Geheimsache "Arctic Sea"

16. September 2009, 20:40 Uhr

Was ist auf der gekaperten "Arctic Sea" geschehen? Schmuggelte der Frachter Waffen? Weshalb die Geheimniskrämerei Moskaus? Allein die Gerüchte bieten genug Stoff für einen Agententhriller. Von Andreas Albes, Moskau

Arctic Sea, Russland, Waffen, Piraten

Wochenlang war sie verschwunden, nun ist die "Arctic Sea" auf dem Weg ins Schwarze Meer©

Das letzte Mal, dass Viktoria Schumik von ihrem Mann hörte, war vergangene Woche. Das Telefonat dauerte nur wenige Sekunden und kam irgendwo von den Kanarischen Inseln. "Mach dir keine Sorgen", sagte ihr Mann. "Mir geht es gut. Komme bald nach Hause." Dann knackte es in der Leitung. Was "bald" bedeutet, Viktoria Schumik weiß es nicht. Ihr Mann ist Chefingenieur des geheimnisumwobenen Frachters "Arctic Sea" und eines von vier Besatzungsmitgliedern, die noch immer an Bord ausharren. Die "Arctic Sea" wird derzeit von einem russischen Schlepper in den Schwarzmeerhafen Noworossijsk gebracht. Mit jedem Tag, den die Fahrt dauert, werden die Gerüchte, um das, was auf dem Schiff geschah, undurchschaubarer. Die Wahrheit scheint in einem Dickicht aus Spekulationen unterzugehen.

20 Geheimdienste sind in die Affäre um den am 24. Juli entführten Frachter verwickelt. Wochenlang war er wie vom Erdboden verschluckt, bevor er am 17. August von der russischen Marine vor den Kapverden aus der Hand von Piraten befreit wurde. Eine Version lautet, der israelische Mossad hätte die Entführung organisiert, denn an Bord seien S-300-Raketen geschmuggelt worden, die russische Militärs an den Iran verkaufen wollten. Teheran ist schon lange scharf auf diese Waffe; sie würde den iranischen Luftraum undurchdringbar für Kampfjets des Erzfeindes Israel machen. Die Russen hatten dem Iran schon 2007 die Lieferung von S-300-Raketen versprochen, doch das Geschäft nach internationalen Protesten aufgeschoben.

Netanjahu in geheimer Mission in Moskau

Vergangenen Montag war Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in geheimer Mission in Moskau, um Wladimir Putin zu treffen. Er benutzte keine Regierungsmaschine, sondern einen Privatjet. Als der Kurztrip aufflog, mutmaßten israelische Medien sofort über ein "Arctic-Sea"-Geheimtreffen. Der Kreml dementierte. Die ganze Raketengeschichte sei eine "große Lüge", sagte Außenminister Lawrow. Überhaupt hatte die "Arctic Sea" nach russischen Angaben "Holz und nichts weiter als Holz" geladen.

In der Tat wäre es schwer - wenn auch nicht unmöglich - solche Raketen in der "Arctic Sea" zu verstecken. Mit 98 Metern Länge und 17 Metern Breite ist der Frachter verhältnismäßig klein. Eine S-300 wiegt inklusive Abschussvorrichtung, ohne die sie unnütz ist, 2,8 Tonnen. Den Verdächtigungen zufolge sollen die Raketen in der Werft von Kaliningrad, wo das Schiff im Juli generalüberholt wurde, in Zwischenwänden eingeschweißt worden sein. Anschließend fuhr der Frachter in den finnischen Hafen Jakobstad und lud Holz, das er nach Algerien transportieren sollte. Für die Raketentheorie spricht, dass er nach Zeugenaussagen extremen Tiefgang hatte.

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