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12. Juli 2004, 10:42 Uhr

Die Jagd auf Bin Laden

Auf der Suche nach Osama bin Laden folgen die US-Truppen in Afghanistan einer Doppelstrategie. Sie werben um Vertrauen und setzen Gefangene unter Druck. In blindem Eifer überschreiten sie Grenzen - nicht nur geografisch.

Wolfshunde nennen sich die Soldaten der 25th Infantry Division. Bei der Fahrt durch die karge Gebirgslandschaft im Südosten Afghanistans tragen sie Staubbrillen und Mundschutz© Perry Kretz

Hinter einer Rolle Stacheldraht steht ein Mann mit Vollbart. Er ist nackt. Mit der linken Hand verdeckt er sein Geschlechtsteil. Er sieht nichts. Er muss eine Brille tragen, mit geschwärzten Gläsern. Amir Mohammad, Vater von acht Kindern, ist Afghane.

Vier Soldaten beäugen den nackten Mann, der in einer Ecke ihres Militärlagers steht. Sie sind Amerikaner. Sie reden sich mit "Wolfshund" an. Ihre Einheit, Bravo Company, 3rd Platoon, zählt zu den "Wolfhounds" der 25th Infantry Division aus Hawaii. Hier, im Südosten Afghanistans, sind sie erst seit ein paar Wochen im Einsatz. Ihr Auftrag lautet: ausrücken aus ihrem Stützpunkt bei Orgun, Präsenz zeigen im Grenzgebiet zu Pakistan, Informationen gewinnen bei den vier Stämmen in der Unruhe-Provinz Paktika. Und sie helfen Spezialeinheiten bei der Jagd auf Taliban und Al-Qaeda-Kämpfer. So wollen die US-Militärs das logistische Netzwerk zerstören, das in dieser Region "HVT-1" schützt: Amerikas "Hochwertziel Nummer 1" Osama bin Laden. Der lebt nach der Arbeitsthese von Pentagon und CIA irgendwo entlang der 2430 Kilometer langen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan.

"In den ersten 24 Stunden kein Essen und kein Wasser"

Einer der vier Soldaten zielt auf den nackten Afghanen, den Zeigefinger am Abzug des Sturmgewehrs. Ein anderer tastet mit Plastikhandschuhen dessen Körper ab. Er sagt: "Der Gefangene wird in den ersten 24 Stunden kein Essen und kein Wasser bekommen." Der Soldat heißt Bob Jones, liebt Bodybuilding, wählt Bush und ist Sergeant der US-Army. Jones sagt seinem afghanischen Dolmetscher, er werde den Nackten nun fotografieren.

Der Mann will sich die Brille von den Augen reißen: "In meiner Kultur ist es verboten, Bilder von Nackten zu machen. Ihr dürft das nicht! Wissen eure Vorgesetzten davon?" Jones' kahl geschorener Schädel läuft rot an. "Sag ihm", schreit er zum Übersetzer, "sag ihm, wir wollen sein verdammtes Ding gar nicht sehen. Der soll nicht von seiner fucking Kultur reden, das Foto ist Vorschrift. Sonst behauptet er nachher, wir hätten ihn grün und blau geschlagen." Ein Soldat macht die Bilder. Die Führung der 20.000 US-Soldaten in Afghanistan hat solche Fotos nach dem Folterskandal im Irak verboten "wegen der kulturellen Folgen", ebenso wie Nahrungsentzug. Gleichwohl ist es "Standard Operating Procedure", sagt Sergeant Jones. Der nackte Afghane "ist ja keine Pussy, sondern potenzieller Terrorist".

Jones war dabei, als die "Wolfshunde" am Morgen Amir Mohammads Gehöft stürmten. Die Soldaten scheuchten Frauen und Kinder aus den Unterkünften, durchkämmten Räume und Ställe, suchten mit Metalldetektoren jeden Holzstapel und Heuhaufen ab. Sie fanden Waffen: "Kisten mit 25 Granaten, 400 Schuss Pistolenmunition, eine Kalaschnikow mit vier Magazinen, Sprengstoff - jede Menge Scheiße, Sir!", meldete Zugführer Clint Dodson per Funk in den Befehlsstand. "Genau das Zeug, Sir, für das der Feind Typen wie diesem viel Geld bezahlt."

Wer sind die Guten, wer die Bösen?

Das Problem war nur, dass Amir Mohammad Vizekommandeur einer Miliz ist, die mit den Amerikanern verbündet ist. Die CIA finanziert solche Milizen in Afghanistan. Trotzdem verhaften? Wer sind die Guten, wer die Bösen hier im Grenzgebiet? Lieutenant Dodson bekam das Okay: "Festnehmen!"

24 Stunden später muss er Amir Mohammad wieder freilassen. "Leute, bei denen wir Handgranaten finden, sperren wir normalerweise neun Monate ein", lässt ihm Dodson übersetzen. "Du hast verdammtes Glück." Clint Dodson, 25, kommt aus einem Nest bei Philadelphia, war Football-Star in der High School und ging für vier Jahre an die Militärakademie West Point. Der Hüne spuckt vor dem Afghanen auf den Boden. "Wenn wir bei dir noch mal was finden, rufe ich die A-10-Kampfjets, und ruck, zuck ist dein Hof nur noch Schrott." Dodson dreht sich um und sagt im Weggehen: "Der hat sich heute Nacht den Arsch abgefroren. Der hat seine Lektion gelernt."

Vieles läuft schief bei den Operationen der Amerikaner in Afghanistan. Dabei glaubten die Strategen im Pentagon, sie hätten ihre Lektion gelernt aus den Pleiten bei der Jagd auf bin Laden. In seiner Bretterbude im Hauptquartier der "Wolfshunde" in Orgun beschreibt Lieutenant-Colonel Walter E. Piatt Amerikas Strategiewechsel: "Wir haben jetzt begriffen, dass wir dauerhaft Stabilität schaffen müssen für die Menschen in Provinzen wie Paktika. Nur so können wir bin Laden und seine Verbündeten bekämpfen. Er braucht Instabilität, um Zuflucht zu finden. Unsere Gewehrläufe schaffen höchstens vorübergehend Sicherheit. Wir brauchen die Kooperation der Stammesältesten und helfen ihnen darum, neue Brunnen, Schulen, Straßen zu bauen. Die Herzen und Hirne der Menschen können wir hier nicht gewinnen, aber sie müssen anfangen zu glauben: Hey, die Amerikaner bleiben hier und helfen, damit unsere Kinder lesen und schreiben lernen. Nur so brechen wir einen Stein aus der großen Mauer um bin Laden."

50 Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt

Schwer bewaffnete Soldaten als Botschafter des guten Willens - kann das funktionieren? Natürlich weiß Colonel Piatt, dass sich bin Ladens Gefolgsleute und die mit ihm verbündeten Taliban Amerikas hochgerüsteten Militär-, Spionage- und Abhörapparats mit klassischer Guerillataktik erwehren. "Der Feind ist unsichtbar, wenn er unsichtbar sein will. Er mischt sich unters Volk. In Afghanistan ist die Todesrate bei US-Soldaten, gemessen an der Truppenstärke, höher als im Irak." Trotz Spitzentechnologie, trotz brutaler Verhöre, trotz der größten und teuersten Menschenhatz, die es je gab, hat Präsident Bush seine "tot oder lebendig" ersehnte Trophäe nicht bekommen. Auf bin Ladens Kopf sind inzwischen 50 Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt.

"Der Feind ist äußerst geschickt", sagt ein Captain in Piatts Bataillon. Paul Hernandez aus Austin, Texas, hat einen Fortgeschrittenen-Lehrgang für "Military Intelligence" abgeschlossen. "Die Fähigkeit des Feindes, sich neuen Gegebenheiten anzupassen, ist einfach phänomenal", sagt er. "Wenn wir was Neues machen, ändert er sofort die Taktik." Der Feind besitzt Satellitentelefone, Nachtsichtgeräte und Hunderte Honda-Mopeds. Das Geld kommt aus Pakistan und Arabien. Für ein Bombenattentat zahlt er 850 Dollar, für einen toten Zivilisten das Doppelte und 2600 Dollar für einen getöteten GI.

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