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Olympia in Sotschi: Die Spiele des Herrn

Winter-Olympia im Sommerkurort Sotschi. Die irre Geschichte von Korruption, Umweltskandalen und Willkür rund um das Prestigeobjekt von Russlands Präsident Putin.

Von Bettina Sengling

Erst krächzte das Haus nur. Die Wände knarzten und ächzten, als hätte sich jemand in ihnen festgesetzt. Risse zeichneten sich in den Außenwänden ab, krochen die Fassaden hoch. Und dann krachte es. So laut, dass Irina Buratschkowa aus dem Schlaf schreckte. „Ein Erdbeben“, dachte sie. Der Strom war ausgefallen, stockfinster war es, und ihr Haus hatte im unteren Stockwerk keine Front mehr. Die war einfach weggerutscht. "Es ist wie ein Albtraum", sagt Buratschkowa heute, "aus dem ich nicht mehr aufwache."

Seit zwei Jahren lebt sie mit ihrer Familie nun in einem winzigen Container, den die Behörden gegenüber der baufälligen Ruine aufstellen ließen. Ein Zimmer für sieben Menschen, ohne fließendes Wasser. Den Stromgenerator besorgte Buratschkowa selbst. Die Nachbarn bekamen nicht einmal das. Dabei sind ihre Häuser noch heute so schief wie der Turm in Italien. Manchmal schieben sie Papier unter die Tischbeine, damit die Suppe nicht überschwappt. Die Risse hinter der Wohnzimmercouch überklebte Nachbarin Nina kürzlich mit Tapeten. "Damit wir nicht sehen, wie gefährlich es bei uns ist", sagt sie. "Wir haben Angst zu leben."

Irina Buratschkowas Haus, in dem sie 50 Jahre lang wohnte, war weggesackt, nachdem die Behörden am Abhang einen neuen Strommast aufgestellt hatten – Teil des ehrgeizigsten Bauprojekts Russlands. "Alles deswegen", sagt Buratschkowa und zeigt Richtung Tal, wo sechs Olympiahallen so fremd aussehen wie gigantische Ufos. Nicht nur Wohnhäuser stehen schief, seit der russische Präsident Wladimir Putin beschloss, der kleine grüne Sommerkurort Sotschi möge sich in den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 verwandeln. Die ganze Stadt wirkt seither wie aus dem Lot. Der Welt wollte Putin beweisen, dass er, mächtigster Mann im größten Land der Erde, auch das Abwegige möglich machen kann. Für seinen Traum von neuer Größe steht der neue, aus dem Sumpf gestampfte Wintersportort. Und gleichzeitig auch für seine Schwäche, das Scheitern. Denn so gern Putin die Welt das Staunen gelehrt hätte – der Westen wandte sich erschrocken ab von diesem kuriosen Megaprojekt.

Ein Ski-Resort in der wärmsten Stadt Russlands

"Dieses Olympia zeigt alle Fehler des Putin-Systems in konzentrierter Form", schreibt der Oppositionelle Boris Nemzow, der in Sotschi aufgewachsen ist. "Die Willkür, Korruption, Inkompetenz, die Vetternwirtschaft, die Unverantwortlichkeit." Auch den Umgang mit Andersdenkenden und Bürgern, Armut und Protz, den Größenwahn.

Dabei war Putin bescheiden und charmant aufgetreten, als er im Juli 2007 bei der Tagung des Olympischen Komitees in Guatemala die Bewerbungsrede für Sotschi verlas, sogar auf Englisch, das er sonst nie spricht. „Sotschi ist eine einzigartige Stadt“, pries er damals. „Man kann am Meer in der Sonne sitzen und später in den Bergen Ski fahren.“ Moderne, umweltbewusste Spiele versprach er.

Putin liebt diesen Ort. Die Sommer verbringt er gern in der Staatsresidenz "Botscharow Rutschej" am Meer. In den Bergen soll inzwischen ein Ski-Resort exklusiv für den Präsidenten entstanden sein, mit drei Hubschrauberlandeplätzen. Nicht einmal Straßen führen hierher. Weil im Naturschutzgebiet gebaut wurde, tarnten die Behörden die Residenz angeblich als Forschungsstation. Die Spiele waren von Anfang an Putins persönliches Prestigeprojekt. Dabei hat Wintersport am Schwarzen Meer keinerlei Tradition, Schnee liegt in der wärmsten Stadt Russlands so gut wie nie: Sotschi ist die einzige russische Stadt in den Subtropen. An der Küste wachsen Palmen, und sogar im Februar sitzen die Bewohner manchmal im T-Shirt am Strand, bei 20 Grad.

Unterhalt der Sportanlagen kostet jährlich 312 Millionen Dollar

Trotzdem bekam der 400.000-Einwohner- Ort Sportstadien mit insgesamt 130.000 Zuschauerplätzen, eins nur für die Eröffnungs- und Abschlussfeier, fünf Eisarenen, darunter sogar ein Curling-Stadion, in den Bergen ein riesiges fürs Biathlon – gut sechsmal größer als das in Ruhpolding. Erst hieß es, einige Stadien sollten nach den Wettbewerben ab- und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden. Doch davon redet nun niemand mehr. Allein der Unterhalt der neuen Anlagen an der Küste wird umgerechnet 312 Millionen Dollar im Jahr kosten, errechneten Experten – die Hälfte des Stadtbudgets.

Nicht einmal die Bewohner von Sotschi freuten sich darüber, dass in den vergangenen Jahren Milliarden in ihre Region investiert wurden. Nur "Dreck und Beton" sähen sie in ihrer Stadt, schimpfen die Leute: "Keiner hier hat das gewollt." Tatsächlich ist Sotschi kein Idyll. Sondern ein Konglomerat von Bauwerken und Ortsteilen – einer davon heißt Adler, eigentliches Herz der Spiele –, das sich über 150 Kilometer entlang der Küste zieht. Hindurch führt nun eine Art Autobahn, gedacht für die ranghohen Gäste, die ohne lästige Stopps an Ampeln und Fußgängerüberwegen von den Hotels in die Berge fahren wollen. Alles ist entweder gigantisch und neu wie der gläserne Bahnhof in Adler mit seiner gespenstisch leeren Wartehalle. Oder aber alt und grau, wie die brüchigen Zement-Plateaus am Strand, Erinnerungen an den Werktätigen-Tourismus sowjetischer Jahre.

Zwölf Milliarden Dollar wolle der Staat in Spielstätten und Infrastruktur investieren, versprach Putin damals in Guatemala. Die Summe beeindruckte: Der Mitbewerber aus Österreich gab zwei Milliarden, der aus Südkorea sieben Milliarden an. Diese Kosten hält jedoch schon lange kein Veranstalter Olympias mehr ein: Meist sind sie am Ende mehr als doppelt so hoch. Auch die Sommerspiele in London und die Winterspiele im kanadischen Vancouver wurden viel teurer als erwartet. Doch Sotschi bricht alle Rekorde.

Eine Straße der Verschwendung

Mit 51 Milliarden Dollar, das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt Bulgariens, gelten diese Spiele als die teuersten der Geschichte. Selbst die in Peking 2008, die bislang das Kosten-Ranking anführten, waren etwa zehn Milliarden Dollar günstiger. Und das waren Sommerspiele, bei denen viel mehr Sportler antreten und mehr Anlagen nötig sind. Man habe nicht nur Sportstätten bauen, sondern auch in die Infrastruktur investieren müssen, argumentieren die Organisatoren. Das stimmt zwar, und doch erklärt das nicht diese Kostenexplosion.

In Russland dienen die Sotschi-Spiele längst als Synonym für die grassierende Korruption im Staat. Ein kleiner Kreis aus Oligarchen und Putin-Vertrauten kontrolliert die russische Wirtschaft, und auch der Megabau in Sotschi diente offenbar ihrer Bereicherung. Als Symbol für die unkontrollierte Verschwendung gelten 48 Kilometer Straße mit paralleler Schnellbahntrasse, die Spielstätten in den Bergen mit den Stadien am Meer verbinden. Sechs Milliarden Dollar kostete der Bau, zwei Milliarden allein die Planungsarbeiten – deutlich mehr als die gesamten Winterspiele in Salt Lake City 2002.

Bizarre Vergleichsrechnungen kursieren. Ein Quadratmeter Straße kostete 10.000 Dollar, errechnete der Oppositionelle Nemzow – mehr als ein Quadratmeter in Moskauer Luxuswohnungen. Insgesamt sei das Ganze viel teurer als die US-Forschungsexpedition auf den Mars. Für diese Summe hätte man die Strecke einen Zentimeter dick mit Kaviar belegen können, schrieb der russische "Esquire". Oder sechs Zentimeter dick mit Austern, mit neun Zentimeter Louis-Vuitton-Taschen oder zwei Schichten aus Hundert- Dollar-Scheinen.

Vier Chefs wurden für den Bau der Stadien verschlissen

Dabei war der Bau der Straße nicht einmal ausgeschrieben worden, schreibt Nemzow in seinem Bericht. Den Zuschlag erhielt das Staatsunternehmen "Russische Eisenbahnen". Chef ist Wladimir Jakunin, ein ehemaliger KGB-Mann und alter Freund Putins aus dessen Petersburger Datschen-Kooperative "See".

Auch die Brüder Arkadij und Boris Rotenberg, Judo-Sparringspartner aus Putins Zeit in Petersburg, gelten als Profiteure. Beide erhielten insgesamt 21 Bauaufträge in Höhe von sieben Milliarden Dollar. Etwa 96 Prozent des Kapitals gab der Staat. Selbst den beiden größten Privatinvestoren Wladimir Potanin und Oleg Deripaska, die Putin ausdrücklich um ihr Engagement gebeten haben soll, half der Staat schließlich mit üppigen Krediten der Außenhandelsbank aus. An Gewinne glaubt offenbar niemand.

Chaos und Skandale begleiteten das Projekt von Anfang an. Das Staatsunternehmen "Olimpstroi", für den Bau der Stadien zuständig, verschliss vier Chefs. Den Abgang eines jeden begleiteten Vorwürfe von Korruption und Amtsmissbrauch. Jedes Mal wurde Anklage erhoben. Doch vor Gericht landete kein einziger Fall. Unternehmer klagten über die enormen Kickbacks, die Auftraggeber wie selbstverständlich einbehielten. Bis zu 60 Prozent der Bausummen flössen direkt in private Taschen, behauptet Boris Nemzow. Insgesamt versickerten nach seinen Schätzungen zwischen 25 bis 30 Milliarden Euro.

Arbeiter schufteten monatelang umsonst

Aus Sotschi wurde aber trotz des Geldes kein Nizza am Schwarzen Meer, kein Courchevel im Kaukasus. "Alles lief nach dem Motto: Wir haben viel Geld und werden das jetzt irgendwie bauen", urteilt die Umweltschützerin Julija Nabereschnaja. Wissenschaftliche Gutachten wurden oft erst nach Baubeginn erstellt, Risiken beiseitegeschoben. War eine Straße in den Bergen nicht rechtzeitig fertig, flogen Hubschrauber eben den Zement hoch. Bereits 2009 verwüstete ein Sturm den im Bau befindlichen Hafen, dabei hatten genau davor Ökologen gewarnt. Die Skischanze wurde auch deshalb siebenmal teurer als geplant, weil sich der Baugrund als nicht fest genug erwies.

Die Stadien am Meer wurden auf Sumpfgebiet errichtet, das lange Zeit als ungeeignet für Großprojekte galt. "Die Gesetze der Natur werden bei den Bauarbeiten völlig ignoriert“, warnte der Wissenschaftler Sergej Wolkow bereits 2009 in einem offenen Brief. Der Geoökologe hatte die Arbeiten von "Olimpstroi" begleiten sollen. Doch er kündigte wütend, floh aus Angst vor Strafverfolgung ins Ausland. Auch bei den Arbeitern der Mega- Baustelle kam nicht viel an. "Tausende Migranten haben jahrelang für Sklavenlöhne auf dem Bau geschuftet", sagt Julija Gorbunowa, Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Die meisten arbeiteten zwölf Stunden am Tag, hausten in Kellern oder Containern, bekamen dafür selten mehr als 500 Dollar im Monat. 25 Menschen starben 2012. Unzählige Arbeiter aus Usbekistan, der Ukraine, Tadschikistan und Armenien schufteten monatelang umsonst. Verträge hatten sie oft nicht abgeschlossen. Oder man verwehrte ihnen die Kopien. "Die Leute arbeiten, bekommen kein Geld und reisen wieder ab", zitiert Human Rights Watch einen Bauarbeiter. "Dann kommen neue Busse, und alles geht wieder von Neuem los."

Razzien gegen Migranten auf den Baustellen in Sotschi

Roman Kusnezow war einer von ihnen, ein hagerer Mann, angereist aus dem russischen Orenburg an der Grenze zu Kasachstan, eingesetzt auf dem Dach des Pressezentrums. Einen Helm gab man ihm nicht, irgendwann auch kein Geld mehr. Als die Vorarbeiter aus Moskau ihre Brigade immer wieder vertrösteten, ahnte er Böses. "In der Nacht stellten wir Wachen auf", erzählt Kusnezow. "Ich hatte im Gefühl, dass die Chefs abhauen wollten." Tatsächlich erwischte Kusnezow sie mitten in der Nacht am Auto, fluchtbereit. Die Männer riefen die Polizei. Beherzt griffen die Beamten durch: Sie ließen den Chef fahren und beschuldigten die Arbeiter der Geiselnahme. Kusnezow kam dann doch noch zu seinem Recht. Aber nur, weil er sich den Mund zunähte und mit einem Protestplakat auf den Gehweg setzte.

Anderen erging es noch schlechter. "Es gab in Sotschi regelrechte Razzien gegen Migranten", erzählt der Menschenrechtler Semjon Simonow. Massenhaft seien Usbeken und Tadschiken erst eingesperrt und dann abgeschoben worden. "So wollte man das Problem der ausstehenden Löhne lösen", sagt Simonow. "Außerdem sollte Sotschi vor Olympia russisch aussehen. Die Gastarbeiter störten da offenbar."

Doch auch die Bewohner Sotschis geben keine fröhliche Olympia-Kulisse ab. "Der Stadt wurde das Gesicht geraubt durch planloses Bauen", sagt die Architektin Olga Kosinskaja. "Sie hat ihren Charme verloren." Alleen mit Eukalyptusbäumen mussten Einkaufszentren weichen, am Strand reihen sich nun Hotelkästen aneinander, von denen niemand weiß, wer sie später je bewohnen wird. Ein Gerücht besagt, man wolle hier ein russisches Las Vegas gründen, mit Casinos und Freizeitpark. Wo früher Bauern Gemüse anpflanzten, wurde eine Formel-1-Strecke angelegt. "Sotschi ist vernichtet", schimpfen Taxifahrer, Verkäufer, Passanten. "Und wir sind hier nur das Vieh, das niemand fragt."

"Hätte ich keine Kinder, hätte ich mich mit einer Waffe verteidigt"

Müde sind die Menschen auch von den jahrelangen Bauarbeiten. Mehr als tausendmal ist in Sotschi im vergangenen Jahr der Strom ausgefallen. Manchmal blieb gleich auch das Wasser weg. Die Kanalisation ist überlastet, das meiste Abwasser fließt ins Schwarze Meer. "Wir baden hier schon lange nicht mehr", sagen Bewohner. 6000 Menschen wurden wegen der Olympiabauten umgesiedelt, viele gegen ihren Willen. So wie Alexej Krawez, ehemaliger Steuerpolizist. Ein kleines Haus am Meer besaß er, geerbt von den Eltern. Heute ist dort ein Parkplatz. Krawez geht manchmal hin, weil der Ärger noch immer nicht weicht.

Monatelang stritt er mit den Behörden, verbarrikadierte sich im Haus, als die Bagger schon die Nachbarschaft platt gewalzt hatten. "Hilfe! Menschen!", pinselte er auf die Wände. Die Bauarbeiter zogen schließlich einen Zaun ohne Tor um sein Haus. Auf dem Weg zur Schule kletterte sein Sohn jeden Morgen über eine Leiter nach draußen. Dann flogen Steine durch die Fenster, nachts brummten die Bagger wie Kriegsgerät. Irgendwann zog Krawez aus, verbittert. "Hätte ich keine Kinder", sagt er, "hätte ich mich mit einer Waffe verteidigt."

Wütend sind auch die Bewohner des Orts Achschtyr. Sie haben kein Trinkwasser mehr, seit täglich Hunderte Lastwagen von einem nahen Steinbruch zu den Baustellen donnern. Alle Brunnen sind nun kaputt. "Wir waren stolz, als wir hörten, dass Sotschi die Olympischen Spiele bekommt", sagt der Bauer Alexander Koropow. Jetzt muss ihnen ein Lkw mehrmals die Woche Trinkwasser ins Dorf fahren. Eine neue Brunnenanlage wurde zwar festlich in Betrieb genommen. Doch funktioniert hat sie nie. Koropow sagt: "Wir leben hier wie in der Steinzeit."

Eine zynische Umwelt-PR

"Grüne Spiele" hatte Putin versprochen, für die Planung holten die Organisatoren sogar Greenpeace und den WWF ins Boot, auch lokale Umweltschützer. Doch die Zusammenarbeit währte nicht lange. Ein spezielles Gesetz, abgesegnet von der Duma im Jahre 2007, erlaubte es, Olympiabauten auch im ehemaligen Vogelschutzgebiet des sumpfigen Imereti-Tieflands zu errichten, und durch den Nationalpark in den Bergen führt eine Autobahn. Im Fluss Mzymta, aus dem Sotschi 40 Prozent seines Trinkwassers bezieht, trieben während der Bauarbeiten mehrmals kilometerweit Schaumkronen. Vermutlich waren Auffangbecken für Bohrflüssigkeit übergelaufen. Die Behörden sahen das anders: Vielleicht habe jemand im Wasser zu viel Shampoo benutzt, hieß es.

Die Umweltschützerin Olga Noskowez arbeitet als Stadtführerin in Sotschi, und besonders gern zeigt sie das Dorf Loo. An dessen Hängen wächst dichter Wald, in der Nähe rauscht das Meer; es könnte ungemein idyllisch sein. Doch hinter verwilderten Obstgärten liegt eine der größten illegalen Müllkippen Sotschis. Manchmal, so erzählen die Anwohner, wird der Müll hier abgefackelt, und das ganze Gebiet liegt in dichtem Rauch. Während der Bauarbeiten wuchs sie beständig. Eigentlich soll der ganze Abfall getrennt und verarbeitet werden, und doch zählen die Umweltschützer Dutzende solcher Kippen. Zynisch und lächerlich sei die Umwelt-PR der Organisatoren, sagt Noskowez.

Wie alle Umweltschützer und Menschenrechtsaktivisten in Sotschi hat auch sie dauernd Ärger mit den Behörden. Ende Dezember wurde sie der "extremistischen Tätigkeit" beschuldigt. Bei anderen durchwühlten Sicherheitsbeamte die Wohnungen. Angeblich existiert sogar eine Liste mit Personen, die dauernd "öffentlich Unruhe stiften" – wie Mitglieder von Bürgerinitiativen zum Beispiel. Am härtesten traf es den Umweltschützer Jewgenij Witischko: Ihn verurteilte ein Gericht ausgerechnet an jenem Tag zu drei Jahren Haft, an dem Michail Chodorkowskij freikam. Witischko hatte "Dieb" auf den Datscha-Zaun des Gouverneurs geschrieben.

Selbst der Wildbach wirkt hier künstlich

Die Atmosphäre in der Stadt erinnere sowieso an einen Ausnahmezustand, klagt der Aktivist Wladimir Kimajew. Tausende Sicherheitskräfte aus ganz Russland wurden schon Wochen vor dem Start nach Sotschi abgestellt, nun, mit dem Beginn der Spiele, sollen es gar 50.000 sein. Grund sind Terrordrohungen aus dem Nordkaukasus, aber nicht nur.

Die eigene Bevölkerung soll offenbar überwacht werden, urteilte der Moskauer Sicherheitsexperte Andrej Soldatow, denn geplant sei auch der Einsatz von Drohnen. "Die sind nicht dazu geeignet, Terroranschläge zu verhindern", sagt er. Demonstrationen sind während der Spiele nur in einem Park erlaubt, 15 Kilometer von der nächsten Sportstätte entfernt. Wer die "Protest-Zone" nutzen möchte, benötigt eine Genehmigung des Geheimdiensts FSB.

Mehr los sein dürfte im neuen Ski-Städtchen "Rosa Tal". Es liegt 600 Meter hoch in den Bergen und wurde für Olympia vollständig aus dem Boden gestampft. Von hier aus gleiten Seilbahnen zu den Trassen der Ski-Wettbewerbe. Die pseudoklassizistischen Fassaden der Viersternehotels leuchten kitschig blassgelb. Im Ortszentrum steht ein nachgebauter Bahnhof, der keiner ist, mit einem Glockenturm, der historisch erscheinen soll. Selbst das Wasser im Wildbach wirkt auf den ersten Blick fast künstlich. Wie die Alpenecke in einem Freizeitpark sieht das Städtchen aus, so echt wie der Eiffelturm in Las Vegas. Aber wen stört das schon? "Im Fernsehen“, sagt eine Mitarbeiterin des olympischen Pressezentrums, "wird alles perfekt sein".

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