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Seit 14 Jahren im Amt: Jogi Löw wird 60 – der zeitlose Bundestrainer

Joachim Löw wird an diesem Montag 60 Jahre alt. 14 davon ist er bereits Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er blickt auf eine große Karriere zurück, hat aber noch einiges vor. Eine Würdigung.

Joachim Löw 2018 am Strand von Sotschi

Joachim Löw während der WM 2018 am Strand von Sotschi

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Ob es noch einmal der Saal der Brauerei Ganter wird? Dort hat er damals seinen Fünfzigsten gefeiert, ein bisschen später, im Jahr 2011. Den Schlagersänger Dieter-Thomas Kuhn, den er heute einen Freund nennt, buchte Löw höchstpersönlich für die Feierlichkeiten, Kuhns Sekretärin glaubte, da erlaube sich einer einen Scherz, als der Bundestrainer selbst um ein Gespräch mit Kuhn bat. Mit schwarzer Lockenpracht erschien die Hauptperson des Abends dann, eine Ray-Ban-Sonnebrille bedeckte die Augen, gelbes Hemd zum gelben Pullunder, eng anliegende Stretchhose mit Schlag, lässig sah der Löw aus in seinem Retro-Look der 70er, eine Motto-Feier ist es schließlich gewesen.

Joachim Löw kann sich die ganz große Sause noch einmal vorstellen, hat er dieser Tage zum Sechzigsten verkündet. Nicht heute, am Geburtstag, den will er im Kreis der Familie verbringen, aber doch ein bisschen später,  wenn dann auch diese Europameisterschaft sauber archiviert ist. An seiner Seite dürften auch dann wieder tanzen: sein ehemaliger Assistent Hansi Flick, der heute ein Bayern-Trainer ist, und Urs Siegenthaler, der heute noch immer Urs Siegenthaler ist, beratendes Faktotum des Bundestrainers. Löw schätzt Loyalität. Und Kontinuität.   

Lang ist's her: 2006 übernahm Joachim Löw das Amt des Bundestrainers von Jürgen Klinsmann

Lang ist's her: 2006 übernahm Joachim Löw das Amt des Bundestrainers von Jürgen Klinsmann

DPA

Joachim Löw, die zeitlose Figur im deutschen Fußball

Er ist ja selbst immer eine zeitlose Figur im deutschen Fußball geblieben in all den Jahrzehnten, hat sich in die Seele schauen lassen in zahlreichen Interviews und sich doch nie wirklich selbst erklärt. Die Weiterentwicklung vom Schnauzer der 80er zum Business-Boss-Look der Neuzeit ist ihm spielend geglückt. Und auch die Moden des Spiels schienen ihm nichts anhaben zu können. Er passte nie ganz in die gängigen Raster, war weder Laptop-Trainer noch harter Hund und fiel somit nie wirklich aus der Zeit. Auch sein Bundestraineramt sorgte dafür, dass nervöse Manager seiner nicht allzu schnell überdrüssig werden konnten. Es kennt nicht die zersetzenden Kräfte des Regelspielbetriebes, in dem Trainerehrungen und Entlassungen schon mal zusammenfallen können, wie jüngst bei Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel zu bestaunen war. 

Und doch ist auch dieser Löw, wie so viele Arten in diesen Tagen, aller zeitlosen Haltbarkeit zum Trotz nicht gänzlich vor dem drohenden Aussterben gefeit. Schon diesen Sommer könnte im 14. Jahr als Bundestrainer vorzeitig Schluss sein, ein weiteres Vorrundenaus wird die Nation nur schwerlich verzeihen, nachdem 2018 in Russland die Expedition Titelverteidigung weltmeisterlich schiefgegangen war.

Löw ist danach nicht zurückgetreten, viele hatten das von ihm erwartet. Der Blick auf ihn hat sich seither in Teilen der Öffentlichkeit eingetrübt, trotz erfolgreicher EM-Qualifikation. Löw weiß um die Gefahr, doch noch der natürlichen Selektion des Fußball-Geschäfts zum Opfer fallen zu können. Sorge bereitet ihm das nicht. Selbstbestimmt und unabhängig hat ihn der WM-Titel von Rio gemacht, auch wenn er jenen gegenüber, die ihn über Jahre begleiteten, nie einräumen mochte, dass er den großen Wurf noch gebraucht hat, um seine Zeit zu runden.

Die Ruhe nach dem WM-Titel

Und doch umgibt ihn seither eine andere Ruhe, bis heute ist dies so. Nicht seine Lebensumstände hat Löw in den vergangenen Jahren verändert, noch immer lebt er vorranging in Freiburg, genießt den Entschleunigungs-Espresso und treibt gern Sport im Grünen. Doch er tut es in der Gewissheit, niemals als gescheitert zu gelten, egal, was da noch kommen mag. Die Angst, nach 14 Jahren durch die Hintertür aus dem Amt zu scheiden, habe ihn nie umgetrieben, erklärte er deshalb 2018 nach den freudlosen Tagen in Russland: "Es gibt ein paar wenige, mit denen ich 14 Jahre gegangen bin. Wir wissen, dass wir einiges bewegt haben. Das ist das, was mir in meinem Herzen am meisten bleibt: die Begegnungen. Ich blicke auf 14 Jahre mit Menschen, die mir viel gegeben haben. Ob schön oder nicht schön, ich habe wahnsinnig viel gelernt."

Thomas Müller gestikuliert im DFB-Trikot auf dem Platz. Im Hintergrund stehen zwei Spieler der Niederlande

Nicht den anderen will er es noch einmal beweisen, sondern sich selbst. Und tatsächlich wirkt er dieser Tage deutlich aufgeladener, wo nach der WM 2018 die Kampfansagen doch eher routiniert daherkamen. Mit einer neuen Elf, die ein wenig an jene junge Bande von 2010 erinnern soll, will er diesen Sommer noch einmal zurückzukommen, spätestens aber in zwei Jahren zur WM in Katar. Trotz seiner damals auch schon vier Bundestrainerjahre coachte Löw in Südafrika einen jungen ambitionierten Underdog an England und Argentinien vorbei ins WM-Halbfinale und sich selbst zum Bundesverdienstkreuz.

Er sagt heute, auf dem Platz zu stehen, mit den Jungs, das bereite ihm noch immer „unheimlich viel Freude“. Aus dem präsidialen Löw, der nach Rio Egos wie Özil, Hummels, Kroos, Schweinsteiger oder Khedira zu moderieren hatte, ist auf seine älteren Tage noch einmal ein Trainer geworden, der gegen die großen Nationen wie Frankreich von unten coacht, buchstäblich aus der Deckung. Er hat große Namen wie Müller, Hummels oder Boateng aus seinem Kader sortiert. Männer wie Koch, Schulz, Klostermann, Tah oder Waldschmidt fordern dagegen nichts.

Mit 70 noch auf der Trainerbank?

Das muss kein Nachteil sein, nicht für Deutschland, nicht für Löw. Die Jungen mögen ihre Schwächen haben, doch an Leidenschaft mangelt es ihnen nicht. Sie sind formbar. Löw hat sich immer als Visionär gesehen. Etwas frei zu entwerfen, ohne allzu viel Rücksicht auf die Befindlichkeiten einer saturierten Elf, ist ihm ein großes Glück. Wer mit ihm über seine frühen Stationen spricht, erlebt noch heute einen Mann, der über seine Zeit als Spielertrainer in Frauenfeld und die Arbeit mit Halbamateuren ins Schwärmen gerät.

Er klingt dieser Tage nicht, als suche er nach seiner Zeit als Bundestrainer den schnellen Absprung aus dem Trainergeschäft, auch wenn er sich nicht vorstellen kann, mit 70 noch auf der Trainerbank zu sitzen. Aber wer weiß das heute schon. Er wird auf sein Gefühl hören, wenn es so weit ist. So hat er es immer gehalten.

Er sagt, es gebe nicht die großen Träume in seinem Leben, die noch der Erfüllung harren. Der Sohn eines Ofensetzers aus Schönau im Schwarzwald weiß, dass er weit gekommen ist. Ein EM-Titel, noch mal Weltmeister – es wären weitere Höhepunkte eines privilegierten Lebens. Den ganz großen Unterschied macht es nicht mehr.

Wann er seine Feste feiert, das entscheidet Joachim Löw schon lange selbst.

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