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Probleme der Nationalelf Löw kämpft an vielen vielen Fronten – und um seinen Job

Joachim Löw während einer Trainingseinheit in Leipzig vor dem Spiel gegen Tschechien
Maske und Frisur sitzen perfekt: Joachim Löw während einer Trainingseinheit in Leipzig vor dem Spiel gegen Tschechien
© Ronny Hartmann / AFP
Joachim Löw ist als Bundestrainer nicht mehr unumstritten, seit er den Neuanfang ausgerufen hat. Die Zahl der Kritiker wächst. Verstärkt wird die Entwicklung durch Probleme, für die Löw nichts kann. Ein Überblick.

In diesen Tagen darf man sich berechtigterweise die Frage stellen, ob der Bundestrainer wirklich noch Spaß hat an seinem Job. Der Neuaufbau der Nationalelf kommt nur schleppend voran, die Corona-Pandemie erschwert die Arbeit, das Interesse der Fans sinkt und dann sind da noch die vielen Kritiker, die immer lauter meckern.

Am Bundestrainer sind die Entwicklungen nicht spurlos vorbei gegangen. Zuletzt wirkte Löw angeschlagen. Er weiß: Nach dem Desaster bei der WM 2018 in Russland muss seine junge Mannschaft bei der EM im nächsten Jahr erfolgreicher sein, wenn er seinen Job behalten will. Der Druck wächst. Allerdings ist Löw nicht für alle Probleme rund um die Nationalelf verantwortlich. Er arbeitet unter erschwerten Bedingungen, die nicht nur mit der Corona-Pandemie zusammenhängen.

Das Testspiel am Mittwochabend gegen Tschechien (ab 20.45 Uhr/RTL) und die Partien in der Nations League am Samstag gegen die Ukraine und am Dienstag gegen Spanien werden Richtungsweiser für das kommende Jahr sein. Ein Überblick der wichtigsten Baustellen rund um die DFB-Elf.

1. Erschwerte Bedingungen in der Corona-Krise

Zehn Monate lang fand kein Länderspiel statt. Erst seit September läuft die DFB-Elf wieder auf. Verletzungen und fehlende Spieler, auf die Löw aus Rücksicht auf die Vereine verzichtete, machen es schwer, kontinuierlich zu arbeiten und eine Stammelf zu formen. So wird am Mittwochabend gegen Tschechien nur eine B-Elf auflaufen, weil der Bundestrainer wegen des Termindrucks Spieler schont. Dennoch sind die erschwerten Bedingungen keine Erklärung auf die Frage, warum Löw zum Beispiel für den 21-Jährigen und hochbegabten Kai Havertz noch keinen festen Platz in der Mannschaft gefunden hat. Genug Gelegenheit, Havertz einzusetzen, hatte er.

2. Termindruck und Überlastung

Punkt zwei ergibt sich aus Punkt eins. Löw muss wie jeder andere Trainer mit dem engen Terminkalender zurecht kommen. Das hat Folgen für die Arbeit. Nicht nur, dass er oft auf Spieler verzichtete, er muss auch vermehrt mit Verletzungen rechnen. "Wenn wir Trainer nicht die höchste Vorsicht walten lassen, haben die, die es nicht machen, im nächsten Jahr ein großes Problem. Die für den Terminplan verantwortlich sind, müssen Entscheidungen treffen, da der Terminkalender generell zu voll ist", sagte Löw.

Torwart bolzt Stürmer den Ball ins Gesicht – Sekunden später flippt der ganze Sportplatz aus

3. Imageprobleme der Nationalelf

Im Moment hat die Nationalelf ein Image-Problem, das Interesse der Zuschauer lässt merklich nach. Das liegt zum einen an den mäßigen sportlichen Leistungen, aber nicht nur. Die Nationalelf leidet auch am miesen Image des DFB. Für eingeschworene Fußballfans ist der Verband sowieso ein rotes Tuch, aber auch in der breiteren Öffentlichkeit hat der Ruf gelitten. Die Anklagen wegen Steuerhinterziehung, die unaufgeklärten Vorgänge rund um die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und Konflikte innerhalb des Verbandes haben den Ruf stark angekratzt. Das bekommt auch die DFB-Elf zu spüren. 

4. Müller, Hummels, Boateng

Die Diskussionen rund um die Ausbootung der drei Weltmeister-Profis hat sich Löw selbst eingebrockt. Er wollte im März 2019 einen großen Schnitt machen, indem er die verdienten Spieler aussortierte. Sportlich war das im Frühjahr 2019 absolut gerechtfertigt. Sein großer Fehler war es, den Rauswurf für unumstößlich zu erklären. Dass besonders Mats Hummels und Thomas Müller möglicherweise wieder zu ihrer alten Form finden würden, damit konnte man rechnen. Müller war 29 Jahre und Hummels 30 Jahre alt, als ihre Karriere in der Nationalelf abrupt endete. Und jetzt hat Löw den Salat: Beide Spieler sind wieder in Topform und könnten der jungen Nationalelf durchaus helfen. Immerhin hat Löw die Tür wieder einen hauchdünnen Spalt geöffnet: "Sollte sich die Situation vor der EM grundsätzlich ändern, weil Schlüsselspieler ausfallen, dann muss ich das neu bewerten." Löw, davon darf man ausgehen, würde es sehr schwerfallen.

5. Sportliche Entwicklung

"Die jungen Spieler haben alle Zeit verdient. Wir haben Potenzial für die nächsten Jahre – und das wird sich lohnen", sagte Löw am Dienstag auf der Pressekonferenz. Damit hat er recht, die neue Generation ist vielversprechend. Mit Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Leroy Sané, Kai Havertz, Timo Werner, Serge Gnabry, Niklas Süle – um die wichtigsten der jungen Wilden zu nennen – kann man ein großes Team formen. Es stellt sich die Frage, ob Löw dazu noch in der Lage ist nach 14 Jahren als Bundestrainer? Tatsache ist, dass die Nationalelf kontinuierlich ein Problem in der Defensive hat. Es mangelt ihr oft an Cleverness, Führungen werden häufig verspielt – so wie zuletzt gegen die Türkei oder Spanien. Es ist ein grundsätzliches Problem, für das der Trainer die Verantwortung trägt - trotz der erschwerten Bedingungen in der Corona-Krise. Löw findet – wie früher schon so oft – nicht die richtige Balance zwischen Angriff und Verteidigung. Das muss er aber, wenn er bei der EM 2021 nicht gnadenlos scheitern will.


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