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Wolfgang Clement: "Ich ruf den Ackermann an"

Beinahe wäre Wirtschaftsminister Wolfgang Clement selbst zum Hartz-IV-Opfer geworden. Wie ihn ein Wutanfall und mächtige Banker vorm Absturz retteten.

Wolfgang Clement lehnt sich im Flugzeugsessel zurück. Die Challenger-Maschine der Bundeswehr beschleunigt und steigt langsam in den Abendhimmel über Schleswig-Holstein auf. Durch das Kabinenfenster betrachtet er die roten Streifen am Horizont. "Das sind Nolde-Farben", schwärmt der Wirtschaftsminister. Aber lange hat er für das Naturschauspiel keine Muße. Bald frotzelt er: "Na, wollen wir noch ein paar Arbeitsagenturen besuchen?"

Vier Tage Hatz für Hartz IV

liegen hinter ihm. 3500 Kilometer ist er per Auto, Hubschrauber und Flugzeug durch die Republik gejagt. In Dutzende Mikrofone hat er sein Mantra gesagt: "Nichts gelingt auf Knopfdruck. Keiner hat ein Patentrezept. Niemand kann ein Wunder bewirken. Wir brauchen einen Mentalitätswandel." Ja, gibt er zu, das sei "wie eine Langspielplatte" im Kopf. Der gelernte Journalist weiß, dass Politik vor allem Kommunikation ist und man sich so lange wiederholen muss, bis der letzte Reporter die Augen verdreht - erst dann kommen die Botschaften beim Wähler an.

Eine knappe Woche hat sich der Macher als Kümmerer präsentiert. Hat mit vielen Mitarbeitern ("Danke!"), einigen Arbeitslosen ("Wird schon!") und wenigen Demonstranten ("Wie geht's?") geredet. Sechs Arbeitsagenturen und Jobcenter hat er auf seiner Roadshow für das neue Arbeitslosengeld II besucht, dazwischen noch bei einer Spendengala für die Flutopfer in Asien und auf der Sondersitzung des Kabinetts vorbeigeschaut. Insgesamt hat Clement in zehn Städten Station gemacht, drei große Schleifen über Deutschland gezogen: Bonn - Nürnberg - Dresden - Berlin; Köln - Hamm - Gelsenkirchen - Bonn - Berlin; Wismar - Ahrensburg - Heide - Berlin.

Auf dem 43-minütigen Rückflug nach Berlin gönnt er sich eine kleine Auszeit. Die schwarze Mappe mit der Aufschrift "Minister" bleibt ungeöffnet vor ihm liegen. Er lässt sich eine Tasse Kaffee bringen. "Ich bin wirklich erleichtert", sagt Clement, "und ein wenig glücklich."

Genau eine Woche

zuvor dachte er noch: Das war's. Rücktritt, Abgang, Ende. Clement saß am Tag vor Silvester auf einer Terrasse einer Ferienwohnung im Süden Mallorcas und genoss die Aussicht auf das blaue Meer vor Port d'Andratx. Am Vortag hatte er die erste Golfstunde seines Lebens genommen und, o Wunder, es hatte ihm sogar Spaß gemacht ("Der Ball muss dein Freund sein."). Eben noch war er beim Bäcker gewesen, um Brötchen zu holen. Da klingelte das Telefon. "Wie geht es dir", fragte möglichst unverfänglich Harald Schartau, Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen, "machst du gerade Sport?" Dann rückte der SPD-Landeschef heraus: "Du, ich höre hier von der Regionaldirektion der Arbeitsagentur merkwürdige Dinge. Die Sparkassen können das Geld nicht überweisen."

"Das war der Horror", erinnert sich Clement, "ich dachte, mich trifft der Schlag." Nach einem Jahr Vorarbeit am größten Reformprojekt der Bundesregierung, nach durchgestandenen Montagsdemos und Hunderttausenden von Überstunden drohte nun, dass 1,8 Millionen Hilfeempfänger doch ohne Geld blieben, weil irgendeine Null die Finanzsoftware so programmiert hatte, dass bei Kontonummern mit weniger als zehn Stellen die Nullen nicht vorn, sondern hinten aufgefüllt wurden. Öffentlich hatte der Minister immer wieder beteuert: "Ich habe dafür den Kopf hinzuhalten, dass zum 1. Januar die Auszahlung termingerecht erfolgt." Jetzt war der Kopf fällig. Sein Kopf.

"Das wäre das Ende gewesen", sagt Clement. Montag nach Neujahr wäre er zurückgetreten. Doch kampflos wollte er sich nicht ergeben. Er griff zum Telefon. Auch in der Zentrale der Bundesagentur in Nürnberg hatte man die Panne bemerkt, aber erst einmal ausgeknobelt, welches Vorstandsmitglied dem Minister die schlechte Botschaft von hier aus melden muss. Verloren hatte Vize Heinrich Alt. In Clements Leitungsstab in Berlin war man ebenfalls im Bilde. Dietrich Hoppenstedt, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, hatte Alarm geschlagen, weil Hunderttausende von Überweisungen auf so genannten Scherbenkonten gelandet waren.

Während Choleriker Clement in seiner Ferienwohnung schier die Wände hochging ("Da war ich wirklich von der Rolle") und Beamte sich gegenseitig warnten ("Ruf ihn jetzt lieber nicht an"), begann das Krisenmanagement. Am liebsten wäre der Minister sofort nach Berlin zurückgeflogen, begnügte sich aber mit fernmündlichen Interventionen bei den Spitzen der Finanzwelt ("Ich ruf den Ackermann an."). Abends war dann klar, dass 95 Prozent mit einer pünktlichen Zahlung rechnen konnten, weil Bankangestellte die Fehler per Hand korrigiert hatten.

Über den Wolken nimmt Clement einen Schluck Kaffee. Inzwischen kann er darüber sinnieren, ob die Krise für den Start von Hartz IV sogar nützlich war, weil die Panne schnell beseitigt werden konnte. Ob aber das eigentliche Ziel der Reform erreicht wird, mehr Arbeitslose in Jobs zu vermitteln, ist keine Frage von Tagen, sondern von Monaten und Jahren. Daran wird sich sein Schicksal wirklich entscheiden. Wenn es sehr gut läuft, wird die Arbeitslosenzahl im Januar "statistisch bedingt" (Clement) nicht auf fünf, sondern nur auf 4,8 Millionen steigen, dann einen "Gleitflug nach unten" beginnen und vor der Wahl im September 2006 deutlich unter vier Millionen liegen. Wenn es sehr gut läuft.

Und wenn nicht? "Die Verantwortung liegt eindeutig beim Bundeswirtschaftsminister", hat der Kanzler Clement zum Jahreswechsel per stern-Interview wissen lassen. Der Betroffene mag nicht öffentlich darüber reden, ob er danach mit Gerhard Schröder telefoniert hat, ob der "so isses" oder "Wolfgang, vergiss es" gesagt hat. Für ihn steht fest: Wenn die Reform misslingt, "nehme ich meinen Hut". Die wöchentliche Berichtspflicht im Kabinett karikiert er, indem mit der rechten Hand salutiert und mit schnarrender Stimme sagt: "Da werde ich Rapport erstatten." Clement reckt sich ein wenig. Der Rücken zwickt. Der fröhliche Zyniker trägt an seiner Bürde schwerer, als er zugeben mag, auch körperlich. Er, ein leidenschaftlicher Jogger, darf zurzeit nur "bis zur Schmerzgrenze" trainieren - die lag heute morgen schon bei drei Kilometern. Vorbei sind die Zeiten, in denen er BKA-Leute "sauerlaufen" konnte.

Die Challenger setzt zur Landung in Berlin-Tegel an. Kann er sich nach seinen Visiten im Sauseschritt an einzelne Arbeitslose und ihre Nöte erinnern? "Ja, ich habe da Bilder vor Augen."

Da war die 22-jährige,

blond gelockte Kerstin Rattelsdörfer auf dem Flur der Agentur in Köln, die sagte, dass sie Köchin gelernt habe und nun keine Stelle finde. Wie alle unter 25-Jährigen soll sie bis zum April ein konkretes Angebot bekommen. Oder der Schlosser Helwig Rein aus Bobitz bei Wismar, der vor zwei Jahren seinen Job verloren hat und dem die Tränen herunterkullerten: "Mit 52 zu alt. Das macht mich fertig." Clement hält es für einen Fehler, dass der Mann das Angebot seines ehemaligen Arbeitgebers abgelehnt hat, nach München zu kommen: "Künftig wird es mehr Druck geben."

Die Kabinentür geht auf, die Treppe klappt herunter. "Guter Flug, oder?", sagt Clement und eilt zur Limousine, die auf dem Rollfeld steht. Im Büro warten drei Journalisten auf das nächste Interview. Die Langspielplatte ist schon aufgelegt: "Nichts gelingt auf Knopfdruck. Keiner hat ein Patentrezept. Niemand kann ein Wunder ..."

Lorenz Wolf-Doettinchem / print