Jan Simak Last Exit Stuttgart


Spektakulär und heiß diskutiert: der Wechsel des Ausnahmefußballers Jan Simak vom Zweitliga-Absteiger Carl Zeiss Jena zum VfB Stuttgart. Nach einer fast schon gescheiterten Karriere und einem Leben zwischen Himmel und Hölle bekommt der Tscheche nun seine letzte Chance.
Von Martin Sonnleitner

Es schlug die 51. Minute im Halbfinale des DFB-Pokals zwischen Borussia Dortmund und dem krassen Außenseiter Carl Zeiss Jena. Der Zweitligist war drauf und dran, den 0:1-Rückstand beim Bundesligisten wettzumachen. Unermüdlich trieb der Dirigent der Jenaer, der Tscheche Jan Simak, die Seinen nach vorne. Das Finale von Berlin lockte.

Dann reklamierte Simak meckernd ein vermeintliches Foulspiel, woraufhin ihn Schiedsrichter Manuel Gräfe verwarnte. Sekunden später machte Simak abschätzig das Brillenzeichen, Gelb-Rot. Ein schriller Aufschrei ging durch das Fußball-Land.

Vertrauen in Simak

Sie hatten es alle schon immer gewusst. Simak, dieses über viele Jahre hin durch die Gazetten geisternde Genie. Dann von der Bildfläche verschwunden. Weg in seine böhmische Heimat, Burnout, Depressionen, Alkoholismus. Mit 25 Jahren innerlich und äußerlich verbrannt – schien es. Da war er nun also wieder, der Psycho-Freak, und das so kurz vor der großen Sensation mit dem Underdog Jena.

Dortmund gewann das Spiel gegen zehn wacker kämpfende Gegner, die ohne ihren Besten auskommen mussten, mit 3:0. Doch das gesamte Jenaer Umfeld, allen voran die Mitspieler, aber auch Fans, Trainer und Vorstand, hielten fest zum Gebrandmarkten. Carl-Zeiss-Coach Henning Bürger stellt Simak auch nach seinem Wechsel nun zum VfB Stuttgart das allerbeste Zeugnis aus: "Er hat sich nach einer privat schwierigen Zeit hier hervorragend präsentiert."

Flucht aus Deutschland

Simak hatte sich nach seiner großen Lebenskrise, die nur der Höhepunkt einer von Suff, Weibern und falschen Freunden geprägten Laufbahn gewesen war, wieder zurückgekämpft. Erst ins Leben, dann in den Profifußball. Nachdem er mit zum Teil fulminanten Auftritten zunächst beim damaligen Zweitligisten Hannover 96, dann kurz auch bei Bayer Leverkusen auf sich aufmerksam machte, grub ein fataler Lebenswandel immer tiefere Furchen in Simaks Körper und vor allem in seine Seele.

Dann ergriff er, wohl aus Selbstschutz, die Flucht aus Deutschland und seinen kapitalistischen Verheißungen. Beim tschechischen Erstligisten Sparta Prag konnte er nach einer Alkoholtherapie 2005 dann erneut reüssieren, kurz darauf waren die ersten Bundesligavereine wieder an ihm dran. Doch ein Wechsel scheiterte zunächst an den hohen Ablöseforderungen der Prager, so dass Simak im Sommer 2007 für den Schnäppchenpreis von 450.000 Euro zu Carl Zeiss Jena ging, allerdings mit der Klausel, den Klub für eine ähnlich niedrige Summe zu einem Bundesligisten verlassen zu dürfen.

Genialer Fußballer

Simaks fußballerischen Qualitäten stehen nämlich außer Frage. Von einem echten "Instinktfußballer" schwärmt Bürger, "einer, der in der Lage ist, individuelle Situationen aufzulösen, schnell Entscheidungen trifft, technisch perfekt ist und den tödlichen Pass spielen kann." Durch seine bisweilen genialen Auftritte im Bundesliga-Unterhaus, wurden auch die VfB-Scouts auf ihn aufmerksam und unterrichteten Stuttgarts Sportchef Horst Heldt.

In mehreren Gesprächen, an denen auch VfB-Coach Armin Veh beteiligt war, wurde die Lage erörtert und auch aus seiner Vergangenheit kein Hehl gemacht. Simak, der Anfang des Monats erfolgreich an der Hüfte operiert wurde, sagt auf stern.de: "Beide haben mir das Gefühl gegeben, mich wirklich zu wollen und mir eine gute Perspektive aufgezeigt. Ich denke, dass meine Art Fußball zu spielen gut zum VfB passt."

Zuversícht in Stuttgart

Auch Heldt ist überzeugt, für 400.000 Euro einen Transfer-Coup gelandet zu haben. "Noch als ich selber gespielt habe und Jan bei Hannover und Leverkusen war, wurde von allen Seiten berichtet, man habe noch nie solch einen guten Fußballer gesehen", frohlockt Heldt. Simak ist beidfüßig, somit taktisch im Mittelfeld überall einsetzbar und für seine Gegner insgesamt schwer auszurechnen. Zudem verfügt er über eine außergewöhnliche Spielintelligenz.

Auch Simaks sensibler, introvertierter Charakter scheint nun gefestigt zu sein. Heldt: "Wir haben drüber geredet, er wirkte sehr klar im Kopf. Jan weiß, dass er nur gewinnen kann." Der Sportchef glaubt auch, dass Simaks Vergangenheit ihn nicht bremsen, sondern besonders motivieren wird, "er hat noch etwas zu erfüllen". Heldt freut sich auf "einen echten Straßenfußballer, mit einem Schuss Genialität".

Flexibel einsetzbar

Sein alter Trainer Bürger ist sich ebenfalls sicher, dass dem 29-Jährigen, von Leverkusen 2002 einst als Ersatz für den scheidenden Michael Ballack verpflichtet, nun etwas verspätet der große Durchbruch gelingt. "Er wird sich verbessern, braucht die Herausforderung", so die Einschätzung des ehemaligen Profis. "Gute Spieler werden ihn noch besser machen."

Auch wenn Heldt ihn zunächst nicht zu sehr unter Druck setzen will, freut sich der sportliche Leiter auf mehrere taktische Optionen in der Raute des VfB-Mittelfeldes. Dabei kann Simak, der einen Zwei-Jahresvertrag erhielt, sowohl die Zehn spielen, als auch beide Halbpositionen bekleiden. "Das schürt den so wichtigen Konkurrenzkampf im Team", hält Heldt fest.

Parallelen zu Held

Heldt war selber ein intelligenter Spielgestalter, der es mit überdurchschnittlichem Talent schaffte, viel aus seiner Karriere rauszuholen. Vor allem bestach er aber schon als Aktiver durch seine besonnene und integere Art, was ihn dazu prädestinierte, bereits mit gerade einmal 37 Jahren nahtlos vom Profifußball in die sportliche Leitung zu wechseln. Praktisch der komplette Gegenentwurf zu Simak.

Bei diesem lautet nach Klärung der Vergangenheit nun die Kernfrage, ob er es endlich schafft, auch in Liga eins das zu bestätigen, was aus der Zweiten Liga seit 2000 immer wieder wie ein Versprechen durch die Fußball-Republik wabert. Dass er ein grandioser Fußballspieler ist.


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