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Eurokrise: Verzichtet auf die Hälfte der Griechen-Schulden!

Am Donnerstag stimmt der Bundestag über den Euro-Rettungsschirm ab. Er ist unverzichtbar - genauso wie ein radikaler Schuldenschnitt für Griechenland. Ein Aufruf von zehn Top-Ökonomen.

Nachdem die Schuldenkrise im Euro-Raum mit dem europäischen Gipfeltreffen vom Juli keineswegs beendet werden konnte, besteht nach wie vor die Gefahr entweder unbegrenzter Unterstützungsleistungen oder eines unkontrollierten Zerfalls der Währungsunion. Dies zöge für die Volkswirtschaften der Eurozone schwere Belastungen nach sich und hätte weltweit große makroökonomische Folgen.

Gefordert ist jetzt daher eine beherzte und kooperative Politik, die sich von klaren Vorstellungen über die Zukunft der Eurozone leiten lässt. Wir Ökonomen aus Frankreich und Deutschland sind uns einig, dass die nachfolgenden Schritte getan werden müssen, um der derzeitigen Abwärtsspirale zu entkommen.

Schuldenerlass

Unseren Vorschlägen liegt insbesondere die Überzeugung zugrunde, dass die Staatsschulden Griechenlands in beträchtlichem Ausmaß erlassen werden müssen, damit seine finanzpolitische Stabilität wiederhergestellt werden kann. Die am 21. Juli vorgeschlagene, sehr begrenzte Schuldenreduzierung ist ungenügend.

Stattdessen sollten die Gläubiger auf ungefähr die Hälfte des Nominalwerts ihrer ausstehenden griechischen Staatsanleihen verzichten. Dadurch würde das Verhältnis der griechischen Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt beträchtlich reduziert. Für Griechenland wäre es dann möglich, seine Staatsverschuldung durch eigene Bemühungen auf ein nachhaltiges Niveau abzusenken.

EFSF-Anleihen

Um die Stabilität des Umschuldungsprozesses zu gewährleisten, könnte der Umtausch mit dem Angebot kombiniert werden, griechische Staatsanleihen gegen Titel der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität EFSF einzutauschen.

Jede griechische Staatsanleihe mit einem Nominalwert von 100 Euro könnte dann gegen eine EFSF-Anleihe mit einem Nominalwert von beispielsweise 50 Euro umgetauscht werden. Die Verbindlichkeiten der griechischen Regierung würden dadurch auf das Portefeuille dieses EU-Rettungsschirms übertragen.

Bei diesem Plan könnte der Europäischen Zentralbank (EZB) die Option eingeräumt werden, ihre griechischen Anleihen zum seinerzeitigen Kaufpreis gegen EFSF-Anleihen einzutauschen. Für Gläubiger bestünde die Alternative zum so organisierten Umtausch darin, dass nach Ablauf einer vorgeschriebenen Haltefrist ihre griechischen Staatsanleihen mit einem Abschlag von beispielsweise 50 Prozent gegen neue griechische Staatsanleihen umgetauscht werden, für die die EFSF dann allerdings nicht bürgt.

EFSF-Bankenrettung

Darüber hinaus benötigen Banken mit starkem Engagement in griechischen Staatsanleihen jedoch eine besondere Unterstützung. Das gilt insbesondere für griechische Banken. Die EFSF könnte die notwendige Eigenkapitalzuführung vornehmen, und zwar zusätzlich zu den Mitteln, die im IWF/EU-Programm für die Rekapitalisierung griechischer Kreditinstitute bereits vorgesehen sind. Die Banken in den meisten anderen Ländern könnten durch ihre eigenen Notenbanken rekapitalisiert werden, allerdings wäre es im Notfall auch möglich, Mittel der EFSF bereitzustellen. Selbst wenn dieser Schritt politisch unbeliebt ist, sollte er unternommen werden.

Diese Umschuldung könnte indes zu einer Kettenreaktion bei anderen Krisenländern führen. Für Irland und Portugal wäre dies weniger problematisch, da sie für die nächsten Jahre vollständig durch EFSF und IWF finanziert werden. Spanien und Italien müssen zugleich ihre Wachstumsreformen beschleunigen und können gegebenenfalls eine Notfallkreditlinie beim IWF beantragen. Dabei ist hilfreich, dass Italiens Staatsschulden eine lange Restlaufzeit haben und Spaniens Konsolidierungs- und Reformprogramm recht weit vorangekommen ist.

Selbst wenn die genannten Solvenzprobleme gelöst sind, bleibt noch immer das Risiko einer sich selbst erfüllenden Liquiditätskrise. Solchen sich selbst erfüllenden Prophezeiungen kann nur durch entschlossenes und gemeinsames Handeln der Eurozonen-Regierungen, der EFSF und der EZB begegnet werden.

Diese Maßnahmen sind aus unserer Sicht kurzfristig sehr schmerzhaft. Sie ebneten aber den Weg zu langfristiger Stabilität in der Eurozone und lieferten eine realistische Perspektive für die griechische Wirtschaft. Die Banken in der Eurozone wären rekapitalisiert, und es bestünde die begründete Aussicht auf die Überwindung der Krise.

Es ist unerlässlich, die Institutionen und die Zusammenarbeit in der Eurozone zu verbessern und Möglichkeiten zu entwickeln, den Teufelskreis aus Banken- und Schuldenkrise zu durchbrechen und Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum zu gewährleisten. Bis dahin sollten wir uns einig sein, dass der Brand schnellstmöglich gelöscht werden muss.

FTD