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Der Leica-Schindler

Die Kamera-Firma Leica galt als Nazi-Musterbetrieb, ihr Chef Ernst Leitz II war Mitglied in Hitlers NSDAP. Doch nun wurde bekannt, dass Leitz zwei Gesichter hatte. Denn ähnlich wie Oskar Schindler rettete er jüdische Angestellte vor dem KZ und dem sicheren Tod.

Von Cornelia Fuchs

Rabbi Frank Dabba Smith hält nichts von einfachen Theorien. "Schwarz-Weiß-Betrachtungen bringen niemanden weiter", sagt er. Schon als junger Mann reiste er deswegen nach Deutschland, in das Land, das auf der einen Seite verantwortlich ist für den Tod seiner Verwandten mütterlicherseits in Polen. Und auf der anderen Seite Rabbi Smiths größte Leidenschaft hervorgebracht hat - die Leica-Kleinbildkamera.

Frank Smith hat als 14-jähriger sein ganzes Bar-Mitzwa-Geld für eine Second-Hand-Leica ausgegeben. Er wusste, dass diese Kameras in der nationalsozialistischen Propaganda eine große Rolle gespielt hatten, dass Propaganda-Brigaden mit ihnen das Elend im Warschauer Ghetto aufnahmen, und dass die Firma Leica in der Nazizeit mit arischen Damen und Herren warb, ganz in der Ästhetik der Nationalsozialisten.

Aber Frank Smith hatte als junger Student auch gelesen, wie Leica-Firmenchef Ernst Leitz II in der Nazizeit den Juden in und um Wetzlar half. Diese Information verfolgte Frank Smith, der sein Studium der Philosophie und Anthropologie in Berkely beendete, in den 80er Jahren seine englische Frau in Israel kennen lernte und sich in London zum Rabbi ordinieren ließ.

Auszeichnung für Leitz

15 Jahre lang recherchierte Smith über das Leben von Leitz. Seine Ergebnisse fließen nun in eine Broschüre des Wetzlarer Geschichtsvereins über die Rettung der Wetzlarer Juden ein. Vor einigen Tagen zeichnete die amerikanische Anti Defamation League (ADL) den 1956 verstorbenen Ernst Leitz II posthum mit dem Preis "Courage to Care" aus. Anerkennung dafür, dass er in den 30er-Jahren 51 Juden die Flucht vor den Nazis in die USA ermöglichte und mindestens 23 weitere Menschen vor Verfolgungen in Wetzlar schützte.

Ende der 90er fand Rabbi Smith einen ehemaligen Angestellten der Leica-Dependance in New York, Norman Lipton, der beschrieb, wie in den 30er Jahren regelmäßig Gruppen jüdischer Flüchtlinge vor dem Büro des Einkaufsleiters gestanden hatten, mit Koffern und Leica-Kameras um den Hals. Ihnen allen sei ein Job beschafft worden, in der Firma selber oder bei befreundeten Foto-Händlern.

Doch Lipton hatte wenig Beweise für diese Geschichten. So kontaktierte Frank Smith die Leitz-Familie. Der Enkel von Ernst, der heute 70-jährige Knut Kühn-Leitz, hatte bis zu dessen Tod im Jahre 1956 ein sehr inniges Verhältnis zu seinem Großvater gehabt. Doch erzählt hatte dieser nie etwas aus der Zeit des Nationalsozialismus und schon gar nicht von seiner Hilfe für die Bedrängten.

Knut Kühn-Leitz wusste, dass seine Familie sich aktiv gegen die Nazis gestellt hatte. Als Sechsjähriger wurde er Zeuge, wie die Gestapo im Mai 1942 die Wohnung stürmte, um seine Mutter Elsie abzuholen - und ihn mit der Schwester verschreckt in der Badewanne zurückzulassen. Elsie Kühn-Leitz hatte versucht, der Wetzlarer Jüdin Hedwig Palm mit Schweizer Franken, Kartenmaterial und Unterkunft bei einer Verwandten in München zur Flucht zu verhelfen. Doch Hedwig Palm wurde an der Schweizer Grenze festgenommen. Sie starb in einem Konzentrationslager.

Drei Monate hielt die Gestapo Elsie im Gefängnis fest. In der Angst um seine Tochter erlitt Ernst Leitz II einen Schlaganfall. Erst ein Freund der Familie konnte in Berlin erwirken, dass Elsie gegen Geld freigelassen wurde. Bei ihrer Rückkehr rutschte sie aus Dankbarkeit auf Knien die Stufen zur Leitzschen Villa hinauf.

Schon wenige Tage nach der Kristallnacht im November 1933 erreichten Leitz die ersten Hilferufe. Ein ehemaliger Parteikollege aus der Deutschen Demokratischen Partei, Nathan Rosenthal, berichtete ihm von antisemitischen Pöbeleien, denen sein Sohn Paul in der Schule ausgesetzt war. Leitz stellte Paul sofort als Lehrling ein, und bezahlte ihm 1938 die Überfahrt nach Amerika. Von dem Vater Rosenthal, einem Kornhändler, mietete er nach der Zwangs-Schließung seines Betriebes Lagerhallen. Er zahlte Rosenthal die marktübliche Miete - wie er auch dem jüdischen Arzt Aaron Strauß dessen Privathaus zu einem Preis abkaufte, der sogar über dem reellen Wert gewesen sein dürfte. Und noch mehr: Er transferierte der Familie Strauß das Geld - illegal - in die USA, wo diese es sich nach der Überfahrt, die ebenfalls von Leitz organisiert worden war, in Dollar auszahlen lassen konnten.

Leitz half bei der Flucht

Rabbi Smith fand in 50 Fällen schriftliche Beweise für die Hilfe Ernst Leitz' zur Flucht von Familien und Einzelpersonen nach Amerika. Und mindestens 23 weiteren Menschen hat er nach Schließung der Grenzen mit Beginn des Krieges im Jahr 1939 in Wetzlar geholfen. So intervenierte er im Dezember 1943 gegen die Verhaftung von Karl Horn, der bei einem Kaffeetrinken im Hause Leitz gesagt hatte, dass der Krieg wohl verloren sei. Zwei Frauen waren damals als Spitzel auf die Familie angesetzt und trugen den Satz gleich weiter zur örtlichen Polizeistelle.

Trotz großer Gefahr für seine eigene Person trat Ernst Leitz II als Entlastungszeuge im Prozess gegen Horn auf. "Und er hat einfach gelogen und gesagt, dass dieser Satz nie gefallen sei", sagt Rabbi Frank Smith. Horn kam frei.

Leitz setzte stets sein hohes Ansehen in Wetzlar ein, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Er warnte seine politisch links-stehenden Mitarbeiter vor wartenden SA-Männern am Fabriktor, er schickte einem von den Nazis gesuchten Landrat seine Limousine, damit er flüchten konnte, und als 1933 die ersten politischen Gefangenen im Wetzlarer Gefängnis festgehalten wurden, drohte er, mit tausenden seiner Angestellten vorbeizukommen, und diese notfalls mit Gewalt zu befreien. Sie wurden entlassen.

1942 Eintritt in die NSDAP

Natürlich war Ernst Leitz II den Nazis ein Dorn im Auge. Rabbi Smith vermutet, dass sie den Fabrikbesitzer jedoch nicht loswerden konnten, weil die Leica-Werke kriegswichtiges Material herstellten. Und Ernst Leitz II war der Motor hinter dem Erfolg der Fabrikation hochwertiger optischer Geräte, seine Angestellten waren bedingungslos loyal. Doch die Verhaftung der Tochter Elsie im Jahr 1942 diente den Behörden als Druckmittel. Der "rote Leitz", wie ihn Gauleiter Sprenger nannte, wurde noch genauer bewacht. Es drohte die Übernahme der Firma durch Nazi-Schergen. Nur ein Eintritt in die NSDAP konnte dies verhindern.

Seit 1942 arbeiteten bis zu 700 Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine für Leica. Die Leitz-Familie versuchte auch hier zu helfen: Tochter Elsie besorgte zusätzliches Essen, Kleidung und sogar Radios. Doch die Hilfe blieb beschränkt, da die Nationalsozialisten die Oberaufsicht über das Lager hatte. Als die Familie 1943 bei Luftangriffen Arbeiterinnen in den werkseigenen Luftschutzkeller mitnehmen wollte, wurden sie von der Gestapo daran gehindert.

Ernst Leitz hat sich nie als Held gesehen. Über seine Hilfe für Andere hat er selber nie gesprochen. Vielleicht schämte er sich für seinen Eintritt in die NSDAP im Jahre 1942 oder für die Rüstungsproduktion in seinem Betrieb. In seinem Entnazifizierungs-Antrag wiederholt er immer wieder, er habe stets im demokratischen Geist gehandelt. Calvinistisch-protestantisch geprägt scheint sein Grundsatz gewesen zu sein, Gutes zu tun und darüber nicht viele Worte zu verlieren. Rabbi Smith vermutet außerdem, dass er sich nach dem Krieg nicht hervortun wollte in einem Ort, in dem Täter und Opfer weiter miteinander leben mussten. Der Familie Leitz waren beispielsweise die Frauen, die sie bespitzelt hatten, gut bekannt.

Des alten Leitz' Verschwiegenheit vererbte sich auch in die zweite Generation. Sein Sohn Gunther verbot 1967 dem ehemaligen Angestellten Norman Lipton, seine Erinnerungen an die jüdischen Flüchtlinge im amerikanischen Leica-Büro in der Zeitschrift "Reader's Digest" zu veröffentlichen: "Mein Vater tat, was er tat, weil er sich verantwortlich fühlte für seine Angestellten und unsere Nachbarn. Er konnte so auftreten, weil die Nazis unsere Fabrik für ihre militärische Produktion brauchten. Niemand wird je herausfinden, was andere Deutsche für verfolgte Mitbürger getan haben innerhalb der Grenzen ihrer Möglichkeiten."

Nach dem Krieg erfuhr Ernst Leitz II, dass die Nazis ihn und seine Familie nach dem Endsieg für die Liquidierung vorgesehen hatten. "Vielleicht wollte er seine Kinder und seine Enkel nicht mit dem Grauen aufwachsen lassen, das sein eigenes Leben so verändert hatte", sagt Rabbi Smith. Er sieht darin Ähnlichkeiten mit den Geschichten von Holocaust-Überlebenden, die sich ebenfalls fürs Schweigen entschieden haben: "Sie wollten die nachfolgenden Generationen schützen."

Doch jetzt, 51 Jahre nach dem Tod von Ernst Leitz II, sieht Rabbi Smith die Zeit gekommen, die Geschichte seines Mutes zu erzählen: "Für ihn war es kein Unterschied, ob jemand Jude war oder Sozialdemokrat. Es waren Menschen, denen er geholfen hat. Das ist auch eine Form von Widerstand in einer Diktatur, die Menschen ihr Menschsein abschreibt."

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