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25. Juli 2010, 11:41 Uhr

Das Ende der Loveparade

Die Trägodie von Duisburg bedeutet das Aus für die Loveparade. Der Staatsanwalt ermittelt. Zentrale Frage: Wieviel Schuld tragen Stadt und Organisatoren?

Loveparade, Schuldfrage, Pressekonferenz, PK, Duisburg, Polizei, Techno, Tunnel

Will nicht mehr: Organisator Rainer Schaller völlig paralysiert auf der Pressekonferenz© Fredrik von Erichsen/DPA

Einen Tag nach der Panik auf der Loveparade mit 19 Toten und 340 zum Teil schwer verletzten Menschen herrscht Fassungslosigkeit über das Geschehene. Und es stellen sich Fragen: Wie konnte es zu der Massenpanik kommen? War das Sicherheitskonzept der Behörden wirklich unzulänglich? Von einer Pressekonferenz der Stadt erhoffte man sich mehr Klarheit - und wurde enttäuscht. Die meisten Fragen wurden ausweichend beantwortet, andere gar nicht.

So wollte der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) von Sicherheitsmängeln nichts wissen und und machte "individuelle Schwächen" für die Katastrophe verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Es liegen zwei Strafanzeigen vor - von wem, wurde nicht gesagt. Eine soll von der Feuerwehr stammen, die vor der Veranstaltung vor Sicherheitsproblemen gewarnt hatte. Die Staatsanwaltschaft hat jedenfalls bereits am Samstag das Sicherheitskonzept der Organisatoren und der Stadt beschlagnahmt.

Für die Deutsche Polizeigewerkschaft sind die Schuldigen klar. Der Vorsitzende der Gewerkschaft, Rainer Wendt, sagte der "Bild"-Zeitung: "Letztlich sind Stadt und Veranstalter für die Tragödie verantwortlich." Er habe schon vor einem Jahr gewarnt, Duisburg sei kein geeigneter Ort für die Loveparade. "Die Stadt ist zu klein und eng für derartige Veranstaltungen." Der Polizeigewerkschafter sieht das Problem nicht beim Festival-Gelände selbst, sondern bei den Wegen dorthin. Eine Schuld der Polizei sieht Wendt nicht. Angeblich wollten Experten von Polizei und Feuerwehr die Teilnehmer zu der riesigen Techno-Party großflächiger anreisen lassen. Schließlich waren gut eine Million Menschen erwartet worden. Der Plan hätte jedoch einen größeren Personaleinsatz erfordert und sei daher verworfen worden, heißt es. So entstand ein "Nadelöhr" in dem Zugangstunnel zum Festivalgelände am Alten Güterbahnhof. In dem Tunnel brach schließlich die Massenpanik aus.

Panikforscher will gewarnt haben

Der Panikforscher Michael Schreckenberg, der in die Planung der Loveparade einbezogen war, bekannte: "Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen." Das Sicherheitskonzept sei von maximal 500.000 Besuchern ausgegangen - verteilt über die Stadt. Der Tunnel, an dessen Rampe die meisten Menschen starben, habe aber nur eine Kapazität von 20.000 Menschen pro Stunde. Bis zu 250 000.Raver sollten durch dieses Nadelöhr auf das Gelände geschleust werden - und wieder runter. Eine Videoüberwachung habe der Veranstalter abgelehnt.

Insgesamt besuchten angeblich rund anderthalb Millionen Menschen die dritte Loveparade im Ruhrgebiet. Die Veranstalter wollten diese Zahl nicht bestätigen, verwiesen ständig auf die Zahlen, die die Bahn erfasst habe. Schließlich seien viele Raver per Bahn angereist. Die Zahl lag aber nur bei 105.000 - also nur bei einem Zehntel der vollmündig verkündeten erwarteten Gästezahl.

Organisator Rainer Schaller wirkte vollkommen erschüttert, sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und versprach, alles Mögliche zu der Aufklärung des Unglücks beizutragen. Er verkündete das "Aus" des Techno-Umzugs. Die Loveparade wäre fortan immer überschattet von den Vorfällen in Duisburg gewesen. Daher, so Schaller, der auch Chef der Fitnesskette McFit ist, werde es die Parade "nie mehr" geben. Der Unternehmer hatte die Loveparade 2006 übernommen.

Das Drama im Tunnel

Augenzeugen berichteten von dramatischen Szenen in dem als Zugang zum eigentlichen Veranstaltungsort genutzten Tunnel. Dort habe es kaum noch Luft gegeben, Menschen seien von hinten nachgedrängt, während vorne schon niemand mehr herausgekommen sei. Im dichten Gedränge sei man nicht mehr vor oder zurück gekommen. Dadurch sollen einige in Panik geraten sein und geschrien haben, was sich dann zu der Massenpanik ausgewachsen habe. Mehrere Besucher seien umgekippt, und schließlich hätten viele junge Leute übereinander gelegen, zehn hätten wiederbelebt werden müssen. Rettungskräfte seien kaum durchgekommen. 2000 von ihnen waren im Einsatz.

Die 19 Todesopfer waren nach Angaben des Duisburger Polizeipräsidenten Detlef von Schmeling zwischen Anfang 20 und 40 Jahre alt. Bei der Massenpanik starben elf Frauen und acht Männer. Unter den Toten sind elf Deutsche. Die anderen Opfer kommen aus den Niederlanden, Australien, Italien, China, Spanien und Bosnien. Die Mehrzahl von ihnen ist laut Detlef von Schmeling an einem Treppenaufgang ums Leben gekommen, zwei an einer Plakatwand. Im Tunnel selbst starb niemand.

Um eine weitere Panik zu vermeiden, wurde die Technoparty nach dem tödlichen Zwischenfall gegen 17.30 Uhr nicht sofort abgebrochen und aus Sicherheitsgründen erst gegen 23 Uhr beendet. Die zum Abzug der Fans benutzte Autobahn 59 wurde bis Sonntag wieder freigegeben.

Der Unglücksort
Bedienungsanleitung für die Karte: Pfeilsymbole = Karte verschieben;
Plus- und Minussymbole = Kartenausschnitt vergrößern/verkleinern.
"Karte" = Straßenkartenansicht;
"Satellit" = Luftbildaufnahme;
"Hybrid" = Luftbild mit eingezeichneten Straßen
ben/APN/DPA
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
BenchB (25.07.2010, 13:36 Uhr)
Bitte helft mir!

Hallo,

bevor es, wie so oft, passiert, dass das unterste Glied die Verantwortung übernehmen muß, möchte ich dazu aufrufen, die Verantwortlichen Rainer Schaller (Veranstalter) und OB Adolf Sauerland bei Eurer zuständigen Polizeidirektion wegen 19 fachem Totschlag und 340 facher Körperverletzung anzuzeigen.
Unsere Bürokaten haben wieder einmal einfach nur versagt und versuchten nun, in der Pressekonferenz Ihren Hintern zu retten (können wir nichts zu sagen, die Staatsanwaltschaft ermittelt). Ich habe 1999 die Loveparade erlebt, so etwas schönes habe ich noch nie erlebt und ich höre und habe schon immer Hip-Hop gehört, wollte dies einmal erleben und jeder der das einmal mitgemacht hat, weiß wovon ich rede.

Danke.
echtzeit (25.07.2010, 13:28 Uhr)
Mitverantwortung der NRW-Landesregierung?
Die vielen Todesopfer und Verletzten bei der LOVEPARADE in Duisburg machen mich, wie viele andere auch, tief betroffen.

Ich möchte an dieser Stelle mal auf folgenden Sachverhalt hinweisen, wie nämlich die NRW-Landesregierung mit diesem Vorfall umgeht:

So war vorgestern und gestern (24.7.) noch bis zum frühen Abend auf der Internetseite des Landes NRW (www.nrw.de) folgende Pressemitteilung zu lesen:

-------------------
Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Polizei professionell auf die Love-Parade vorbereitet / Innen- und Kommunalminister Jäger: Wir wünschen den Menschen ein sicheres Fest in Duisburg

Das Ministerium für Inneres und Kommunales teilt mit:
Mehr als 2.000 Polizistinnen und Polizisten, rund 2.000 Sanitäter und Ärzte und über 300 Feuerwehrleute sind am morgigen Samstag für die Love-Parade in Duisburg im Einsatz. ?Alle sind hoch motiviert und haben sich professionell vorbereitet?, sagte Innen- und Kommunalminister Ralf Jäger heute (23. Juli 2010) in Düsseldorf. Die Stadt Duisburg und der Veranstalter erwarten mehrere hunderttausend Besucher.
Bei Bedarf steht weitere schnelle und koordinierte Hilfe zur Verfügung. Dazu sind landesweit im Rahmen der überörtlichen Hilfe rund 1.000 Behandlungs- und Betreuungskräfte und 500 Feuerwehrleute in Bereitschaft. ?Damit sind wir in der Lage sind, schnell zu helfen und den bestmöglichen Schutz für die Menschen zu gewährleisten?, stellte Jäger fest. ?Wir wünschen, dass die vielen Besucher dieses Events unbeschwert feiern können.? Bei Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Pressestelle des Ministeriums für Inneres und Kommunales, Telefon 0211 871-2300.
-------------------

Die Verlinkung zu dieser Pressemitteilung wurde am gestrigen Abend (24.07.) von der Startseite von www.nrw.de entfernt/gelöscht. In der Historie der Pressemitteilungen ist sie jedoch noch auffindbar. Drückt man auf den Link (http://www.nrw.de/meldungen-der-landesregierung/love-parade-innenminister-lobt-professionelle-vorbereitung-9510/) erhält man die Nachricht, dass die Seite gelöscht wurde!

Meines Erachtens möchte die NRW-Landesregierung und der NRW-Innenminister seine Mitverantwortung an diesem schrecklichen (aber nach objektiver Beurteilung der örtlichen Zustände voraussehbaren) Unglück verschleiern! Ein Skandal!!!

P.S.: Da das Internet nichts "vergisst", findet man die "gelöschte" Pressemitteilung der NRW-Landesregierung beispielsweise auch hier: http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/56636/1653053/innenministerium_des_landes_nordrhein_westfalen
Eckes46 (25.07.2010, 13:26 Uhr)
Love Parade
Tja ich war nicht dort aber 1997 und 1998 in Berlin und hab gesehen welche Menschenmassen da versammelt waren und ohne in Duisburg gewesen zu sein und rein nur von den Frensehbildern her , kann man vorraussagen das ein Solches Ereignis geradezu provoziert wurde für mich grenzt das ja schon an Vorsatz. Und wenn man jetzt die Pressekonferenz verfolgt hat ,dann wirds einem ja schlecht was die 4 da von sich gegeben haben.da is von 105000 Raver per Bahn die Rede und das wäre der größte Teil gewesen , also das is eine Farce was der Polizeichef da ablässt. Fakt ist das man versucht hat mit Absperrungen und auf einem viel zu kleinen Gelände die Love parade stattfinden zu lassen. Und ganz ehrlich wäre ich Duisburger und hätte im Vorfeld mitbekommen wie die Leute dort hin kommen sollen ,ich wäre auf keinen Fall hin gegangen aus purer Angst das was passiert. Und da aber auch nur weil ich 97 und 98 gesehen habe was in berlin los war und da war alles um ein vielfaches größer. Was sind das nur für Menschen die jetzt noch sagen "Das Sicherheitskonzept war gut" Gruß Eckes
Cuypers (25.07.2010, 13:15 Uhr)
Größenwahn mit Todesfolge.
Oh mein Duisburg? die Aufarbeitung wird hart.
Die letzte Loveparade in Dortmund 2008 zeigte mit ihren 1,6 Millionen Teilnehmern, mit welchen Zahlen eine solche Veranstaltung zu kalkulieren ist. Bochum sagte 2009 wegen genau diesem Risiko ? ??Bahnhof und Lokalisation sind zu klein?? ? die Veranstaltung ab.
Fakten:
1. Der Veranstaltungsort (Alte Güterbahnhof) in Duisburg ist eine Lokalisation für 500 ? max. 550 Tausend Menschen. Das Gesamtgelände hat ca. 250.000 qm², davon waren durch Bühnen, Rettungswegen und Veranstaltungshallen etwa 90.000 qm² belegt. Es bleiben rein rechnerisch 140.000 qm² für etwa 1,4 Millonen Menschen auf dem Weg, dies sind 0,10 pm² pro Mensch. Schon ab 15 Uhr wurde deutlich, dass mehr als 1. Million Menschen auf dem Weg sind. Die Einschätzung der Bundesbahn ?? haben 105.000 Menschen transportiert ?? ist eine sehr peinliche Panne.
2. Der Duisburger Bahnhof müsste 1000 Züge abfertigen, um nur für die Anreise gewappnet zu sein ? völlig unmöglich! Schon im Bahnhof gab es Szenen der totalen Überfüllung und panischer Reaktion von überforderten Loveparade-Besuchern (siehe Handyvideos im Internet /youtube).
3. Der Todestunnel war im Veranstaltungskonzept der einzig geplante offizielle Zu- und Abgang zum Veranstaltungsgelände ? ein absoluter Planungsfehler! Notausgänge gab es nur auf dem Gelände ? leider nicht im Tunnel. Auf dieser Teil-Strecke gab es keine andere Ausweichfläche als das Gelände selbst. Auf Handy-Videos youtube) ist deutlich zu sehen, wie Polizeikräfte den absolut überfüllten Tunnel am Ausgang - hin zum Festivalgelände - absperren. Zeitgleich brechen im Tunnel Menschen unter Atemnot zusammen. Ein Zugang für Hilfskräfte ist nicht mehr gegeben ? ein tödlicher Planungsfehler. Übrigens wurden entsprechende Videos bereits wieder aus dem Netz genommen.
4. Die Verantwortlichen zeigen bis zu diesem Zeitpunkt Reaktionen der Trauer, leider auch verschiedene Versuche von Rechtfertigungen zu Planung und Konzeption der Veranstaltung. Diese belegen allerdings eher eine vollkommene Überforderung, als eine sinnvolle Vorplanung. Übrigens wurde von Veranstalten intern mit 1,5 Millionen ?Konsumenten? geplant. Dieses lukrative Geschäft - von Herrn Schaller - hinter der ?Love-?Parade zeigt wohl den eigentlichen Hintergrund für ein sehr wahrhaftiges Resultat - 19 Tote und 140 verletzte Menschen.

Burkhard Cuypers,
Soziologe, habe 19 Jahre in Duisburg gelebt
JPP-1 (25.07.2010, 13:15 Uhr)
Die Katastrophe war mit Ankündigung
Vorab mein Beileid und Mitgefühl an die Opfer und Ihre Angehörigen.
Ich halte die Aussage des Panikforschers für falsch, wenn nicht sogar für eine Schutzbehauptung: Die Menschen sind meineserachtens ert über die Absperrungen und die Treppen geklettert, als die Panik schon ausgebrochen war, vor genau diesem Desaster wurde lang vorher schon gewarnt:

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Duisburger-Loveparade-viel-kleiner-als-geplant-id3067213.html#1037284


http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Bloss-nicht-in-Flip-Flops-zur-Loveparade-id3269779.html

Beim Lesen der Beiträge, die lange VOR der LoPa eingetragen wurden, bekam ich eine Gänsehaut ob der (leider eingetroffenen) Vorraussagen einiger Kommentatoren.
Stirb_Susi (25.07.2010, 13:14 Uhr)
Das hat man gewusst
Bereits Tage zuvor gab es warnende Stimmen in Kommentaren zu einem Artikel im "Der Westen" wo man genau die Fragen gestellt hat. Warum ein in sich abgeschlossenes Gelände? Warum nur einen Zugang? Wie kommt man auf so geringe Besucherzahlen? Man kannte die Situationen aus Essen und aus Dortmund und man wusste warum Bochum abgesagt hatte. Aber in Duisburg war man ja schlauer - hier hatte man die Dollarzeichen und den Ruhmeslorbeerkränze in den Augen und da schaltet dann der gesunde Menschenverstand schon mal komplett ab.Und wenn man neben einem publcitysüchtigen OB aoch noch einen selbsternannten Panikexperten (dessen Name Programm zu sein scheint ) hat, dann kann die Katasrophe ja ihren Lauf nehmen.

Wenn man sich diese selbgefälligen Typen bei der gerade stattfindenden PK ansieht kann man das Kotzen kriegen.

Aber wir werden es erleben, den wird wieder mal nichts passieren. Die sind alle unschuldig und das Sicherheitskonzept war ja sowas von Klasse!
Aquarius2 (25.07.2010, 13:11 Uhr)
übereilte Reaktion
Es ist schrecklich, was da passiert ist und mein Mitgefühl gilt allen Betroffenen.
Aber das endgültige Aus für die loveparade ist eine voreilige Entscheidung aus Agst vor allen Besserwissern.
Nach diesem Maßstab müssten das Münchner Olympiastadion und viele Autobahnen, Landstraßen und Eisenbahnstrecken geschlossen werden.
Intensives Nachdenken nach einer notwendigen Denk- und Spekulationspause wäre eine gute Voraussetzung für eine abschließemde Entscheidung.
Dort, wo Hunderttausende oder Millionen Menschen zusammengeführt werden, gibt es auch in Zukunft Risiken, die reduziert, aber nicht ausgeschlossen werden können. Dies muss allen Interessenten immer deutlich gemacht werden.
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