Die kapitalistischen Kommunisten

17. Juli 2008, 14:00 Uhr

Anlässlich der Olympischen Spiele stellt stern.de den Giganten China mit all seinen Widersprüchen in einer Serie vor. Im ersten Teil: Wie das Land den Gegensatz zwischen Kommunismus und Kapitalismus praktisch aufhebt. Von Adrian Geiges, Peking

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Mit Samthandschuhen wird Mao noch immer angefasst. Trotz oder weil sein Erbe glänzt wie nie©

Ostberlin, 1989: Das Politbüro tagt unter Vorsitz des neuen Generalsekretärs Egon Krenz. Seine Analyse: Die Leute wollen uns nicht mehr, weil es keine Bananen gibt und man jahrelang auf ein Auto wartet. Seine Schlussfolgerung: Wenn die SED an der Macht bleiben will, muss sie die Marktwirtschaft einführen. Vor allem braucht die DDR harte Devisen für neue Investitionen, und die können nur von Konzernen aus der BRD kommen. Wir bieten Siemens ein Joint Venture mit VEB Robotron an.

In Potsdam bilden wir eine Wirtschaftssonderzone, in der Westberliner Unternehmen mit DDR-Löhnen produzieren. Wenn das klappt, dehnen wir das Experiment auf das ganze Land aus. Die alten Kämpfer sind empört. "Das ist Ausbeutung des Menschen durch den Menshen", schreien sie. "Dafür haben wir nicht gekämpft." Aber viele jüngere, pragmatisch denkende Funktionäre sind begeistert, sehen darin eine Perspektive für ihr Land - und für sich selbst.

2008, Geburtstagsparty des Sohns von Egon Krenz. Von Gerhard Schröder bis zu Udo Walz ist alles da, was in Deutschland Rang und Namen hat. Krenz junior sitzt im Aufsichtsrat der Ost-Ableger von Mercedes, BMW und BASF. Denn gute Verbindungen zum "Alten", wie sein Vater zärtlich genannt wird, sind wichtig. Die DDR hat in der Wirtschaft einen guten Ruf: Deutsche Qualitätsarbeit bei niedrigen Löhnen, keine Bürgerproteste, keine freien Gewerkschaften, keine Streiks, schnelle Entscheidungen. "Wie die den Transrapid von Ostberlin nach Leipzig durchgedrückt haben, das war schon eine Glanzleistung", sagt einer der Herren grinsend. "Wenn ein Haus im Weg stand, wurde es einfach abgerissen, da wird hier nicht lange gefackelt."

Ein absurdes Szenario? Nun, so absurd wie die Realität. Ersetzt man SED durch Kommunistische Partei Chinas, Krenz senior durch Deng Xiaoping und Krenz junior durch "Prinzling" (so heißen in China die Söhne und Töchter der Politbüromitglieder), dann stimmt es. Die ausländischen Unternehmen sind ungefähr die gleichen.

Kapitalismus unter Führung der KP, das ist auch in China ein Widerspruch in sich. Mit Marx und Mao hat das nichts zu tun - wozu braucht man dann noch die rote Partei? Sie hat Probleme, sich selbst zu rechtfertigen. Ihre Ideologie war der Klassenkampf. Sie kam in einem blutigen Bürgerkrieg an die Macht. Danach tötete sie Millionen "Feinde". Jetzt sind die Kapitalisten wieder da. Starben die Opfer umsonst?

Aus Kommunisten werden Nationalisten

Die Partei versucht heute, sich als nationalistische Kraft neu zu erfinden. Das ist ein schwieriger Spagat, denn in der Geschichte waren die Nationalisten von der Guomindang (heute Regierungspartei in Taiwan) die Gegenspieler der Kommunisten. Doch auch hier gilt das Motto von Bill Clinton: "It’s the economy, stupid." Obwohl der Gegensatz zwischen Arm und Reich wächst und lokale Unruhen ausbrechen: Fast allen Chinesen geht es heute deutlich besser als früher, bei den meisten stieg der Lebensstandard von Jahr zu Jahr. Solange das so war, machten sich nur wenige Gedanken über die Partei.

Das auch deshalb, weil der neue Wohlstand viele persönliche Freiheiten gebracht hat: Chinesen reisen ins Ausland oder studieren dort, bauen sich Häuser oder feiern in Nachtklubs. Längst nicht alle natürlich, in Wahrheit eine Minderheit. Aber genau die, ohne die eine Erhebung gegen die Parteidiktatur kaum vorstellbar ist - die Jungen, die Intellektuellen, die Großstädter. Das chinesische Wort für sie ist "xiaozi", "Kleinbürger", eine Klasse, die es noch vor wenigen Jahren überhaupt nicht gab. Heute ist "Kleinbürger" ein Modewort, jeder möchte einer sein. Kleinbürger, so das Image, essen in den edelsten Restaurants, tragen die schicksten Klamotten und sehen die heißesten Filme. Mao klagte einst: "Der Schwanz des Kleinbürgers ist noch nicht vollständig abgehackt." Heute sind die Kleinbürger die wichtigste Stütze der Kommunistischen Partei.

Aber vielleicht nicht mehr lange. Auch in China fallen die Aktienkurse, eine Katastrophe in einem Land, in dem viele aus dem neuen Mittelstand ihr gesamtes Vermögen an der Börse angelegt haben. Der Kommunist Bertolt Brecht schrieb einst: "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Die Kommunisten in China dagegen hoffen darauf, dass die Aktien wieder steigen. Anderenfalls wird ihre Partei so enden wie die SED.

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KOMMENTARE (10 von 22)
 
blackview (19.07.2008, 04:19 Uhr)
ganzbaf
Habe noch nie wirklich Millionäre oder Aktionäre randalieren sehen.
dachte mehr an Leute, die Steine , Farbbeutel und Brandsätze werfen.
Diese nehmen die Verletzung, ja sogar den Tod der Beamten in kauf.Wenn die ersten von denen, das Panzerkettenmuster auf dem Rücken haben, würde bei den anderen ganz schnell Ruhe einkehren.
ganzbaf (18.07.2008, 09:16 Uhr)
"Genau so sollten wir...
gegen autonome Randalierer vorgehen."
---
Meinst du damit Aktionäre und Millionäre?
.
Ich find ja auch, dass es da viel zu viel Wirtschafts- und Kapitalterrorismus gibt... ;-Pp
whismerh2 (18.07.2008, 08:32 Uhr)
@eltalein
Ich kenne diese Videos, einfach nur erschreckend und abstossend.
Keine Ahnung was in Menschen vorgeht
die sowas machen, im Prinzip müssten sie es am eigenen Leibe erfahren.
Hier spiegelt sich auch wieder diese
Verlogenheit der Politik wieder.
Alle sprechen sich für einen besseren Tierschutz aus, aber tollerieren so eine Quälerei.
Ich für meinen Fall werde mir die Olympia nicht anschauen und werde wie Herrr Morbach mir ein brutales Bild aus dem Netz ziehen, und mit einem dementsprechenden Spruch an die Rückscheibe von meinem Auto kleben.Ist mirt scheissegal ob sich dadurch jemand gestört fühlt.
Ich bin teilweise mit Hunden groß geworden und bekomme bei diesen Bildern eine scheiss Wut.
Wenn ich so eine Tierquälersau mal in einer dunkelen Ecke begegnen würde, wüsste ich nicht ob ich mich zurückhalten könnte.
blackview (18.07.2008, 06:31 Uhr)
Der
Verteilungskampf um Rohstoffe hat noch nicht begonnen.Desweiteren kann das riesige Land seinen Binnenmarkt aufbauen, unsere Konzerne werden dabei behilflich sein.Die Welt wird von Diktaturen regiert. Zum einen die Diktatur des Kapitals, zum anderen die Geiz iss Geil Diktatur.Man kann nur hoffen, das sich im Zuge der immer knapper werdenden Rohstoffe,die Globalisierung "totlaeuft" und wieder lokal produziert wird.China ist auf Grund der Herrschaftsstruktur stark genug, das System zu erhalten.Die vielzitierten Panzer waren nur eine strikte Vorgehensweise , um die geltenten Gesetze anzuwenden.Versammlungsverbot war ausgesprochen und die Leute haben sich nicht daran gehalten. So, warum das Leben von Polizisten auf's Spiel setzen. Die Raeumung des Platzes mit gut geschuetzten Beamten, kann man nur befuerworten.
Genau sollten wir gegen autonome Randalierer vorgehen.
blackview (18.07.2008, 06:19 Uhr)
eltalein
In Europa werden Tiere gequaelt
es werden Sonderregelungen fuer Glaubensgemeinschaften erlassen, bei denen Tiere auf bestialische Weise geschlachtet werden duerfen.
Nun kaempfen sie erst mal hier und bringen hier ( vor der eigenen Tuer) alles in Ordnung und dann koennen sie sich um den Rest der Welt kuemmern.
ganzbaf (18.07.2008, 00:09 Uhr)
Gekaufte Ex-Stalinisten
= Schina
Progreso (17.07.2008, 21:09 Uhr)
@nightmare-online
Ihr Kommentar drückt die ganze Misere aus! Leider gibt es immer noch zu viele menschenverachtende Anhänger und dumm-blinde Massenmitläufer dieser verbrecherischen neoliberalen Friedman-Clique, auch und gerade hier in Südamerika!
Wenn wir, gegen alle Widerstände dieser rücksichtlosen Lumpen-Elite, wirklich eine bessere Welt für ALLE wollen, dann nur über eine andere Wirtschaftsordnung wie sie Silvio Gesell bereits vor 100 Jahren entworfen hat:
Siehe Silvio Gesell,'Die natürliche Wirtschaftsordnung', Argentinien-Schweiz, 1891-1916.
Ansonsten wird es so zappenduster kommen wie bei Oswald Spengler beschrieben: 'Der Untergang des Abendlandes', Wien-München, 1918-1922.
ohne_Placebo (17.07.2008, 20:58 Uhr)
Meine drei Wirtschaftshauptsätze: :-D
Wedekindschen Wirtschafts-Hauptsätze:
1. Hauptsatz:
Korruption ist Kapitalismus in seiner reinsten Form.
2. Hauptsatz:
Da Kommunismus nur durch Korruption überlebt, ist auch er nur eine Sonderform des Kapitalismus.
Dies wurde in mehreren großen Experimenten belegt.
3. Hauptsatz
Für den Sozialismus gilt das gleiche wie für den Kommunismus.
eltalein (17.07.2008, 19:09 Uhr)
China Olympiade ist ein Witz....
weil China die Kriterien eben nicht erfüllt hat, sogar noch schlimmer geworden ist.
Doch die Geld-Lobby von vielen Firmen hat an Menschenrechten und grausam gequälter Tiere kein Interesse,..die ganze Olympiade ist eine große Sauerei.
eltalein (17.07.2008, 18:31 Uhr)
Es geht doch nur um`s Geld.......
Es ist einfach unfassbar, in einem Land wo die eigenen Menschen wegen Meinungsfreiheit gefoltert werden, wo Tiere grausam gequält werden, ein Land, dessen Regierung den Völkermord in Darfur mit Waffen und Geld unterstützt, die UN im Sicherheitsrat daran hindert, das Morden und Vergewaltigen in Darfur zu beenden........

in so einem Land findet 2008 die Olympiade statt. Außenminister Steinmeier von der SPD möchte von Kritik an China nichts wissen.
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