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14. März 2010, 07:54 Uhr

Das Märchen von "Top Down"

Ohne die reichen Käufer von Luxusautos und Sportflitzern kein automobiler Fortschritt: Weil diese satte Aufpreise für neue Technologien zahlen, profitiert morgen die breite Masse. Gestimmt hat die weit verbreitete "Top Down"-These allerdings noch nie. Von Christoph M. Schwarzer

Premiumklasse,

Für die Modelle 911 GT3, den GT3 RS und den Boxster Spyder gibt es ab Januar eine Starterbatterie auf Lithium-Ionenbasis© Hersteller

Den ersten Airbag gab es 1981 in der S-Klasse von Mercedes zu kaufen. Eine Revolution in der Sicherheitstechnik, die kurze Zeit später auch die Kunden des 190er Baby-Benz bestellen konnten. "Top Down" nennt man dieses Prinzip: Neue Technologien werden zuerst und zu hohen Aufpreisen im so genannten deutschen Premiumsegment angeboten. Schritt für Schritt machen sie dann ihren Weg in untere Preisregionen. Aber die These, nach der es automobilen Fortschritt ohne Luxuswagen und Sportflitzer überhaupt nicht geben würde, ist falsch. Sie ist nichts als eine ausgelutschte Stammtischparole, die den gut gemachten Oberklasse-Produkten eher schadet als nützt.

Versuchskaninchen mit Geld

Einer der wahren Gründe für "Top Down" dürfte in der Beschränkung des Risikos für die Hersteller liegen. Zählt man die Zulassungszahlen von Audi A8, 7er BMW und S-Klasse zusammen, werden pro Jahr rund 20.000 Autos in Deutschland verkauft. Wenn hier eine Innovation als aufpreispflichtiges Extra angeboten wird, sind die tatsächlich damit ausgerüsteten Fahrzeuge überschaubar. Beispiel Porsche: Für die Modelle 911 GT3, den GT3 RS und den Boxster Spyder gibt es ab Januar eine Starterbatterie auf Lithium-Ionenbasis für 1904 Euro. Das bringt zehn Kilogramm Gewichtsersparnis. Zumindest bei Plusgraden, denn bei Frost muss der ebenfalls mitgelieferte Blei-Akku einspringen. Falls etwas schief läuft, sind also sowohl die Zuffenhausener Konstrukteure als auch die Fahrer auf der sicheren Seite: Wenn die neue Technik versagt, ist die Verbreitung erst homöopathisch.

Fehlschlag SBC-Bremse

Der Sprung in die Großserie kostet Mut. Und er kann richtig schief gehen, wie die SBC-Bremse ("Sensotronic Brake Control") bei Mercedes bewies. In der E-Klasse W211 wurde dieses System, dass die Hydraulikleitungen teilweise durch Kabel ersetzt und als Gewinn für Leichtbau und Sicherheit konzipiert war, beim ersten Facelift wieder durch die traditionelle, alte Technik ersetzt. Eine riesige Rückrufaktion war die Folge. Der Imageschaden konnte begrenzt werden. Wenn aber das Risiko, Innovationen gleich in der Massenproduktion einzuführen, so groß ist - wie können dann Hersteller wie Fiat, Renault oder Honda überhaupt vorankommen?

Fortschritt von unten

Sie können es, weil "Top Down" eine Mär ist. Fortschritt funktioniert selbstverständlich auch "von unten". Vielleicht liegt dort sogar sein wahrer Ursprung: Die kleinen Vorkriegs-DKWs hatten Frontantrieb. Der quer statt längs eingebaute Motor trat vom Mini seinen Siegeszug an. Der Renault R16 hat mit seinen vier Türen plus Heckklappe das Konzept für alle Fabias und Golfs in die Serie gebracht. Der Volkswagen-Konzern hat den TDI über Audi 80 und VW Golf III zum Sparmodell fürs Volk gemacht. Der Fiat-Konzern baute die heute bei allen Dieseln übliche Common-Rail-Technik als erstes ein und ist jetzt Vorreiter beim Einbau einer vollvariablen Ventilsteuerung - im Alfa Romeo MiTo und dem kleinen Fiat 500. Und dann ist da ja noch das böse Wort Hybrid. Die Stückzahlen bei Honda Insight und Toyota Prius explodieren, während S-Klasse und 7er BMW die Technik des Mildhybrid übernehmen.

Zu viele Scheininnovationen

Das ist kein Grund für Freude oder gar Häme. Es zeigt nur, dass Innovationen in den letzten Jahren zu häufig in Bereichen stattfanden, die unwichtig waren. Belüftete Massagesessel oder Supersoundsysteme sind eine tolle Sache. Für den Fortschritt im Auto sind sie aber genau so unbedeutend wie die Parfumspender des französischen PSA-Konzerns. Es sind Gimmicks, oder frei aus dem Englischen übersetzt: Spielerchen und Scheininnovationen. Es bleiben die drei Bereiche Sparsamkeit, Sicherheit und Komfort, in denen es vorangehen kann und muss.

Die wohl wichtigste Errungenschaft bei der Sicherheit der letzten Jahre, das ESP, wird 2011 endlich Pflicht. Und das, was beim Volvo XC60 "City-Safety" heißt, sollte es ebenfalls bald werden: Ein automatisches Notbremssystem. Es wird notwendig werden, auch weil immer mehr Autos voll- oder teilelektrisch fahren und damit bei niedrigen Geschwindigkeiten sehr leise sind. Apropos vollelektrisch: Auch hier kommt der Innovationsschub nicht aus der Luxusklasse, sondern aus dem Kleinwagensegment. Die Serienproduktion des Mitsubishi i-MiEV, der auch als Citroen und Peugeot nächstes Jahr zu uns kommt, läuft seit Oktober. Eine elektrisch fahrende S-Klasse mit Brennstoffzelle aber ist nicht in Sicht.

Von Christoph M. Schwarzer
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
JoachimBuch (15.03.2010, 17:01 Uhr)
Wieder so ein Redakteur
der am liebsten ein Auto hätte, das am besten alle Sicherheitsfeatures die irgendwo existieren, in einem Auto zusammengebaut hätte. Ich habe in meinem Youngtimer nicht ein einziges dieser Drei-Buchstaben-Gimmicks drin, kein ESP, kein ABS, kein ASR, kein Airbag - nichts. Und die Fahrzeuge, die ich vorher hatte, hatten es auch nicht und ich lebe immer noch. Warum: Weil ich so vorausschauend fahren MUSS, daß ich dieses Zeug nicht brauche, weil mir am Leben doch sehr liegt. Heißt: langsamer und aufmerksamer. Im Gegenzug habe ich ein Auto, das mir nicht dauernd Rechnungen serviert, weil irgendwas an der hochkomplexen Elektronik nicht funktioniert. Und denen, die meinen, alle diese Sicherheitsfeatures zu brauchen, sei gesagt: Immer wieder wird sich beklagt, wie teuer die ganzen Autos seien, weniger haltbar, teuer im Unterhalt und der Wartung. Tjä, liebe Sicherheitsfanatiker - dieses Zeug bauen die Hersteller nicht gratis ein und wenn man sich dadurch sicherer fühlt, ohne es jemals zu brauchen, dann sind es Luxusfeatures. Und Luxus hat per se schon immer Geld gekostet.
Kalox (14.03.2010, 11:27 Uhr)
@ Meighty
"finanziert durch den Verkauf in teueren Fahrzeugen" - was ist das für ein ausgemachter Schwachsinn??? Bei Entwicklungskosten die in die zig Millionen gehen und mittlerweile zum großen Teil von Zulieferern getragen werden (müssen), stellen die Zusatzeinkünfte solcher Innovationen nur Peanuts da. Es ist ein einkalkuliertes Risiko - und der Artikel liegt da richtig - weiteres Beispiel: Das i-Drive von BMW, das in seiner ersten Fassung im 7er beinahe ein Totalflop war und erst in späteren Inkarnationen im 5er und bis zum 1er durchsickerte. Diese Top-Down Mär ist eine ebensolche Taktik sinnlose und überteuerte Spielzeuge zu vermarkten (ich gebe es gerne zu, obwohl auch ich 5er und E-Klasse fuhr/fahre) wie sich an der Formel 1 zu beteiligen. Man sollte sich einfach mal (so wie ich) einen "nackten" 7er (ohne Extras, Wurzelholz uswusf.) von innen anschauen und wird sein blaues Wunder erleben.
Es geht halt nur um Angeberei, ich gebe es gerne zu, nur lasst uns bitte von diesen Ammenmärchen Abstand nehmen.
Meighty (14.03.2010, 10:29 Uhr)
Die Wahrheit ist komplizierter
Leider ist die Wahrheit etwas komplizierter als in dem Artikel dargestellt.
Innovationen werden bestimmt nicht deshalb zuerst in der Luxusklasse gebracht, weil da das Risiko geringer wäre. Bei Sicherheit kann sich kein Hersteller, egal bei wie vielen Autos einen Ausrutscher erlauben. Und bei einem Top-Modell ist der Image-Schaden um so größer.
Aber: Innovationen kosten eben am Anfang Geld. Und die gut zweitausend Mark Aufpreis, die ein ABS 1978 in der S-Klasse gekostet hat, hätte eben bei einem Golf niemand bezahlt. Das gleiche gilt für das so wichtige ESP-System. Erst durch die Entwicklung über mehrere Generationen, finanziert durch den Verkauf in teueren Fahrzeugen, wird ein solches System so günstig herstellbar, dass es auch in Kleinwagen Standard und schließlich Pflicht werden kann.
Weitere Beispiele im Artikel sind schlecht recherchiert:
Der erste TDI wurde nicht in einem VW Golf eingesetzt, sondern im Audi 100 (heute A6).
Und der Innovationsschub und -druck beim elektrischen Fahren kommt nicht unwesentlich von Tesla, die mit ihrem Roadster gezeigt haben, dass E-Fahrzeuge eine tolle Alternative sein können. Und der Tesla ist zwar von den Abmessungen ein Kleinwagen, aber bei Preis bestimmt ein Luxusauto.

Fazit: Top-Down gibt es! Nicht immer und überall aber oft genug.
kurtaxe1 (14.03.2010, 09:01 Uhr)
Volle Zustimmung
Volle und uneingeschränkte Zustimmung. Wegen solcher Artikel, die sich wohltuend vom üblichen Jubelpersergeplärre anderer abheben, lese ich den Stern.
 
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