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24. November 2008, 12:22 Uhr

"Du bist Opfer, du musst dich wehren"

Susanne Klatten hatte die Öffentlichkeit immer gemieden, ihr Leben war ein großes Geheimnis. Die Erpressungsaffäre zerrte die Quandt-Erbin und Milliardärin in die Schlagzeilen. Nun redet sie - über ihre Familie, ihren Weg und die Last des Geldes. Lesen Sie das volle Porträt von Lorenz Wagner

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Kann wieder lachen: Erpressungsopfer Susanne Klatten© Frank Rumpenhorst/DPA

Ein Herbstabend in Hamburg, draußen Wind und Elbwellen, drinnen Lüster und bodenlange Tischdecken. Unternehmer und Gründer in seltener Abendrunde. Alle essen Ente, nur eine Frau isst vegetarisch, Suppe, Reis, Gemüse. Sie hat einen empfindlichen Magen. Dünn ist sie, die Wangenknochen liegen hoch in ihrem Gesicht. Blässe, um die Augen Fältchen, kurzes Haar, ein Ehering, ein Hauch Schminke. Nichts glänzt an dieser Frau, außer den Augen. Hellgrüner Schimmer, darin haselbraune Tupfer. Die Frau schaut und schweigt, löffelt und lauscht. Auf einmal stutzt sie, hebt den Kopf. "Fritz-Kola?", sagt sie zu einem jungen Mann schräg gegenüber.

"Ja." Der Gründer deutet auf einen Firmenbutton am Cordsakko.

"Dass ich Sie hier treffe! Ist ja toll. Die Kinder trinken Ihre Cola immer, wenn wir auf Sylt sind."

Dem Jungunternehmer schwillt die Buttonbrust.

Sie: "Die kriegt man nicht überall, oder?"

"Nee. Wir haben ein ganz besonderes Vertriebskonzept. Ich kann Ihnen das gern erklären. Wie ist Ihr Name?"

Kurze Pause.

Dann recht leise: "Klatten."

"Wie?"

Sie hält ihre Tischkarte hin.

"Aha, Frau Klatten. Und was machen Sie?" Ihre Stimme wird noch leiser. Das Wort "Beteiligungen" ist zu hören.

Der Gründer guckt leer. "Also, mit dem Vertrieb, das ist so ..."

Sie hört geduldig zu. "Und Ihr Umsatz?", fragt sie in eine Atempause hinein.

"Was machen Sie nochmal?"

"Uuumsatz?!" Der Gründer bläst Luft durch die Nase. "Da sind wir ganz verschwiegen."

Pause.

"Wissen Sie, die Wettbewerber, die sollen das nicht erfahren. Das ist so eine Sache in dieser Branche. Ich kann Ihnen das ja mal erklären. Was machen Sie noch mal?"

Klatten, lauter: "Ich bin auch Unternehmerin. Und an Unternehmen beteiligt."

"Was für Unternehmen?"

"Och, ganz verschieden."

"Aha. Also, mit dem Wettbewerb das ist so ..." Und sie lauscht, Susanne Hanna Ursula Klatten, geborene Quandt, die Frau, die sonst Chefs von Weltkonzernen berichten lässt. Sie ist die reichste Frau Deutschlands, ist Herrin über den Chemiekonzern Altana, hat zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder die Macht bei BMW. Um ihr Geld zu haben, müsste man 25 Jahre jeden Tag eine Million im Lotto gewinnen. Die einen schätzen ihr Vermögen auf 7 Mrd. Euro, die anderen auf 9 Mrd. Euro.

"Sie haben da einen tollen Stecker an der Jacke", unterbricht sie den Gründer in einer weiteren Atempause.

"Das ist unser Logo."

"Toll, kann ich so einen haben? Für meine Kinder?"

"Klar." Er reicht mit Gönnerblick eine Visitenkarte rüber. "Mailen Sie mir Ihre Adresse, dann schicke ich Ihnen welche."

"Schön", freut sich Klatten. Sie guckt auf die Karte. "Koksen ist Achtziger", steht darauf. "Vielviel Koffein: Fritz-Kola."

Wieder einmal nicht erkannt

Und Klatten hebt den Kopf, und sie lacht das erste laute Lachen der Runde. Es wird ein langer Abend. Sie kann sich in sich hineinfreuen. Wieder einmal ist sie nicht erkannt worden. Erst nach Mitternacht, als sie gegangen ist, hört der Gründer von einem Tischnachbarn, wen er da nicht erkannt hat. "Ist das peinlich", sagt er. "Oh, ist das peinlich." Das war im Oktober 2007. Ein Jahr ist es her, aber es fühlt sich viel länger an für Susanne Klatten. Was waren das für furchtbare Monate! Heute braucht sie niemandem mehr ihre Tischkarte zu zeigen. Über kaum eine Frau in diesem Land wurde in den vergangenen Wochen mehr geredet, mehr geschrieben, mehr gelesen.

Sie ist erpresst worden, schon im vergangenen Herbst, gar nicht lange nach dem Abend an der Elbe. Ein Liebhaber hat sie heimlich filmen lassen und Millionen verlangt. Klatten ging zur Polizei. Im Januar wurde der Mann verhaftet. Vor drei Wochen ist alles rausgekommen.

Tag für Tag sieht Susanne Klatten nun ihr Gesicht auf den Titelseiten von Zeitschriften, deren Namen sie nicht mal aussprechen will. Sie ist nicht mehr Unternehmerin, sie ist nur mehr Opfer. Wen interessiert, dass sie gerade für knapp 1 Mrd. Euro Aktien von Altana kaufen will? Die Firma ganz kaufen und von der Börse nehmen?

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