Laut einer Umfrage ist die CSU in der Wählergunst auf 44 Prozent abgesackt. Die Zahl belegt einen Trend: Jahrzehntelang kannte die Partei nur absolute Mehrheiten. Doch jetzt entgleiten ihr die Menschen, die neue Führung reagiert hilflos. stern-Reporter Tilman Gerwien hat beobachtet, wie der letzte große Mythos der deutschen Politik ins Wanken gerät.

Skeptische Blicke vor dem Alpenpanorama: Ministerpräsident Günther Beckstein als Redner im Bierzelt in München-Fürstenried© Bert Heinzlmeier
Manchmal funktioniert es noch, das CSU-Gefühl. "Der Beckstein und ich, wir machen seit 40 Jahren zusammen Politik", brüllt Peter Gauweiler in das weiß-blaue Festzelt in München-Fürstenried. "40 Jahre, das sind nur sieben Jahre weniger als Fidel Castro! Aber wir beide sehen immer noch besser aus als der!"
Bierkrüge donnern gegeneinander, es stimmt irgendwie alles, der Schweinsbraten schmeckt, die Knödel auch, die Blaskapelle spielt, man hockt auf langen Bänken. Gauweiler, ein "echter Hund", wie sie hier sagen, hat sich zuvor mit einer Maß Bier gestärkt. Er stand ganz hinten, an der Spülküche beim Personal, hat seine Maß in die Höhe gestemmt und gerufen: "Jetzt betrink i mi!"
Aber dann redet Günther Beckstein. "Ich wohne in Nürnberg-Langwasser! Das ist kein Prominentenstadtteil! Meine Kinder sind auf eine Schule gegangen, die hatte einen hohen Ausländeranteil." Dabei schaut er etwas ängstlich auf die Biertische.
Macht erst mal nichts, alle stehen jetzt auf und singen das "Lied der Bayern": "Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland! Über Deinen weiten Gauen ruhe seine Segenshand!"
Es ist alles ein wenig lächerlich und kurios. Aber man spürt in solchen Momenten doch auch ein gewisses wehmütiges Ziehen in der Brust. Ja, es ist lächerlich und kurios. Aber: Groß ist es auch.

"Jetzt betrink i mi!" Peter Gauweiler (l.) und Günther Beckstein heben eine Maß© Bert Heinzlmeier
Nur die ängstlichen Augen des Günther Beckstein, die kann man schwer vergessen.
Was ist das für eine Partei? Und was ist eigentlich mit ihr los? Seit 45 Jahren regiert die CSU Bayern mit absoluter Mehrheit, derzeit sogar mit zwei Dritteln der Mandate im Landtag. Sie ist die letzte wirkliche Volkspartei in Europa - eine sieggewohnte Machtmaschine, die in den Dimensionen eines Fidel Castro denkt. Allein im Bezirk Oberbayern hat sie so viele Mitglieder wie die Grünen in ganz Deutschland.
Aber der Ministerpräsident dieser CSU hat Angst in den Augen. Er hofft, dass er gemocht wird, weil er in Nürnberg-Langwasser wohnt. Es darf nicht sein, dass ausgerechnet er zum Totengräber einer großen Idee wird.
Etwas ist in Bewegung geraten. Das spürt jeder, der in diesen Tagen unterwegs ist im Imperium der weiß-blauen Staatspartei. Krachende Verluste musste sie hinnehmen bei der Kommunalwahl im März. In Bodenmais im Bayerischen Wald musste ein altgedienter CSU-Bürgermeister sogar einem 23 Jahre alten Sozialdemokraten weichen, der sich offen zum Schwulsein bekennt.
Seit den Tagen des legendären Parteigründers Josef Müller, des "Ochsensepp", der für seinen katholischen Glauben im KZ gesessen hatte, war diese Partei fest davon überzeugt, dass die segnende Hand des Herrgotts nicht nur auf Wiesen, Tälern und Bergen des Bayernlandes ruht - sondern immer auch ein bisschen auf ihr. Jetzt, wenige Monate vor der Landtagswahl am 28. September, zeigen Umfragen, dass die CSU sogar um ihre scheinbar ewig währende absolute Mehrheit fürchten muss, die sie zum großen Mythos der deutschen Politik gemacht hat.
Günther Beckstein hat sich in seinem Büro einen kleinen Polizeihubschrauber ins Regal gestellt. Es ist eine Erinnerung an seine Zeit als Innenminister unter Edmund Stoiber. Jahre, als in Bayern noch alles in Ordnung war. Beckstein sorgte dafür, dass kriminelle Ausländer abgeschoben werden, Stoiber dafür, dass das Land floriert: die besten Schulen, das höchste Wachstum, die niedrigsten Schulden.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2008