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21. Januar 2010, 17:38 Uhr

"Wir haben argumentativ gesiegt"

Zehn Jahre Kampf gegen die Globalisierung. Im stern.de-Interview spricht Attac-Mitglied und CDU-Mann Heiner Geißler über außerparlamentarische Opposition und den Kampf auf der Straße.

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Schließt soziale Unruhen in Deutschland nicht aus: Heiner Geißler© Rolf Vennenbernd/DPA

Herr Geißler, Attac wird zehn Jahre alt. Braucht Deutschland überhaupt eine außerparlamentarische Opposition?
Ich glaube, dass bei der wachsenden Bedeutung der Zivilgesellschaft die politischen Parteien allein nicht mehr in der Lage sind, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Das müssen die politischen Parteien natürlich auch tun, aber sie brauchen die Verbindung und den argumentativen Austausch mit wichtigen Organisationen der Zivilgesellschaft. Dazu gehört Attac mit Sicherheit, Amnesty International, Greenpeace, aber auch die evangelische Diakonie oder die katholische Caritas.

Sie sind seit knapp drei Jahren bei Attac. Wie sieht Ihr Resümee für diese Zeit aus?
Einerseits hat Attac ja Erfolg gehabt. Ich will mal so sagen, wir haben argumentativ gesiegt, auch in der globalen Auseinandersetzung. Attac ist ja die Abkürzung für association pour une taxation des transactions financières pour l'aide aux citoyens (deutsch: Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen. die Red.). Das heißt, Attac ist gegründet worden, um die Einführung einer internationalen Finanztransaktionssteuer durchzusetzen. Dafür trete ich schon seit langer Zeit ein. Man ist immer wieder ausgelacht worden von Wirtschaftsprofessoren und Wirtschaftsjournalisten, die das nicht kapiert haben. Jetzt ist diese Reform international eine wichtige Forderung. Attac hat insofern einen Sieg in der intellektuellen Auseinandersetzung errungen.

Angesichts der Krise hat sich Bundeskanzlerin Merkel genau diese Forderung, nämlich eine Steuer auf Transaktionen auf den Finanzmärkten, auf die Fahnen geschrieben. Glauben Sie, dass da jetzt was draus wird?
Es läuft ja mehr unter dem populären Namen "Börsenumsatzsteuer", aber diese Steuer, wie die SPD sie vorschlägt, auf rein nationaler Ebene, wird nicht viel bringen. Das könnte man relativ leicht beschließen. Man braucht, wenn die Sache wirksam sein soll, eine internationale Vereinbarung, vor allem der großen Industriestaaten. Die G20-Staaten haben das vor einem halben Jahr auch so gesehen, die einzigen, die sich noch dagegen sperren, sind die Vereinigten Staaten und die Kommunisten aus China. Diesen Widerstand müsste man überwinden und dann könnte man eine solche internationale Steuer einführen, die erhebliche Vorteile hätte.

Wer ist für Sie "das Gesicht der Krise"?
Das kann man nicht auf eine Person reduzieren. Es sind vielleicht 50.000 Broker, Ratingagenten und Investmentbanker. Viele tun so, als ob gar nichts passiert wäre. Und deswegen muss Attac aktiv bleiben, denn in den kommenden Jahren bahnt sich ja eine neue Krise an. Die Bombe, die da scharfgemacht wird, liegt eben darin, dass die Spekulationen weitergehen, besonders kriminell mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln wie Zucker, Getreide, Mais, Reis, aber auch Öl. Und durch die Spekulationen werden die Weltmarktpreise nach oben getrieben, was natürlich die Armut, beispielsweise in den südamerikanischen Ranchos und Favelas, verstärkt.

Was kann der Einzelne tun, um eine globale Regulierung der Finanzmärkte zu bewirken und künftige Krisen zu vermeiden?
Der Einzelne kann zum Beispiel Mitglied von Attac werden, er kann auch bei den Wahlen die richtige Partei wählen, die sich für diese Ziele einsetzt.

Welche wäre das zum Beispiel?
In dem Fall die CDU. Die SPD schlägt es auch vor, aber eben auf nationaler Ebene, das wird nicht funktionieren. Oder er gründet selber eine Partei. Die Mitwirkungsmöglichkeiten in einer Demokratie sind vielfach.

Zur Person Heiner Geißler ist deutscher Sozialpolitiker und Parteifunktionär. Von 1977 bis 1989 arbeitete er als CDU-Generalsekretär, in den Jahren 1982 bis 1985 war er Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit.

Im Mai 2007 trat Geißler dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac bei, um an einer humanen Gestaltung der Globalisierung mitwirken zu können.

Seite 1: "Wir haben argumentativ gesiegt"
Seite 2: Die Gefahr von sozialen Unruhen
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
ganzbaf (23.01.2010, 21:22 Uhr)
Geißler...
neben Ströbele der einzige intergere Politiker etablierter Partei mit Sachverstand.

Beide leider ohne großen Einfluss.
knilch_59 (23.01.2010, 21:06 Uhr)
Heiner Geißler und ATTAC
Welch wundersame Wandlung dieser Mann persönlich durchgemacht hat, seit er nicht mehr zum Hofstaat des Helmut Kohl gehörte. Schön, dass man nie auslernt, Schade, dass er persönlich so eine lange Zeit bis zu Ansätzen von Vernunft und Erkenntnis gebraucht hat.
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Er ist mindestens Mitläufer der geistig-moralischen Wende hat maßgeblich zu den heutigen Verhältnissen beigetragen. Der Grundstein wurde Anfang der 80er gelegt: Thatcher, Kohl, Reagan, ... Der Glaube an immer währendes Wachstum, indem man die Finanzmärkte liberalisiert, wurde damals begründet.
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Und auch heute, mit seiner Mitarbeit bei ATTAC, spielt er nicht die richtige Karte: Immer auf die globale Lösung warten zu wollen, beinhaltet ein gutes Maß an Scheinheiligkeit, weil klar ist, dass damit immer nur der kleinste gemeinsame Nenner umgesetzt wird. Vie richtiger wäre kosequentes Vorgehen, indem man global denkt, aber lokal agiert: Was sollte Deutschland heute tun, ohne das große Ziel aus den Augen zu verlieren. Unsere Antworten und Möglichkeiten unterscheiden sich nun mal von denen der Brasilianer!
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Aber damit spielt er natürlich auch dem Merkeln in die Hände! Dem konsequenten Nichtstun bei gleichzeitiger Erzeugung von Luftblasen.
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Wir brauchen nicht auf die globale Transaktionssteuer zu warten. Wir können schon heute die Finanzmärkte an die Kette legen, indem wir aufhören alle Banken und alle Guthaben dort zu schützen. Die anderen Länder sind auf uns angewiesen, weil unsere überschüssigen Sparguthaben rund um den Globus wandern, um Zinsen zu erwirtschaften. Geld, das zum Zocken verwendet wird, mit staatlichen Garantien zu unterlegen, war einer der Konstruktionsfehler der Bankenrettung, ließ sich aber in der Hektik des Herbst 2008 nicht anders bewerkstelligen.
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Insofern ist der proklamierte "argumentative Sieg" schlicht nichts wert. Reine Rechthaberei ohne Auswirkung auf die Politik. Vergeudete Zeit, schade um den Aufwand!
vegefranz (23.01.2010, 11:08 Uhr)
autoreifen kaputt stechen und brandsätze werfen - tolle "Argumente"


autoreifen kaputt stechen und brandsätze werfen - tolle "Argumente"

petermeyer (23.01.2010, 10:53 Uhr)
ein kluger kopf
der geissler, schade das die so selten geworden sind...

geissler und blüm rechne ich hoch an , das sie zu allen zeiten ihre meinung vertreten haben und nicht ihr fähnlein in den wind drehen.

blüm ist ja genauso von teilen der presse niedergemacht worden , wegen "die rente ist sicher" - die übliche häme der "neoliberalen "-die am liebsten auch noch die rente komplett auf privatvorsorge umstellen würden - die fdp ist und bleibt ne lobbypartei - wie wir ja gerade bei gesundheitsminister rößler sehen können . man gibt es den apotherjkern und der pharmalobby und nimmt es den millionen versicherten ...pfui.....
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