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1. April 2010, 15:40 Uhr

Besser als Bismarck

Helmut Kohl galt lange nur als Parteipolitiker aus der Provinz. Nach seiner Wahl zum Kanzler profilierte er sich als überzeugter Europäer - und schuf damit die Voraussetzung für seine historische Rolle als Kanzler der Einheit. Eine Würdigung des Außenpolitikers Helmut Kohl. Von Karl Kaiser

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Der Augenblick des Triumphes: Kohl am 3. Oktober 1990 - dem Tag der Einheit - mit seiner Frau Hannelore, Außenminister Hans-Dietrich Genscher (l.) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor dem Berliner Reichstag© Wolfgang Kumm/DPA

Als Helmut Kohl 1982 vom Bundestag zum Kanzler gewählt wurde, hielten sich die Voraussagen über seine zukünftige Rolle, zumal in der Außenpolitik, zurück. Dass dieser Pfeifen rauchende Pfälzer, den sich viele eher als erfolgreichen Provinzpolitiker denn als den Kanzler eines gewichtigen Staates vorzustellen vermochten, nach 16-jähriger Amtszeit als einer der großen Beweger der europäischen Nachkriegsgeschichte und Staatsmann mit Weltruf abtreten würde: Das überstieg 1982 die Einbildungskraft auch der ihm Wohlgesinnten.

Die Umstände, unter denen er Kanzler wurde, gaben einen frühen Hinweis darauf, dass von Anbeginn seiner Kanzlerschaft an die Außenpolitik einen besonderen Stellenwert einnahm, denn es ging hierbei auch um die Aufrechterhaltung einer außenpolitischen Orientierung der Bundesrepublik. Die FDP und ihr damaliger Außenminister Hans-Dietrich Genscher wechselten von der Koalition mit der SPD zur Regierung mit der CDU/CSU auch aus außenpolitischen Motiven. Die damalige Regierung unter Helmut Schmidt hatte sich bemüht, den Aufwuchs sowjetischer Mittelstreckenraketen in Europa zu verhindern: durch die Ankündigung der Stationierung amerikanischer Raketen und Marschflugkörper für den Fall des Scheiterns von Verhandlungen. Schmidt verlor jedoch zunehmend den Rückhalt der SPD, die sich gegen die Möglichkeit einer nuklearen Nachrüstung wandte. Es war Helmut Kohl, der ungeachtet der lautstarken Protestdemonstrationen im Lande gemeinsam mit der FDP die Stationierung durchsetzte. Bekanntlich war diese Politik von Erfolg gekrönt, denn die Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion führten Ende 1987 zu einem Abkommen über die vollständige Abschaffung aller ihrer Mittelstreckenwaffen.

Kohls erfolgreiche Durchsetzung der unter Helmut Schmidt begonnenen Politik trug dazu bei, jene Entwicklung einzuleiten, die ihm mit dem Ende des Ost- West-Konflikts und der Wiedervereinigung die größte Stunde seines Politikerlebens bescherte. Einer Aussage Gorbatschows zufolge leitete in Moskau die Nachrüstung den Niedergang einer maßlos auf Rüstung gestützten sowjetischen Politik ein. An deren Ende kam der Reformer Gorbatschow an die Macht, der das Ende des Kommunismus brachte und als veränderungswilliger Partner des Westens die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichte.

In den Jahren nach seiner Wahl zum Kanzler praktizierte Kohl zuerst einmal Kontinuität mit der Politik seiner großen Vorgänger Adenauer, Brandt und Schmidt. Das war keineswegs selbstverständlich, denn vor allem in der Ost- und Deutschlandpolitik hatte er eher zu den konservativen Skeptikern gehört.

Kohl pflegte "Männerfreundschaften" mit Staatsmännern

Gegenüber Frankreich vertiefte er die Politik früherer Regierungen, die das deutsch-französische Verhältnis als Motor einer Intensivierung der Europa-Politik einsetzten. Sein persönliches Verhältnis zu Präsident François Mitterrand war eng und typisch für einen Charakterzug Kohls, der es verstand, "Männerfreundschaften" mit Staatsmännern aufzubauen, die er geschickt in seiner Außenpolitik nutzte. Dies galt für sein Verhältnis zu Präsident George Bush (dem älteren) und auch für Gorbatschow. Dessen politischen Charakter schätzte er anfänglich falsch ein, verglich er ihn doch mit Hitlers Propagandaminister Goebbels. Aber Kohl nahm bald wahr, dass mit Gorbatschow tatsächlich ein Neuanfang der Ost-West- und der deutsch-russischen Beziehungen möglich werden könnte. Realist, der er war, ging er mit Energie auf die neue sowjetische Politik ein.

Manche misstrauischen Beobachter im Ausland, eingedenk der Geschichte deutsch-russischer Alleingänge seit dem Abkommen von Rapallo und angesichts des Jubels für Gorbatschow in der deutschen Öffentlich- keit, witterten die Gefahr eines deutschen Sonderwegs gegenüber der Sowjetunion. Erst die mit der deutschen Vereinigung verbundenen Regelungen und die Klarheit der damit von Kohl verfolgten Option für den Westen ließen diese Ängste verschwinden.

Kohl verstand es, Symbolpolitik als Instrument der Außenpolitik einzusetzen. So gab er der Notwendigkeit und Realität der deutsch-französischen Aussöhnung Ausdruck, indem er und François Mitterrand gemeinsam das Schlachtfeld von Verdun besuchten und Hände haltend der unzähligen Gefallenen gedachten; ein Bild, das um die Welt ging.

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Ausgabe 1/2010
stern edition

Der Autor: Politikprofessor Karl Kaiser, 75, ist einer der renommiertesten deutschen Experten für internationale Beziehungen. Zurzeit lehrt er an der Universität Harvard in den USA. Von 1973 bis 2003 war Kaiser Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

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