuer, Boateng, Höwedes, Hummels, Khedira und Özil.
Solch eine goldene Generation sieht Bierhoff derzeit nicht heranreifen, auch wenn U21-Trainer Stefan Kuntz kürzlich mit seiner Mannschaft die Europameisterschaft gewann. Bierhoff vermisst einen jungen Strafraumstürmer, jemanden mit einem echten "Killerinstinkt", wie er klagte.
Große Talente gibt es durchaus im deutschen Fußball. Jamal Musiala, (18, FC Bayern) wurde von Löw aber nur spärlich eingesetzt beim EM-Turnier. Und dies, obwohl Musiala in den wenigen Minuten gegen Ungarn (2:2) einer der auffälligsten deutschen Spieler war. Erst gar nicht in den Kader berufen wurde Florian Wirtz, 18, ausgebildet beim 1. FC Köln und seit einem Jahr bei Bayer Leverkusen unter Vertrag. Ein Hochbegabter, aber für Löw offenbar noch nicht gut genug.

Verjüngung nun Aufgabe von Hansi Flick

Die Auffrischung der Nationalmannschaft wird nun eine der zentralen Aufgaben des neuen Bundestrainers Hansi Flick werden. Auch dies dürfte Kriterium für die Berufung des ehemaligen Bayern-Coachs gewesen sein. "Ich weiß, dass Hansi gerne junge Spieler einbaut", sagte Bierhoff, wobei er betonte, dass die Talentförderung "eine Aufgabe für den gesamten deutschen Fußball" sei.
Joachim Löw wird den weiteren Weg der Nationalmannschaft aus der Ferne verfolgen. Er bleibe Fan dieses Teams, sagte er und wurde an seinem letzten Arbeitstag noch einmal pathetisch: "Mein Herz schlägt weiter schwarz-rot-gold."

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