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Wladimir Putin - der selbstgerechte Aggressor

Wladimir Putin lässt in Syrien Dörfer und Städte einäschern, der Terrorismusvorwurf dient ihm als pauschale Rechtfertigung. Damit verhöhnt der russische Präsident das Völkerrecht und den Zivilisationsgedanken.

Von Andreas Petzold

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Willkür ohne Grenzen: Putins Panzer rollen in der Ost-Ukraine über Leichen, syrische Dörfer und Städte lässt er gnadenlos einäschern und das Abschlachten von Menschen steckt er achselzuckend weg

Der Verzicht auf jegliche Art von Humanität - das ist es, was die Politik des russischen Despoten Wladimir Putin klammert. Und der Fallout seiner entgrenzten Willkür und Gewaltherrschaft sammelt sich jetzt zu Zehntausenden an der syrisch-türkischen Grenze. Die Menschen fliehen vor dem russischem Bombenhagel, der die Marschwege syrischer Truppen freisprengt und unterschiedslos Gegner und Zivilisten trifft. Frauen, Kinder und Gebrechliche. Nach Putins Lesart allesamt Terroristen, denn das kann man ja dem heimischen TV-Publikum am besten verkaufen.

Terrorismus ist für Moskaus Propaganda ein echter Glücksfall. Er dient als pauschale Rechtfertigungs-Rhetorik für jede Art von gewaltsamem Vorgehen, das eigentlich das Völkerrecht und den Zivilisationsgedanken verhöhnt. Und wenn es mal nicht so ganz passt, das mit dem Terrorismus, dann wird die Wahrheit, die vielen Toten und die verbrannte Erde, umgedeutet als gegnerische Propaganda, die sich gegen das russische Volk richtet.

Schon klar, man muss mit Putin reden

Ja, ja, ist alles schrecklich kompliziert zurzeit. Schon klar, man muss mit Putin reden, er hat sich in Syrien zum unverzichtbaren Player auf der Weltbühne zurückgeschossen. Realpolitik bedeutet, immer mit allen über alles zu reden, schon klar, ohne den kleinen, breitschultrigen Kreml-Zaren geht es halt nicht. Er will doch nur mit asymmetrischen  Strategien sein Weltreich restaurieren. Den Iran-Deal hat er doch mitgetragen?! Und überhaupt: Die russische Wirtschaft schmiert ab, die Preise schießen in die Höhe, Devisenreserven sinken mit dem Ölpreis und dem Rubelkurs um die Wette. Die Sanktionen haben den armen Kerl in die Enge getrieben. Und wehe, Putin stürzt, dann wird alles nur noch schlimmer im Riesenreich - Anarchie und Militärputsche am Horizont, ist alles hundert Mal beschrieben worden. Und irgendwie auch alles richtig.

Aber lassen wir all die alternativlosen, unumgänglichen Konferenzen, die ermüdenden Telefonate mit Moskau und die so vage Aussicht auf eine Einigung - irgendwann mal - beiseite. Dann wird dies schnell ein sehr unausgewogener Kommentar. Denn dann trübt sich der nüchterne Blick, packt einen der heilige Zorn, kocht der Furor hoch über diesen selbstgerechten Aggressor, dessen Panzer in der Ost-Ukraine über Leichen rollen, der syrische Dörfer und Städte gnadenlos einäschern lässt und das Abschlachten von Menschen achselzuckend wegsteckt. Die Verhandlungen in Genf über die Zukunft Syriens und seines Diktator-Kumpels Assad interessieren ihn einen Dreck. Ein bisschen mitmachen, um Zeit zu gewinnen. Hauptsache die Flüchtlinge nach Europa bomben, um die EU in die Knie zu zwingen.

Keine Schmutzkampagne ist ihm zu billig

Keine Schmutzkampagne ist ihm dafür zu billig, siehe der Fall der 13-jährige Lisa, die sein schwurbelnder Außenminister Lawrow fast zur Nationalheiligen erhob. Vergewaltigt! Von Flüchtlingen! in Berlin! Man musste schon fürchten, dass Putin wegen dieses Bullshits die Rote Armee in Berlin Marzahn einmarschieren lässt. Die "Heim-ins-Reich"-Diktion hat er sich vermutlich von Hitler abgeguckt und schon sehr erfolgreich in der Krim und Ost-Ukraine umgesetzt.

Und all diese Nationalisten in Europa, die Putin so anhimmeln, von Orban über Pegida und AfD bis Marine Le Pen blenden einfach aus, dass es vor allem ihr Gottvater im Kreml ist, der die Flüchtlinge übers Mittelmeer treibt, jene verzweifelten Menschen, die bei Putins Fans gleichzeitig so verhasst sind! Und während man das so denkt, sieht man Horst Seehofer und dem wiederauferstandenen Edi Stoiber zu, wie sie als Clowns in Putins Manege auftreten. Dabei führt dieser Mann das verlogenste Regime an, dass es im 21. Jahrhundert gibt. Er wird gestützt von einer liebedienerischen Minister-Clique und einer unterwürfigen Duma, deren Abgeordnete sich für keinen Unsinn zu schade sind. Einer wollte gleich eine Atombombe auf die Türkei werfen, nachdem türkische Jäger eine russische Mig abgeschossen hatten. Es blieb dann doch beim Importstopp für türkisches Obst und Gemüse. Aber Hauptsache, man schafft es in die russischen Nachrichten. Dieser gesteuerte Irrsinn macht vor nichts Halt.

Man möchte nur noch wütend sein

Irgendwie hofften wir doch zu Beginn des Milleniums, in ein Zeitalter des globalen Konsens aufzubrechen, der zumindest von Vernunft, den Menschenrechten und der Unverletzlichkeit der Grenzen getragen wird. Der Traum währte nur kurz: Osama bin Laden betrat die Bühne, George W. Bush, die Islamisten und schließlich Wladimir Putin.

Man möchte nur noch wütend sein und weiß aber zugleich, dass Emotionen nicht zum Ziel führen. Aber wenn man die bitteren Bilder der Vertriebenen sieht, die Richtung syrische Grenze um ihr Leben laufen, ist dieses Dilemma kaum auszuhalten. 

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