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Interview

Was wollen denn Homosexuelle in der AfD?

Homosexuelle und die AfD - das scheint so gar nicht zusammenzupassen. Doch es gibt sogar eine aktive Bundesinteressengemeinschaft. Ihr Vorsitzender hat dem stern erklärt, was Homosexuelle bei den Rechtspopulisten wollen.

BIG Homosexuelle AfD

Die AfD fällt nicht gerade durch ihren Einsatz für die Rechte von Homosexuellen auf - im Gegenteil. Die Bundespolitiker der Rechtspopulisten äußern sich bislang lieber homophob; auch die Ehe für alle lehnt die Partei strikt ab. Dass es eine Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD gibt, wirkt da beinahe befremdlich; die Kampagnen der schwuLesBischen AfD-Politiker muten bizarr an, wie Realsatire. Der stern hat mit Mirko Welsch, einem der beiden Vorsitzenden der BIG (Bundesinteressengemeinschaft) Homosexuelle der AfD gesprochen, um zu erfahren, was Schwule und Lesben eigentlich bei den Rechtspopulisten wollen.

Herr Welsch, aktuell werden die Äußerungen Ihres Kollegen aus Nordrhein-Westfalen, Adrian Ochmanski, im Netz verbreitet und verspottet, weil man das für Satire hält: eine Interessensgemeinschaft Homosexuelle in der AfD. Wie erklären Sie sich das?

Dass man das für Satire hält, zeigt mal wieder das Bild, das jeder in offenbar von uns Schwulen und Lesben hat: dass Homosexuelle immer Linke, Grüne oder die FDP wählen müssten. Das ist aber Unsinn. Es gibt auch konservative Homosexuelle.

Woher kommt dieses Bild denn Ihrer Meinung nach?

Das kommt von den Berufsfunktionären aus unserer Mitte, also der Homosexuellen. Gehört werden ja häufig nur die großen Interessensverbände, etwa der LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschland), die meisten Funktionäre sind da ja links/grün. Leider wird meist nur über die AfD geredet und nicht mit ihr, die sagen, wir seien die Bösen. Dabei könnte man doch miteinander sprechen.

Weil Sie für die gleichen Ziele für Homosexuelle kämpfen?

Wir haben ja nicht genau die gleichen Ziele - wir sind zum Beispiel gegen Sexualkundeunterricht in der Grundschule; das ist eine Frühsexualisierung, die wir ablehnen. Aber wir sind homosexuell und politisch engagiert - wie ja auch der LSVD. Da kann man doch mal miteinander reden. Aber die Homosexuellen der werden bewusst ignoriert, weil das nicht zum Weltbild der Menschen passt, dass wir homosexuell sind und uns aber trotzdem zum traditionellen Familienbild bekennen - das Vater-Mutter-Kind-Modell ist die Keimzelle unserer Gesellschaft. Trotzdem setzen wir von der Interessensgemeinschaft für Homosexuelle uns auch dafür ein, dass Alleinerziehende, Patchwork- und Regenbogenfamilien nicht länger benachteiligt werden.

Mirko Welsch ist 39 Jahre alt, Bürokaufmann und lebt in Saarbrücken mit seinem Partner. Ehrenamtlich ist er tätig als Vorsitzender des Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD. Darüber hinaus ist er stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD Saarbrücken und Bezirksrat in Dudweiler.

Mirko Welsch ist 39 Jahre alt, Bürokaufmann und lebt in Saarbrücken mit seinem Partner. Ehrenamtlich ist er tätig als Vorsitzender des Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD. Darüber hinaus ist er stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD Saarbrücken und Bezirksrat in Dudweiler.

Aber sind Sie denn nicht dafür, dass Sie Ihren Partner heiraten dürfen?

Mein Mann und ich sind jetzt seit zehn Jahren zusammen und sind bisher auch so glücklich. Das ist natürlich auch eine persönliche Frage. Die AfD hat sich ja aber stets zu der Eingetragenen Lebenspartnerschaft bekannt und auch zur Stiefkindadoption. Sie ist bloß gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle. Ich weiß, dass wir da noch einige Bretter zu bohren haben. Aber wir haben mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft heute schon viel mehr Rechte als zu der Zeit, zu der Gerhard Schröders Regierung sie eingeführt hat. Inzwischen haben wir ja auch eine steuerliche Gleichberechtigung. Das aber haben wir nur den aufrichtigen Schwulen und Lesben zu verdanken, die das in Karlsruhe eingeklagt haben.

Aber es ist eben noch immer nicht der zwischen Mann und Frau gleichgestellt. 

Wir sind ja auch für gleiche Rechte! Aber muss es denn gleich Ehe heißen? 

Sie setzen sich also doch für eine absolute Gleichstellung ein, die nur sprachlich unterschieden wird?

Ja.

Müssen Sie sich nicht ständig den Vorwurf anhören, dass Ihre Gruppe nur dazu da ist, die AfD für die Kritiker weniger homophob wirken zu lassen?

Das wird uns von Homo- und Heterosexuellen manchmal vorgeworfen, ja. Wir haben durchaus Einfluss in der Partei. Wir sind homosexuell und treten auch für unsere Rechte ein.

Wie reagieren die anderen Parteimitglieder der AfD auf Sie?

Als wir uns 2014 gegründet haben, gab es auch Ablehnung innerhalb der AfD. Man wusste teilweise nicht mit uns umzugehen. Die dachten, da kommt jetzt ein grünes trojanisches Pferd. Aber dann haben wir unsere Arbeit aufgenommen und die sahen: Ach so, die sind ja auch konservativ, die unterstützen das traditionelle Familienmodell und die haben die gleichen Ansichten, was Asyl und Einwanderungsgesetze angeht. Da waren die meisten schon beruhigt.

BIG Homosexuelle AfD


Wie kam Ihre Gruppe zustande?

Gegründet haben wir die Interessengemeinschaft eigentlich mit dem Ziel, die AfD in Schutz zu nehmen und zu zeigen: Die Partei ist nicht schwulenfeindlich, es gibt uns Homosexuelle in der AfD! Dann haben wir begonnen, das Programm der AfD auch Homosexuellen nahezubringen. Und jetzt sind wir so weit, dass wir auch Forderungen an die AfD stellen.

Welche?

Zunächst einmal wollen wir einen anderen Umgang mit Homosexuellen bewirken und homophoben Äußerungen entgegentreten. Wir wollen einen Wertekanon für die AfD beschließen. Das heißt, dass Aussagen, die ins Homophobe gehen, die ins Antisemitische gehen - was wir ja auch schon hatten - das geht einfach nicht. Wir haben direkt gesagt: Wir müssen hier hart durchgreifen. Wir dürfen einen rechtskonservativen Flügel haben in der Partei, das begrüße ich auch. Aber wenn wir eine konservative Volkspartei werden wollen, dürfen wir nicht zulassen, dass Politik auf Kosten von Minderheiten betrieben wird.

Was sind das für Leute, die schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell sind und die AfD wählen?

Das sind konservative Schwule, Lesben, Bi- oder Transsexuelle. Die lehnen eine Zuspitzung der Toleranzforderung, wie sie etwa von den Grünen betrieben wird, ab. Es ist ja inzwischen so weit, dass die traditionelle Familie abgewertet, ja sogar verhöhnt wird.

Ach? In der Homosexuellenbewegung geht es doch einfach darum, dass jeder jeden lieben und auch heiraten darf.

Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir Homosexuellen in diesem links-grünen Lager nur unterstützt werden, wenn wir mit ihnen zusammen in ein Horn blasen. Das passt offenbar nicht in deren Weltbild, dass ein Homosexueller sich für die AfD engagiert. Ich bekomme oft sehr unschöne Nachrichten, sogar Morddrohungen, der Adrian Ochmanski ebenfalls.

Adrian Ochmanski setzt sich auf Facebook etwa für die Homo-Ehe ein, die die AfD in ihrem Grundsatzprogramm ablehnt. 

Wir sagen ja auch nicht zu hundert Prozent das, was unsere Partei sagt. Wir als Homosexuelle in der AfD setzen uns natürlich für vollkommene Gleichstellung von Eingetragener Lebenspartnerschaft und Ehe ein. 

Aber es gibt nicht selten homofeindliche Äußerungen vonseiten der AfD. 

Ja, das ist so, und das sehen wir auch, und da müssen wir dringend Aufklärungsarbeit betreiben. In der AfD gibt es wie in jeder Partei, wie auch in jeder Redaktion und an jedem Arbeitsplatz, immer ein paar, die in dem Bereich auf ihre ablehnende Haltung beharren.

Wie bewerten Sie den offiziellen Umgang der Bundes-AfD mit Homosexualität, etwa die Äußerungen von Frauke Petry

Frau Petry hat gerade erst wieder gesagt, dass die AfD zur Eingetragenen Lebenspartnerschaft und auch zur Stiefkindadoption steht. Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Parteikollegen auf Landesebene mal mit uns reden würden, bevor sie ihr Wahlprogramm schreiben. Da hapert es eben an der Kommunikation. Im Saarland habe ich deswegen auch schon auf den Tisch gehauen. Ich halte da einige Verantwortliche für homophob.

Fühlen Sie sich jetzt ernst genommen innerhalb der AfD?

Ja. Ich spreche mit verschiedenen Landesverbänden und war unter anderem sogar bereits eingeladen bei Herrn Höcke in der Fraktion. Wir müssen da aber noch lauter werden. Diese Entwicklung, die wir durchmachen, muss man uns auch zugestehen, wir sind ja alle ehrenamtlich tätig.


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