Auf der Münchener Sicherheitskonferenz wird deutlich, wie sehr sich die USA und die EU voneinander entfernt haben. Die Neustart-Euphorie des vergangenen Jahres ist der Enttäuschung gewichen. Von Katja Gloger

Ein Bild aus besseren Tagen: Hillary Clinton und ihr berühmter Neustart-Knopf© Fabrice Coffrini/DPA
Ach, das waren noch Zeiten. Damals, vor einem Jahr, als alle in Hoffnung schwelgten. Gerade war Barack Obama ins Weiße Haus gezogen, jetzt würde Amerika endlich wieder zum Freund der Welt. Die Emissäre des neuen Präsidenten flogen aus, um die Botschaft von neuer Kooperation zu verbreiten. Engagement war angesagt, ein neues Miteinander. Außenministerin Hillary Clinton nahm gar einen dicken, roten Knopf mit. "Reset" stand da drauf. Neustart.
Damals schickte Obama auch seinen Vizepräsidenten Joe, "The Sheriff" Biden nach Deutschland. Bei der hochkarätigen Sicherheitskonferenz in München vergangenes Jahr warb er mit seinem strahlenden Lächeln und klaren Worten für eine neue Außenpolitik, für eine "Verantwortungspartnerschaft". Dieses Konzept sollte die Prinzipien ausdrücken, an die sich Obamas Regierung künftig halten wolle: gemeinsame Ziele - geteilte Pflichten. Nehmen - und geben. "Deliver" sagen die Amerikaner dazu, liefern.
Kaum jemandem fiel damals auf, dass Barack Obama in seiner Amtsantrittsrede die Europäische Union noch nicht einmal erwähnte. Dass es drei Tage dauerte, bis der neue Präsident überhaupt einmal mit einem europäischen Staatschef telefonierte. Und der hieß nicht Angela Merkel.
Seitdem wurde zwar immer wieder irgendwie auf den Neustartknopf gedrückt, aber in Wahrheit haben sich Europa und die USA in den vergangenen Monaten ziemlich entfremdet. Man ist enttäuscht, genervt, sauer. Obamamania – das war gestern.
Zunehmend macht sich in den europäischen Hauptstädten das Gefühl breit, der Mann im Weißen Haus könne zwar gut reden, aber nicht viel mehr. Viel Stil, wenig Substanz. Schönwettergerede eben, von globaler Führungsmacht nur noch wenig zu sehen. Ein Manager des Niedergangs: Im Nahen Osten scheint Frieden ferner denn je, der Iran werkelt mit Hochdruck an der Bombe, die Klimakonferenz war eine Katastrophe. "Die USA können nicht führen", empörte sich der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen öffentlich. So was hatte man sich noch nicht einmal Bush gegenüber getraut. Zumindest nicht öffentlich.
Die Enttäuschung beruht auf Gegenseitigkeit. In seiner Rede zur Lage der Nation Ende Januar setzte Obama innenpolitische Prioritäten: Jobs und Schuldenbekämpfung. In diesem Jahr stehen wichtige Zwischenwahlen an, eine katastrophale Niederlage seiner Demokraten will Obama nicht riskieren. Die Botschaft war daher: Amerika hat mit sich selbst zu tun. Und tut, was es für richtig hält.
Wie eine Ohrfeige traf die europäischen Staatschefs dann vor wenigen Tagen die kurze Nachricht, Obama werde nicht am EU-USA-Gipfel teilnehmen. Keine Zeit, Terminprobleme, hieß es knapp. So was hatte sich noch nicht einmal George W. Bush getraut.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Obama nicht abgesagt hat, und welche Macht wirklich wichtig ist