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25. April 2008, 10:37 Uhr

Partei in Angst

Laut einer Umfrage ist die CSU in der Wählergunst auf 44 Prozent abgesackt. Die Zahl belegt einen Trend: Jahrzehntelang kannte die Partei nur absolute Mehrheiten. Doch jetzt entgleiten ihr die Menschen, die neue Führung reagiert hilflos. stern-Reporter Tilman Gerwien hat beobachtet, wie der letzte große Mythos der deutschen Politik ins Wanken gerät.

Skeptische Blicke vor dem Alpenpanorama: Ministerpräsident Günther Beckstein als Redner im Bierzelt in München-Fürstenried© Bert Heinzlmeier

Manchmal funktioniert es noch, das CSU-Gefühl. "Der Beckstein und ich, wir machen seit 40 Jahren zusammen Politik", brüllt Peter Gauweiler in das weiß-blaue Festzelt in München-Fürstenried. "40 Jahre, das sind nur sieben Jahre weniger als Fidel Castro! Aber wir beide sehen immer noch besser aus als der!"

Bierkrüge donnern gegeneinander, es stimmt irgendwie alles, der Schweinsbraten schmeckt, die Knödel auch, die Blaskapelle spielt, man hockt auf langen Bänken. Gauweiler, ein "echter Hund", wie sie hier sagen, hat sich zuvor mit einer Maß Bier gestärkt. Er stand ganz hinten, an der Spülküche beim Personal, hat seine Maß in die Höhe gestemmt und gerufen: "Jetzt betrink i mi!"

Aber dann redet Günther Beckstein. "Ich wohne in Nürnberg-Langwasser! Das ist kein Prominentenstadtteil! Meine Kinder sind auf eine Schule gegangen, die hatte einen hohen Ausländeranteil." Dabei schaut er etwas ängstlich auf die Biertische.

Macht erst mal nichts, alle stehen jetzt auf und singen das "Lied der Bayern": "Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland! Über Deinen weiten Gauen ruhe seine Segenshand!"

Die CSU - eine sieggewohnte Machtmaschine

Es ist alles ein wenig lächerlich und kurios. Aber man spürt in solchen Momenten doch auch ein gewisses wehmütiges Ziehen in der Brust. Ja, es ist lächerlich und kurios. Aber: Groß ist es auch.

"Jetzt betrink i mi!" Peter Gauweiler (l.) und Günther Beckstein heben eine Maß© Bert Heinzlmeier

Nur die ängstlichen Augen des Günther Beckstein, die kann man schwer vergessen.

Was ist das für eine Partei? Und was ist eigentlich mit ihr los? Seit 45 Jahren regiert die CSU Bayern mit absoluter Mehrheit, derzeit sogar mit zwei Dritteln der Mandate im Landtag. Sie ist die letzte wirkliche Volkspartei in Europa - eine sieggewohnte Machtmaschine, die in den Dimensionen eines Fidel Castro denkt. Allein im Bezirk Oberbayern hat sie so viele Mitglieder wie die Grünen in ganz Deutschland.

Aber der Ministerpräsident dieser CSU hat Angst in den Augen. Er hofft, dass er gemocht wird, weil er in Nürnberg-Langwasser wohnt. Es darf nicht sein, dass ausgerechnet er zum Totengräber einer großen Idee wird.

Beckstein möchte ein guter Ministerpräsident sein

Etwas ist in Bewegung geraten. Das spürt jeder, der in diesen Tagen unterwegs ist im Imperium der weiß-blauen Staatspartei. Krachende Verluste musste sie hinnehmen bei der Kommunalwahl im März. In Bodenmais im Bayerischen Wald musste ein altgedienter CSU-Bürgermeister sogar einem 23 Jahre alten Sozialdemokraten weichen, der sich offen zum Schwulsein bekennt.

Seit den Tagen des legendären Parteigründers Josef Müller, des "Ochsensepp", der für seinen katholischen Glauben im KZ gesessen hatte, war diese Partei fest davon überzeugt, dass die segnende Hand des Herrgotts nicht nur auf Wiesen, Tälern und Bergen des Bayernlandes ruht - sondern immer auch ein bisschen auf ihr. Jetzt, wenige Monate vor der Landtagswahl am 28. September, zeigen Umfragen, dass die CSU sogar um ihre scheinbar ewig währende absolute Mehrheit fürchten muss, die sie zum großen Mythos der deutschen Politik gemacht hat.

Günther Beckstein hat sich in seinem Büro einen kleinen Polizeihubschrauber ins Regal gestellt. Es ist eine Erinnerung an seine Zeit als Innenminister unter Edmund Stoiber. Jahre, als in Bayern noch alles in Ordnung war. Beckstein sorgte dafür, dass kriminelle Ausländer abgeschoben werden, Stoiber dafür, dass das Land floriert: die besten Schulen, das höchste Wachstum, die niedrigsten Schulden.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 17/2008

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KOMMENTARE (10 von 12)
 
Georges13437 (26.04.2008, 11:38 Uhr)
Bayern in der Wirklichkeit angekommen
Auch Bayern wird mit den Realitäten leben müssen. Auch Bayern hat Hartz 4, auch Bayern kennt die Selbstherrlichkeiten kommunaler Ämter, auch Bayern muß mit sogenannten Migrationsproblemen leben. Bayern ist nicht mehr nur die CSU- Dorfgemeinschaft die geschlossen wählen geht. Bayern ist endgültig im abstürzenden Deutschland angekommen.
MfG Georges 13437
ganzbaf (26.04.2008, 08:31 Uhr)
Die chinesisch-bayrische Einparteiendiktatur...
wir ihr verdientes Ende finden.
Glasnost auch für die Unterentwickelten im Sünde..! ;-PP
Metaphysik (25.04.2008, 19:13 Uhr)
Raucherdiskriminierung - die Quittung
Meine Stimme bekommt die CSU solange nicht, wie ich als Raucher wie ein Hund vor die Tür geschickt werde. Die FDP plant ja einen Wahlkampf mit dem Thema. Ganz neue Aussichten für die CSU - Koalitionspartner gesucht .. . Kippt das Gesetz noch vor der Wahl ist die CSU wieder eine Option für mich.
ganzbaf (25.04.2008, 19:09 Uhr)
Großkotzig die Pauli abserviert....

jetzt wären sie froh, sie hätten sowas noch im Repertoire.
ramteid (25.04.2008, 15:18 Uhr)
Alles halbsoschlimm.
Wie soll man denn aufwachen, wenn man satt und zufrieden in so einer Masse (16 Länderparlamente, dazu die Ministerien und Zubehör) gemeinsam schläft und ein paar Wähler hat, die auch nichts merken.
Ja in Bayern liegen selbst die Grünen mit 11% noch in der Wählergunst. Deutlicher kann man das Nichtmerken ausdrücken. Wenn es mal wirklich zum Erwachen kommt, dann wird es sicherlich auch richtig lustig.
Asteriskina (25.04.2008, 13:14 Uhr)
Freibier
Vielleicht klappt es ja mit einem Ründchen Freibier für alle wieder etwas besser;-)
whismerh2 (25.04.2008, 13:00 Uhr)
wie traurig
Die armen Freibiergesichter jetzt
laufen denen auch noch die Wähler.
Sniff.
Und diese arroganten Volltrotteln
wundern sich sehr wahrscheinlich auch noch.
Kommt davon wenn man am Volke vorbei
regiert und sich ungeniert die Taschen voll macht.
Eine Wahlbeteiligung unter 10 % bundesweit würde vieleicht was ändern. Damit diese abgehobene Sippschaft vieleicht mal
wieder aufwacht und die Aufgaben wahr
nimmt für die sie eigentlich gewählt worden sind.
CheSmittyVara (25.04.2008, 12:39 Uhr)
Unerträglich geworden
Nach 27 Jahren Mitgliedschaft in der CSU bin ich letztes Jahr ausgetreten und habe mich einer ünparteilichen Wählergemeinschaft angeschlossen, weil die Selbstbeweihreucherung der Funktionsträger und die Ignoranz gegenüber den normalen Bürgern und deren Bedürfnissen absolut unerträglich geworden sind.
Die Funktionäre stopfen sich die Taschen voll, sobald sie ihren MdB, MdL, oder Landratsposten ergattert haben und lösen sich geistig, ideell und materiell vom Volk und sogar ihren eigenen Partei"freunden". Dafür werden immer neue Steuernerfunden und das Volk ausgebeutet. Spezlwirtschaft ist ein "Muss" und wer nicht absolut unterwürfig ist, gilt als Nestbeschmutzer und ist persona non grata.
Aber das Schlimmste ist: diese Eigenschaften färben immer mehr und immer schneller auf den Rest des Volkes ab. Der Zeitpunkt, wo das ganze Land unerträglich wird, rückt immer näher.
hevosenkuva (25.04.2008, 12:00 Uhr)
Beckstein zu Dialog mit Dalai Lama bereit
Bayerns Regierung hoffe, demokratischen Tendenzen im Land damit wirksam entgegentreten zu können. Der Dalai Lama weiß von dem Gesprächsangebot allerdings noch nichts.
Malt (25.04.2008, 11:40 Uhr)
Doppelmoral
"Jetzt betrink i mi!" Peter Gauweiler (l.) und Günther Beckstein heben eine Maß"
.
Besser kann man die Doppelmoral und der CSU-Verbrecher nicht darstellen:
- Einerseits auf die "Giftler (für Nichtbayern: Kiffer) schimpfen, und sich im selben Atemzug die Volksdroge #1, den Alkohol, in den Hals schütten... und dabei noch die Freibiervisage in die Kameras halten. Dann aber darüber wundern, dass der Jugendalkoholismus zunimmt und überrascht tun.
- Eine Wahlschlappe einstecken und das am Nichtraucherschutzgesetz festmachen... nicht etwa an der unter Beweis gestellten, absoluten Unfähigkeit der Protagonisten (Ich sag' nur Huber und die BayernLB)
- Wenn man der Meinung ist, der Bürger wäre nur ein lästiger Zusatz der Nötig ist, um ein Land zu regieren, bekommt man halt, früher oder später, die Quittung für diese Arroganz!
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