Olympische Schlaglichter Im Sog des Kalten Krieges


Es waren die Stiefel von Soldaten, die 1980 für den spektakulärsten Olympiaboykott sorgten. Damals blieben viele westliche Staaten den Moskauer Spielen aus Protest gegen den Einmarsch in Afghanistan fern. Die Retourkutsche folgte vier Jahre später. Eine stern.de-Serie über Olympische Spiele, die Geschichte geschrieben haben.
Von Nico Stankewitz

Die Olympischen Spiele waren schon von der ersten Austragung in der Neuzeit an – und in der Antike sowieso – weit mehr als nur eine große Sportveranstaltung. Regierungen verbinden mit der Rolle des Gastgebers großes Prestige und pumpen Riesensummen in diese Werbemaßnahmen. In der Sowjetunion hatte das Politbüro 1980 gewaltige Investitionen getätigt, um ein modernes und kraftvolles Land der Weltöffentlichkeit vorzustellen. Entscheidend torpediert wurde dieses Vorhaben durch den am 27. Dezember 1979 begonnenen Einmarsch sowjetischer Truppen ins benachbarte Afghanistan.

Auch zuvor waren die Olympischen Spiele immer wieder mit der Politik in Konflikt geraten. Insbesondere 1956 in Melbourne, als Spanien, die Niederlande und die Schweiz aus Protest gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes durch sowjetische Truppen die Spiele boykottierten. Bei den gleichen Spielen fehlten aufgrund des ägyptisch-britischen Konflikts um den Suezkanal auch Ägypten, Irak, Libanon und Jordanien. Auch vier Jahre vor Moskau war eine größere Gruppe von Ländern nicht zu den Spielen in Montreal angetreten, als das IOC sich weigerte Neuseeland auszuschließen, das entgegen der damaligen Sanktionen mit den „All Blacks“ gegen Südafrika im Rugby angetreten war. In der Konsequenz zogen 21 afrikanische Staaten ihre Teams von den Sommerspielen zurück.

Viele westliche Staaten blieben Moskau fern

1980 war es dann aber nicht eine Gruppe kleiner Staaten, die drohte, auf die Teilnahme an den Spielen zu verzichten, sondern eine der beiden Supermächte: Die USA unter Präsident Carter und Außenminister Vance hatten zunächst vom IOC gefordert, die Spiele abzusagen. Als das aber brüsk abgelehnt wurde, entschieden die USA, die Spiele in der UDSSR zu boykottieren. Der deutsche Bundestag folgte am 23. April 1980 einstimmig (!) einer Empfehlung von Bundeskanzler Helmut Schmidt und stimmte für einen Verzicht, den das NOK wenige Tage später bestätigte. Viele andere europäische Länder wählten mehr oder weniger flaue Mittelwege oder stellten den Sportlern die Teilnahme frei, so dass beispielsweise Großbritannien und Frankreich aus Protest unter der Olympiaflagge mit den fünf Ringen antraten und demonstrativ auf ihre eigenen Fahnen und Hymnen verzichteten.

Unter dem Strich verzichteten neben der Bundesrepublik Deutschland und den USA auch Kanada, Argentinien, Chile, Norwegen, die Türkei, Pakistan, China, Thailand, Indonesien, Japan Südkorea sowie viele afrikanische und nahezu alle islamischen Staaten auf die Teilnahme in Moskau – es fehlte buchstäblich die halbe Welt. Damit wurde zwar ein deutliches Signal auf diesem Höhepunkt des Kalten Krieges gesendet, erreicht wurde damit allerdings gar nichts. Die sowjetische Besetzung Afghanistans wurde nicht durch den Boykott, sondern den blutigen Widerstand der Mudschahedin und die von den USA gelieferten Stinger-Raketen im Jahr 1989 beendet.

Retourkutsche Los Angeles

Die Retourkutsche folgte prompt vier Jahre später, als bei den Olympischen Spielen in Los Angeles die UDSSR, die DDR und 13 weitere sozialistische Staaten nicht in die USA reisten und – angeblich aus Sicherheitsgründen – nicht an den Wettbewerben teilnahmen. Aus sportlicher Sicht wurden vor allem 1980 viele Wettbewerbe vollkommen entwertet, aber auch 1984 fehlte eine so große Zahl von Weltklasseathleten, so dass diese Medaillen nicht den Glanz vorheriger oder späterer Spiele besitzen.

Zudem stand sogar der Bestand der Olympischen Spiele überhaupt auf der Kippe, denn auch die Austragung der nächsten Ausgabe in Südkoreas Hauptstadt Seoul war diplomatisch aufgrund der komplizierten Beziehungen zum kommunistischen Nordkorea nicht unproblematisch. Schnell gab es Gerüchte über einen erneuten Boykott der Ostblockstaaten, der wohl das Ende der olympischen Idee bedeutet hätte.

Aber die politische Großwetterlage änderte sich, die "Goodwill Games", der Reagan/Gorbatschow-Gipfel von Reykjavik, der beginnende Zerfall des Ostblocks – das Boykott-Thema verschwand von der politischen Tagesordnung. Erst 20 Jahre später tauchte es wieder auf. Die Menschenrechtsverletzungen in China, die gewaltsame Unterdrückung der Tibeter und die fehlende Pressefreiheit haben zu Boykottaufrufen nicht nur durch den Schauspieler und Tibet-Aktivisten Richard Gere geführt.

Olympia bleibt politisches Druckmittel

Olympia ist und bleibt ein politisches Druckmittel, ob aus nachvollziehbaren oder fragwürdigen Motiven spielt am Ende kaum eine Rolle. Die undurchsichtige Vergabepraxis an Länder, die entweder diktatorische Regimes haben (wie jetzt die Volksrepublik China) oder nur eine Vorform von Demokratie pflegen (wie Russland, Austragungsland der Winterspiele 2014), wird die Diskussion um die moralische Komponente einer Austragung von Olympischen Spielen in solchen Ländern auch weiterhin in Gang halten.

Der Boykott von Sportveranstaltungen, um politische Ziele zu erreichen, war in der Vergangenheit ein untaugliches Mittel und wird es auch in der Zukunft sein. Ein "politikfreies" Olympia wird es nicht geben, damit muss der Sport sich abfinden und Wege finden, um sich nicht vereinnahmen zu lassen. Nur dadurch wären auch zukünftige Boykottforderungen von vornherein zu vermeiden.


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