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11. Januar 2009, 20:00 Uhr

"Eigentlich muss Jack Bauer sterben"

Für die Erfolgsserie "24" bricht der siebte Tag an, an dem Terroristenjäger Jack Bauer mindestens Amerika retten muss. stern.de hat sich auf dem Set umgesehen und gefragt, wie lange das eigentlich noch so weitergehen soll. Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles

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Jack Bauer bricht auf, den siebten, längsten Tag seiner Karriere zu bestehen© 2007-2008 Twentieth Century Fox Film Corporation

Otto Sutherland langweilt sich ganz furchtbar am Set von "24". Er schlurft durch die langgestreckte Studiohalle, in der ein Großraumbüro des FBI aufgebaut ist, komplett mit Apple-Computern, Fahndungsbildern am Schwarzen Brett und eindrucksvoll aussehenden Tresoren, deren faustgroße Schlösser mittels Magneten auf die Pressholztüren gepappt sind. Im Moment stehen die Telefone still, auf den Monitoren tanzen Pausenbilder, das Filmteam rückt erst später an. Otto gähnt. Otto streckt sich. Er blinzelt an eine Schreibtischecke, als überlegte er, ob er mal eben heimlich hinpinkeln könnte, aber dann setzt er sich brav neben den Mann, der ihn hergebracht hat, hier in die Aufnahmehallen von Chatsworth bei Los Angeles, und wartet auf sein Herrchen. Kiefer Sutherland ist noch in einer Besprechung, solange wird Otto, sein junger Schäferhund aus Deutschland, von Kiefers Kumpel Gassi geführt.

Das heißt, für Gassi ist es viel zu heiß. Mindestens 35 Grad herrschen im San Fernando Valley, kein Wölkchen am Himmel. In wenigen Wochen werden die Berghänge am nahen Horizont in Flammen stehen. Schon spürt man die trockenen Winde aus der Wüste und hört in den Nachrichten von Waldbrandgefahr. Heute, an diesem strahlenden Septembertag, wird in den vom Fernsehsender Fox gemieteten Studios Winter in Washington gedreht: Die siebte Staffel der Fernsehserie, die jeweils 24 Stunden aus dem Leben des Spezialagenten Jack Bauer schildert (Sutherland – Kiefer natürlich, nicht Otto), spielt dieses Mal nicht in Los Angeles, sondern in Amerikas Hauptstadt, kurz nach Amtsantritt des neuen Präsidenten.

Die Schauspieler tragen Rollkragenpullover und schwere Boots, der Kostümbildner legt Wollmäntelchen für die frisch gekürte Regierungschefin heraus. Jawohl, nach zwei schwarzen Präsidenten und drei weißen Halunken im Weißen Haus wird Jack Bauer an seinem siebten Katastrophentag - bislang führte zuverlässig jede Staffel von "24" die westliche Welt an den Rand des Untergangs - von einer Frau befehligt. "Wären wir, wie geplant, schon im Frühjahr auf Sendung gewesen", sagt Jon Cassar, einer der preisgekrönten Produzenten und Regisseure der Show, "hätten wir Hillary Clinton garantiert einen mächtigen Schub gegeben".

Das "24"-Selbstbewusstsein"

Bemerkenswert an Cassars kühnem Spruch ist nicht nur das für die "24"-Macher typische Selbstbewusstsein - es wird genährt von einer riesigen Fangemeinde und einer Resonanz, welche die Begeisterung an gutem Fernsehen weit übersteigt - , sondern auch der beiläufige Hinweis, dass fast zwei Jahre lang eben jene Fans auf ihren Helden warten mussten. Der Grund: der Autorenstreik in Hollywood, dem von November vergangenen Jahres an etliche Sendungen und Kinofilme zum Opfer fielen. Sieben Folgen, erzählt Howard Gordon, ein weiterer Produzent der Serie und zur Zeit der Chef-Schreiber, hätten er und sein acht- bis zehnköpfiges Team bereits verfasst, dann mussten sie Griffel und Keyboards fallen lassen.

Die Herren Autoren trafen und treffen sich täglich im "Cigar Room" in der Tiefe weicher Ledersessel. Auf dem Couchtisch die namengebende Zigarrendose, in der Ecke eine gut bestückte Bar, die nicht nur à la Hollywood mit Evian und Cola Light gefüllt ist, sondern mit richtig Denkerstoff, Cabernet und Jack Daniels. Für "24" schreibt zwar keine einzige Frau, aber wundersamerweise ist die Serie völlig frei von jeglichen Sexismen und Macho-Attitüden; vorbildlich gar in ihrer nonchalanten Gleichberechtigung - Chefpositionen werden ganz selbstverständlich mit Frauen besetzt, sei es der Direktorenposten der sagenumwobenen Spezialeinheit CTU oder nun eben das Oval Office. Angesprochen auf ihren erstaunlichen Mangel an dämlichen Frauenrollen, rollt Howard Gordon mit den Augen: "Unsere Ehefrauen würden uns killen".

Kniescheiben zerschießen für Amerika

Weniger empfindlich scheinen sowohl die Ehefrauen wie ihre Gatten zu sein, was Verhörmethoden aus aller Welt angeht. In "24" werden regelmäßig bockige Straftäter in die Kniescheibe geschossen oder mit dem Lampenkabel elektrifiziert, und wenn der ernste Mann mit dem Köfferchen anrückt, wissen Jack Bauers Gegner, dass ihr letztes Lügenstündchen geschlagen hat. Dann werden Türen und Augen geschlossen und beherzt Drogen gespritzt. Dies geschähe aus schierer Zeitnot, beteuern die Autoren: Hätte Jack Bauer zwei Wochen Zeit, die jeweiligen Terroristen zu verhören, griffe er sicherlich zu eher gesprächstherapeutischen Methoden. So aber tickt die Uhr, unbarmherzig. Die Welt steht am Abgrund und Jack Bauer vor der Wahl: lieb sein oder erfolgreich? Also schießt er ins Knie. Lieb, das sind immer die anderen.

"Es muss doch realistisch sein", ruft Jon Cassar, ein sanftmütiger Mann, der seine dunklen Gedanken offenbar allesamt in "24"-Episoden auslebt. In Staffel Nummer sechs wurde ein Mitglied jener "Counter Terrorism Unit" gezwungen, seine Kollegen zu verraten. "Hätte ihn der Bösewicht einfach in den Bauch gehauen, niemals hätte er sich zu so einer Tat zwingen lassen. Aber wenn man ihm mit der Bohrmaschine in die Schulter hebelt ..."

Serie der Rechten und Linken

Viel wurde über den freimütigen Umgang mit Folter in "24" geschimpft. Selbst aus der amerikanischen Militärakademie West Point drang Kritik: Die jungen Rekruten glaubten nach Sicht der Serie alle, dass zum Beispiel Kriegsgefangenen nur mit brutaler Gewalt zu begegnen sei, klagten die Ausbilder. "Wenn die Army wirklich der Ansicht ist, unsere Serie sei verantwortlich für Abu Ghraib", schnaubt Hauptdarsteller Kiefer Sutherland, "dann haben sie ein noch größeres Problem, als wir alle dachten". Drehbuchautor Evan Katz, nicht ohne Stolz: "Jawohl, wir haben in unseren Drehbüchern die Folterskandale von Abu Ghraib und Guantanamo vorweggenommen. Aber auch einen schwarzen Präsidenten! Werden wir dafür jetzt bitte mal gelobt?"

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Jack Bauer macht eine typische Handbewegung© 2007-2008 Twentieth Century Fox Film Corporation

Tatsache ist, dass "24" seit seiner Premiere wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001 so tief in Amerikas Befindlichkeit gesunken ist, dass man kaum mehr sagen kann, ob die Serie Sensor ist oder Motor, ob sie Ängste widerspiegelt oder schürt, ob sie die herrschende Paranoia ernst nimmt oder entlarvt. Beifall bekommt sie jedenfalls von beiden Seiten, von Republikanern wie John McCain und Linken wie Barbra Streisand und Bill Clinton. Die bislang sechs echt fiesen Tage im Leben des Jack Bauer - und im Leben Amerikas - bilden ein Panoptikum aller Neurosen der Nation: Da geht es um terroristische Anschläge und islamische Fundamentalisten, um Männer mit arabischen Namen und Koffern voller Massenvernichtungswaffen, um Verrat durch "Maulwürfe" und Verschwörungen der Eliten, um das blindwütige Zurückschlagen des Imperiums und den Verlust der eigenen hohen Moral. Unter allen Unterhaltungsserien - und die Macher schwören, sie seien eigentlich nur dies, eine bunte "Fun"-Maschine - ist "24" diejenige mit dem stärksten kathartischen Effekt.

Im Befreiungs-Modus

Das Prinzip ist immer das Gleiche: Jede Staffel beginnt mit einem Donnerschlag, der das Publikum in emotionalem und moralischem Aufruhr zurücklässt - Amerika wird von Terroristen mit Giftgas, Atombomben oder Mordanschlägen auf Präsidenten bedroht. Dann wird der Mann fürs Grobe aktiviert, und wenn nach 24 Stunden alle Kniescheiben zerschossen und alle Terroristen erledigt sind, muss Jack Bauer wieder zurück in die Kiste. Gedankt hat ihm bis heute keiner so richtig, dass er für sein Land alles gegeben hat. Bei den Chinesen im Knast hat er gesessen, bei den Kolumbianern in der Opiumhöhle, in Teil eins wurde seine Frau erschossen, in Teil sechs seine Lebensgefährtin ins Koma geschickt. Dazwischen blieben ein paar andere Amouren zuverlässig auf der Strecke. Sein Bruder wurde von seinem Vater erschossen, sein Vater von seinem Neffen, die Tochter (mit Neigung zu nervenzerfetzenden Eskapaden) hat sich von ihm zurückgezogen, und seine paar Freunde mussten fast alle dran glauben. Jack Bauer, der an den sechs uns bekannten Tagen nicht weniger als 185 Leute auf dem Gewissen hat, wird gemeinhin als tragischer Held beschrieben, als armes Schwein, das die Welt rettet und sich selbst immer mehr dabei verliert.

Geschätzte zehn Millionen Dollar bekommt Kiefer Sutherland dafür, dass er sich Jahr für Jahr schinden lässt zum Wohle der Nation. Jack Bauer ist so etwas wie ein trauriger James Bond: völlig humorfrei, illusionslos, ein Racheengel mit schmutzigen Händen. Etwa ab Mitte jeder Staffel möchte man ihm eine Hühnerbrühe kochen, aber für so banales Zeug wie Essen hat Jack Bauer überhaupt keine Zeit. Fürs Trinken nicht, fürs Schlafen nicht, unbarmherzig tickt die Uhr. Sutherland, angesprochen auf die Lücken im ach-so-lebensnahen Skript: "Immer, wenn zu einer Szene im Weißen Haus umgeblendet wird, geht Jack Bauer schnell pinkeln".

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