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7. November 2008, 08:05 Uhr

Viel Unwissen und Pharma-Kalkül

Rund 300 Tonnen Antibiotika schlucken die Deutschen pro Jahr. Dabei gilt: Je mehr Antibiotika verwendet werden, desto größer ist das Risiko, dass gefährliche Erreger reistent werden. Erstmals haben Mediziner den bundesweiten Verbrauch und Daten zu Resistenzen zusammengetragen. Von Tim Braun

Antibiotika helfen bei bakteriellen Infektionen - zum Beispiel bei Mandelentzündungen, Harnwegsinfektionen oder Scharlach© Colourbox

Einen eigenen resistenten Erreger kann man sich einfach selbst züchten: etwa, indem man das verschriebene Antibiotikum absetzt, sobald die Hauptbeschwerden abklingen oder weniger Tabletten einnimmt, als auf der Packungsbeilage empfohlen wird. Bei einem Wirkstoff, der dreimal täglich eingenommen werden soll, ist es schon riskant, zwischen den Gaben nicht acht, sondern vielleicht zwölf Stunden verstreichen zu lassen. "Bakterien sind clever", sagt Tim Eckmanns, Leiter des Fachgebietes Surveillance am Robert-Koch-Institut (RKI). "Wenn sie merken, dass sie angegriffen werden, können sie Resistenzgene anschalten." Dann beginnt der Kampf zwischen Antibiotikum und Erreger: Bei zu geringer Dosis haben Bakterien eine größere Chance, die Oberhand zu gewinnen.

Deutschland liegt im unteren Drittel

Der laxe Umgang von Patienten mit Antibiotika ist jedoch nicht der Hauptgrund für die Zunahme von resistenten Erregern in ganz Europa. Das liegt eher an der Verschreibungspraxis der Ärzte. Denn: Je mehr Antibiotikum verbraucht wird, desto häufiger bilden sich Resistenzen.

Immerhin: Deutschland verbraucht im EU-Vergleich mit die wenigsten Antibiotika. Im Jahr 2007 lag die Verordnungsdichte bei rund 15 Tagesdosen pro 1000 Einwohnern - Spitzenreiter Griechenland kam auf einen mehr als doppelt so hohen Wert. Auch in Zypern, Frankreich, Italien, Belgien und Luxemburg ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Antibiotika teilweise doppelt so hoch wie in Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden oder Dänemark.

Trotzdem treten auch in Deutschland Resistenzen auf. Bei einzelnen Krankheitserregern wie Staphylokokken, Kolibakterien und Enterokokken ist sogar ein deutlicher Anstieg der Resistenzen zu verzeichnen. So stieg der Anteil von multiresistenten, also gegen mehrere Wirkstoffe unempfindliche Staphylokokkus Aureus- Bakterien (MRSA), von 1990 bis heute von unter zwei auf über 20 Prozent. Bei Darmbakterien (Enterokokken), die in Krankenhäusern häufig Auslöser für Harnwegs- und Wundinfektionen sind, lassen sich über die letzten 10 Jahre vermehrt Resistenzen gegen einzelne Wirkstoffe beobachten. Weitere Resistenzbildungen gab es bei der Tuberkulose, den Salmonellen und Geschlechtskrankheiten wie der Gonorrhö ("Tripper"). Zu dem Ergebnis kommt der erstmals erschienene Antibiotika-Resistenzatlas Germap 2008, ein Gemeinschaftsprojekt des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie (PEG) und der Infektiologie am Universitätsklinikum Freiburg. Der Atlas dokumentiert sowohl den bundesweiten Verbrauch von Antibiotika als auch die aktuelle Entwicklung resistenter Erreger.

Der Versorgungsforschung fehlen die Daten

Anders als im Report "Krank im Krankenhaus", den die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene und die Allianz AG 2007 herausgegebenen hat, sucht man hier vergebens nach konkreten Zahlen über Infektionsraten und Todesopfer. Jedes Jahr gibt es 500.000 Neuinfektionen durch Krankenhauskeime und geschätzte 3500 Personen, die infolge einer Infektionen sterben. Doch statt diese Zahlen zu nennen, verweist Germap an den meisten Stellen, die eine Schlussfolgerung erlauben würden, auf die unzureichende Datenlage. So gibt es auch kaum Erkenntnisse über Resistenzen, die außerhalb von Krankenhäusern auftreten. Dabei werden dort rund 85 Prozent der bis zu 300 Tonnen Antibiotika verschrieben, welche die Deutschen jährlich schlucken.

Für Michael Kresken, Geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Antiinfectives Intelligence und Mitherausgeber des Germap-Atlas, stellt sich die aktuelle Situation der Forschung wie folgt dar: "Für das Krankenhaus haben wir gute Daten, was die Resistenzen betrifft. Über den Verbrauch wissen wir jedoch nicht genug. Im ambulanten Bereich ist es umgekehrt: Wir haben die Verbrauchsdaten, wissen allerdings wenig über die Verbreitung von Resistenzen."

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
001002 (07.11.2008, 09:53 Uhr)
Was erwarten sie von pharmaVERTRETERN ?
Es wurde sich vor vielen jahren entschieden die pharmazeutische forschung zu privatisieren. Die Staatlichen mittel sind so gering, dass inzwischen viele doktoranden an universitäten direkt von bayer&co bezahlt werden müssen, wenn sie nicht kostenlos arbeiten wollen. Im Gegenzug bekommen diese firmen teile der Patente. Die logische konsequenz wenn ich mir ein patent kaufe ist doch es gewinnbringend zu vermarkten. Pharmareferenten sind nichts anderes als staubsaugervertreter/drücker. Sie haben weder gesichert eine pharmaziestdium, noch einen eid abgelegt zum wohle des patienten. Wenn ärtze ihnen verrauen ist das wohl eher das problem der medizinischen ausbildung als das der pharmaindustrie.
Sternobyl (07.11.2008, 09:24 Uhr)
Und wieder ...
... sind es Fachleute, die es eigentlich besser wissen sollten und trotzdem beim unnötigen Antibiatika-Verschreiben mitmachen. Und wieder sind es finanzielle Anreize, die die Pharmabranche verleitet die ungute Entwicklung zu befeuern. Und wieder schauen wir zu und denken uns: so schlimm wird's schon nicht kommen. - Wie bei der Finanzkrise.
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