Erst wehrten sie sich nur gegen fremde Fangflotten in ihren Gewässern, dann wurde aus dem Widerstand ein Millionengeschäft. In Somalia gelten die Piraten als Volkshelden. Die ganze Küste profitiert von ihrem plötzlichen Reichtum. Von Tilman Müller, Manon Querouil, Joachim Rienhardt

Ein kleines Boot und ein paar alte Waffen wie die russische Panzerfaust genügen. Damit kaperten© Veronique De Viguerie
Ein paar herrenlose Kamele sind in der kargen Steinwüste zu sehen. Ab und zu bewaffnete Gestalten am Rande der holperigen Piste. Nach stundenlanger Fahrt durch das Niemandsland taucht in der Ferne blassgrün der Indische Ozean auf. Und etwas später, in der flirrenden Mittagshitze, sind die Umrisse großer Frachtschiffe auf dem Meer erkennbar. Am Strand, nicht weit vom somalischen Küstenort Hobyo, wartet ein Kleinlaster. Auf der Ladefläche dunkelhäutige Männer mit Maschinengewehren und umgeschnallten Patronengürteln. Ihr Anführer hat ein altes Sweatshirt wie einen Turban um seinen Kopf gewickelt, an seiner Schulter hängt eine verrostete Panzerfaust des Typs RPG-7. Er heißt Abdullah Hassan und ist 39 Jahre alt. "Früher waren wir ehrliche Fischer, aber seit Fremde unsere Meere leer fischen, müssen wir nach anderen Wegen suchen, um zu überleben", sagt der Mann. Er ist Chef einer Bande, die sich "Küstenwache" nennt und aus 350 ehemaligen Fischern und Milizsoldaten besteht.
Hassan blickt stolz hinaus aufs Meer. Von hier aus ist deutlich der ukrainische Frachter "Faina" zu sehen, den er gemeinsam mit einer anderen Piratenbande auf hoher See gekapert und an diesen verlassenen Küstenort am Horn von Afrika dirigiert hat. "Das Geheimnis eines erfolgreichen Überfalls", sagt er, "ist die Geschwindigkeit." Bei ihm gehe immer alles ohne Blutvergießen ab. Das sei Ehrensache für alle Piraten Somalias. Nur wenige Seemeilen von der "Faina" entfernt liegt der Supertanker "Sirius Star". 330 Meter lang, beladen mit Rohöl im Wert von 100 Millionen Dollar, die wertvollste Beute, die Seeräuber seit Menschengedenken gemacht haben. Sie fordern 15 Millionen Dollar Lösegeld für das erst im März vom Stapel gelaufene Riesenschiff. Die Entführung der "Sirius Star" ist weltweit zum Symbol einer bislang ungeahnten Gefahr durch See-Terroristen geworden. Sie bedrohen die wichtigste, durch den Suezkanal führende Handelsroute zwischen Asien und dem Westen, blockieren lebensnotwendige Hilfslieferungen an Hungernde in Afrika und drohen sogar damit, den Tanker zu sprengen und eine Ökokatastrophe ungekannten Ausmaßes anzurichten.
Auf der mit jährlich mehr als 16.000 Schiffen befahrenen Wasserstraße im Golf von Aden wurden dieses Jahr schon 95 Überfälle registriert, dreimal so viele wie 2007. Dabei brachten die Piraten 39 Schiffe in ihre Gewalt und erpressten insgesamt etwa 150 Millionen Dollar Lösegeld. Derzeit halten sie außer der "Sirius Star" noch mindestens 15 weitere Schiffe mit insgesamt 340 Mann Besatzung als Faustpfand. Die internationale Staatengemeinschaft ist alarmiert. Der UN-Sicherheitsrat in New York ordnete Sanktionen an. Es tagen Krisenstäbe in Berlin und Brüssel. Dort wird gerade ein EU-Aktionsplan für die "Operation Atalanta" erarbeitet. Die maritime Militäraktion soll vom 8. Dezember an die Sicherheit der Seefahrt gewährleisten. Die Fregatte "Karlsruhe" der Bundesmarine wartet bereits im Roten Meer auf den Befehl zum Einsatz am Horn von Afrika.
Zur Welthauptstadt der Piraterie hat sich das 300 Kilometer nördlich von Hobyo gelegene ehemalige Fischerdorf Eyl entwickelt. In dem 7000-Einwohner-Ort, in dem mächtige Palmen neben halb verfallenen Hütten stehen und überall Schafe umhertrotten, ist neuerdings der Wohlstand ausgebrochen. Früher verirrte sich kaum ein Auto hierher. Nun parken chromblitzende Landcruiser vor kleinen Palästen mit Swimmingpools. In den Gärten brummen Dieselgeneratoren, es wird viel gefeiert. An der gesamten, nördlich von Mogadischu gelegenen "Piratenküste" Somalias nehmen sich Männer, die aussehen wie Manager, neuerdings Zweit- und Drittfrauen. Bei den rauschenden Hochzeitsfesten folgen dem Brautpaar schon mal Konvois mit 150 Autos; nächtelang wird anschließend gespeist und getrunken, es spielen Combos auf, die eigens aus Dubai eingeflogen werden.

Piraterie weltweit
In Eyl, vor dessen Küste die meisten der derzeit 16 gekaperten Schiffe liegen, wiederholt sich immer häufiger das gleiche Ritual: Sobald sich wieder ein entführtes Schiff den Gestaden nähert, stürmt nahezu die gesamte männliche Bevölkerung Richtung Strand. Jeder will sich seinen Teil an dem Geschäft sichern: Die jungen Kerle, die an Bord die Geiseln bewachen. Die Restaurantbesitzer, die das Catering übernehmen. Und natürlich die Männer in den weißen Hemden und den dunklen Anzügen, die mit modernsten Satellitenhandys und Laptops ausgerüstet sind und mit den Schiffseignern um die Höhe des Lösegelds pokern.
"Uns geht es nur um das Geld", sagt Sugule Ali, derzeit der bekannteste Sprecher der somalischen Piraten. "Wir sind keine Seeräuber, sondern Küstenwächter. Piraten sind für uns diejenigen, die illegal unser Meer leer fischen, ihren Müll hier verklappen und Waffen durch unsere Gewässer transportieren." Öffentliche Auftritte scheut der eloquente Freibeuter. Er zeigt sich nicht, kommuniziert lieber über Satellitentelefone. Sugule Ali spricht für eine Gruppe, die sich "Küstenwache der Zentralregion" nennt. Ein knappes Dutzend solcher Banden mit insgesamt etwa 1500 Mann soll es in Somalia geben. Ihre Namen lauten "Somalia Marines", "National Volunteer Coast Guard" oder "Puntland Group". Alis Gruppe war auch beteiligt an der Entführung des ukrainischen Frachters "Faina", der nach Kenia unterwegs war. Mit 33 Panzern vom Typ T 72, 150 Raketenwerfern, sechs Boden-Luft-Raketen sowie Tausenden von Artilleriegranaten - offenbar Nachschub für den Bürgerkrieg im Sudan. "Faina"-Kapitän Wladimir Kolobkow starb kurz nach dem Überfall, wie es heißt an Herzversagen. Die Leiche verwahren die Somalier in einem Kühlfach. Seine Angehörigen sollen ihn später einmal mit Würde bestatten können. Die Waffen von dem Frachter zu entladen komme nicht infrage. "Wir wollen ja niemanden töten", beteuert der Sprecher, "unser Land leidet schon genug unter der Zerstörung und den vielen Waffen. Wir wollen unsere Küste schützen und weiteres Leid verhindern."
Begonnen haben die See-Gangster als kleine Selbsthilfegruppen. Vor knapp 20 Jahren, als in Somalia die staatliche Ordnung zusammenbrach, tauchten Fangflotten aus aller Herren Länder auf und bedienten sich ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz in den somalischen Hoheitsgewässern. "Nachts sah es draußen auf dem Meer aus, als schwämme da die Skyline von Manhattan", sagt ein einheimischer Fischereiexperte. Hell erleuchtet und mit riesigen Schleppnetzen ausgerüstet hätten die Kutter die Fischgründe geplündert und mit schwerem Gerät auf die Korallenbänke eingehämmert, um Krustentiere aufzuscheuchen. Wie Donner hallte der Krach übers Wasser. "Mit fetter Beute" seien Schiffe aus Norwegen und "sogar aus dem fernen Japan" davongefahren, die Fischer aus Eyl oder Hobyo hingegen seien immer öfter mit leeren Netzen zurückgekommen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 49/2008