Droht die Chemie-Bombe unter der Motorhaube?

23. März 2013, 19:00 Uhr

Der Streit über das neue Kältemittel in Autoklimaanlagen wird schärfer. Mercedes weigert sich partout, es zu verwenden. Die EU verlangt es. Darf die neue S-Klasse jetzt nicht verkauft werden? Von Gernot Kramper

Mercedes, Daimler, CO2, Kältemittel, KLimaanlage, Flusssäure

In unsere Klimananlagen kommt das neue Kältmittel nicht, sagt Daimler.©

Klimaanlagen in Autos kühlen das Wageninnere, heizen das Weltklima aber tüchtig auf. Das sollte ein Ende haben, die Anlagen sollten klimafreundlicher werden. Über dieses Ziel waren sich Politik und Autohersteller bis vor wenigen Monaten einig. Dafür sollte das bisher verwandte Kältemittel (R134a) ersetzt werden. Das war erprobt, günstig und für den Menschen ungefährlich, aber extrem klimaschädlich. Abhilfe sollte das Mittel R1234yf bringen. Es ist zwar teurer, aber überzeugte mit einem Global Warming Potential (GWP) von nur vier Punkten. Erlaubt sind 150.

Warnung gab es schon lange

Kritik am neuen Kältemittel gab es von Beginn der Planung an insbesondere vom Bundesumweltamt, auch der stern berichtete über die Gefahren. Gerät das Mittel in Brand oder mit Feuchtigkeit in Berührung, entsteht Fluorwasserstoffsäure, bekannt unter dem Namen Flusssäure. Sie verursacht schwere Verätzungen der Haut und der Atemwege. Sollte bei einem Unfall dieses Teufelszeug entstehen, wären Autoinsassen und Retter auf stärkste gefährdet. Trotzdem hielten die Autohersteller die Gefahren des Mittels für beherrschbar.

Schock bei Mercedes

Bis zum September vergangenen Jahres: In einem simulierten Crash-Test stellte Daimler ein erhöhtes Risiko durch R1234yf fest. Die Tests unter so genannten "Real-Life"-Bedingungen mit dem neuen Kältemittel hätten gezeigt, dass eine Brandgefahr bestehe, sagte Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber. Weil die Sicherheit der Kunden höchste Priorität habe, will Daimler das Mittel nicht verwenden. Bereits ausgelieferte Fahrzeuge wurden zurückgerufen und auf das alte Mittel umgestellt. Seitdem schrillen die Alarmglocken der Autohersteller. Neben Daimler-Mercedes haben sich auch BMW, Audi und VW inzwischen von R1234yf verabschiedet.

Das Umweltbundesamt (UBA) sieht seine Erfahrungen mit R1234yf bestätigt. "Das Kältemittel muss nicht durch einen Autobrand entzündet werden", erklärt Gabriele Hoffmann, Expertin des Bundesamts für das umstrittene Mittel. Im Motorraum könnten die notwendigen Entzündungstemperaturen für R1234yf schon im normalen Betrieb erreicht werden. "Unsere Versuche zeigen: Wenn das Mittel austritt und in Kontakt mit heißen Oberflächen kommt, kann es sich entzünden. Und dabei entsteht Flusssäure." Das gleiche Ergebnis wie beim Versuch von Mercedes.

Unwägbares Risiko

Doch nicht jeder Test führt zu diesem Ergebnis. Der fatale Ablauf ist nicht zwingend. Wenn die Konzentration zu hoch ist oder das Mittel ungehindert aus dem Motorraum in die Umwelt entweicht, entzündet es sich nicht. "Der Verlauf hängt vom jeweiligen Unfallgeschehen und den Umgebungsbedingungen ab", sagt Hoffmann. "Man kann den schlimmsten Fall jedoch nicht ausschließen." Teile der Klimaanlage sind direkt an der Vorderfront des Autos angebracht, daher wird sie bei Unfällen oft zerstört und Kältemittel tritt aus. "Ein nicht brennbares Kältemittel wäre eine sichere Lösung."

Und das existiert. Als klimaschonende Alternative zu R1234yf bieten sich Klimaanlagen auf CO2-Basis an. Doch dürfte es noch einige Jahre bis zum Einsatz in der Großserie dauern. Als kurzfristiger Ersatz ist es daher nicht geeignet. Damit sitzt Daimler in der Falle: Das alte Mittel ist verboten, das neue zu gefährlich, die Alternative noch nicht verfügbar.

Kraftprobe mit der EU-Kommission

Besonders unangenehm für Mercedes ist, dass die Konkurrenten besser vorgesorgt haben. Das neue Mittel ist nämlich nur für Autos vorgeschrieben, deren Baureihe neu zugelassen wird. Neu montierte Wagen alter Baureihen sind nicht betroffen. Und anders als Mercedes haben VW und Co ihre demnächst geplanten neuen Typen vor dem Stichtag genehmigen lassen, so dass sie länger den alten Klimaschädling R134a benutzen können, ohne gegen EU-Recht zu verstoßen.

Zurzeit präsentiert Mercedes Bilder vom Innenraum der neuen S-Klasse. Für Mitte Mai ist die Premiere angekündigt. Die Zeit drängt für einen Kompromiss mit der EU-Kommission. Kommt er nicht zustande, wäre ausgerechnet das technologische Flaggschiff in der EU "illegal" und dürfte streng genommen nicht zugelassen werden.

Noch bleibt die EU hart. Er werde keinen weiteren Aufschub und keine Ausnahme zulassen, erklärte EU-Industriekommissar Antonio Tajani im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel. "Die Richtlinie gilt", sagte Tajani mehrfach. "Wir haben auch nicht vor, sie kurzfristig zu revidieren, da sollte es keine Missverständnisse geben." Das wäre eine Katastrophe für die Stuttgarter. Aber auch der Einsatz der EU-Kommission ist hoch. Hält sie am Zwang zu R1234yf fest, würde ein einziger Worst-Case-Unfall, wie Mercedes ihn befürchtet, ihr Ansehen in Sicherheitsfragen nachhaltig beschädigen.

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