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Meinung

Geisterspiele ab 9. Mai: Sag mal: Geht's noch, Bundesliga?!

Am 9. Mai soll die Bundesliga wieder starten. So hat es eine ganz große Koalition aus Politik, Medien und Fußball anscheinend ausgetüftelt. Der Kompromiss mag ein gangbarer Weg zur Rettung der Liga sein. Die Art und Weise seines Zustandekommens allerdings ist bizarr.

Markus Söder, Armin Laschet, Twitter-Kommentare

Eines muss man dem deutschen Profi-Fußball lassen: Die Lobbyarbeit funktioniert. Und das ganz ohne PR-Agenturen. Sondern lediglich mit den Mitteln, die schon Altkanzler Gerhard Schröder zum Regieren nutzte: "Bild", Bams und Glotze.

Das Timing, mit dem die Bundesliga ihren Restart mit Geisterspielen zum 9. Mai vorangetrieben hat, ist schon – wie soll man sagen – ganz großer Sport. Vor allem die Art und Weise, wie mithilfe zweier Ministerpräsidenten, einem Boulevardblatt und einem Pay-TV-Sender Fakten geschaffen werden, lässt einem den Atem stocken.

Gerade erst hatte Kanzlerin Angela Merkel die Deutschen vor einer zu schnellen Lockerung der Schutzmaßnahmen in der Coronakrise gewarnt, da tauchten fröhlich die beiden Unions-Ministerpräsidenten-Platzhirsche Markus Söder und Armin Laschet bei "Bild" auf und machten den Fans Hoffnung auf Bundesligafußball ab dem 9. Mai. Die Posse gipfelte in Söders Binse: "Ein Wochenende mit Fußball ist deutlich erträglicher als ein Wochenende ohne Fußball." Na sicher, das unterschreibt jeder, egal ob Dortmund- oder Bayern-Fan!

Schnell wurden noch ein paar Politikerstimmen eingesammelt (Kretschmer, Lindner, Weil). Dazu noch ein paar barmende Worte von Dortmund-Boss Aki Watzke ("Wir müssen uns darauf besinnen, wie wir angefangen haben: auf der Wiese ohne Fans, Mann gegen Mann") - und schon schien die Sache abgemacht. Fußball. 9. Mai. Geisterspiele. Läuft!

Flankiert wurde die Schmierenkomödie tags drauf vom Pay-TV-Sender Sky, dem derzeitigen Inhaber der Rechte für die Liveberichterstattung, der in der "Bild" eine ganzseitige Anzeige schaltete: "Jaaaaaaaaaa! Die Bundesliga ist bald wieder da. Und wir von Sky freuen uns mit euch. Denn wir lieben Fußball genauso wie ihr."

Das ist natürlich alles unfassbar schräg – und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Lieber Aki Watzke, seien Sie doch bitte so ehrlich und sagen, worum es wirklich geht: nicht um Wiese und Fußball-Romantik, sondern ums Geschäft. 13 von 36 Profivereinen der 1. und 2. Liga sind von Insolvenz bedroht, wenn nicht bald wieder der Ball rollt. Die Klubs warten auf 300 Millionen Euro, die letzte Rate für die TV-Rechte der aktuellen Saison. Die Kohle fließt aber nur, wenn die Liga ihren Spiel- und Geschäftsbetrieb wieder aufnimmt. Das wissen Sie, das wissen auch die Fans. Und das kann man auch ehrlich sagen. Also, verkaufen Sie uns nicht für dumm.

Dr. Eckart von Hirschhausen redet über die Maskenpflicht während der Corona-Krise.

Darüber hinaus: Beschlossen ist noch gar nichts. Die Statements von Söder und Laschet sind allenfalls Absichtserklärungen und an viele Bedingungen geknüpft. Und sie sind auch nur zwei von 16 Ministerpräsidenten in Deutschland. Gut möglich, dass das die Kollegin Schwesig oder der Kollege Günther ja ganz anders sehen. Oder die Sportminister der Länder, die nur wenige Stunden vor dem PR-Coup getagt hatten und sich keinesfalls auf einen Starttermin der Bundesliga festlegen lassen wollten.

Morgens "Öffnungsdiskussionsorgien" - abends Bundesliga-Öffnung

Aber so war es schon ziemlich bizarr, dass wir morgens erst das Wort "Öffnungsdiskussionsorgien" der Kanzlerin durchbuchstabieren mussten, um dann nachmittags von der Bundesliga-Öffnung überrascht zu werden.

Dabei hatte die DFL eigentlich vieles richtig gemacht in den letzten Wochen. Sie hat immer betont, dass man keine Sonderrolle einnehmen wolle. Dass die Gesundheit im Vordergrund stehe. Man erst ein stimmiges Hygiene- und Sicherheitskonzept beschließen wolle, ehe man in die Diskussion um einen Restart einsteigt.

Diese Zurückhaltung hat man nun nur zwei Tage vor der DFL-Mitgliederversammlung abgelegt – per voreiliger Jubelmeldung in der Boulevardpresse. Noch ehe das vollständige Sicherheitskonzept zur Bewertung auf dem Tisch liegt. Noch bevor überhaupt die Spieler eingebunden sind, von denen man in diesen Tagen erstaunlich wenig hört.

Und überhaupt: Was ist eigentlich mit diesen ganzen lästigen Details? Zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs müsste regelmäßig und umfangreich getestet werden. Ganz ehrlich, sollen da Zehntausende Tests für einen Fußball-Zirkus draufgehen, während sie in manchen Arztpraxen immer noch Mangelware sind? Was ist, wenn Spieler positiv getestet werden (was bei einem Kontaktsport wie Fußball ja nicht ganz unwahrscheinlich ist)? Kommt dann wirklich, wie Söder sagt, "der Spielbetrieb wieder zum Erliegen"? Oder wird dann – Augen zu und durch – doch weitergespielt? Und was hat das für Auswirkungen auf das Einhalten der Regeln in der Bevölkerung?

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, brachte es bei "Hart aber Fair" auf den Punkt: "Es ist schlicht nicht zu vermitteln, dass Profis mit Millionengehältern spielen dürfen, während man es kleinen Kindern verbietet, auf den nahegelegenen Spielplatz zu gehen."

Solange die DFL diese Frage nicht überzeugend beantwortet, bleibt eine Fortsetzung der Bundesliga-Saison ein einigermaßen bizarres Schauspiel.

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