Sie tragen den gleichen Namen und haben das gleiche Ziel: Sie wollen, dass es in Deutschland wieder gerecht zugeht. Ein Gespräch mit den Chefs von CSU, Evangelischer Kirche und IG Metall. Interview: Norbert Höfler, Axel Vornbäumen

Berthold, Wolfgang und Erwin Huber stehen Rede und Antwort© Bärbel Schmidt
Erwin Huber: "Hube" oder auch "Hufe"
nannte man früher einen Bauern mit
einem kleinen Bauernhof.
Wolfgang Huber: Und zwar einen Bauern,
der auf dem eigenen Land sitzt - auf
der eigenen Hufe. Es ist also der Name für
einen selbstständigen Menschen. Das passt
doch ganz gut auf uns drei.
Wolfgang Huber: Ja, aber es war nicht
immer leicht. Meine Frau hat bei unserer
Heirat auf den schönen Familiennamen
Kaldrack verzichtet. Sie sagte damals zu
mir: Wenn du schon einen so langweiligen
Nachnamen hast, dann müssen unsere
Kinder wenigstens einigermaßen originelle
Vornamen bekommen. Das hat auch
geklappt.
Erwin Huber: Für den Vorsitzenden einer
Volkspartei ist ein volksnaher Name
ganz passend. Ich erschrecke allerdings
gelegentlich, wenn ich lese: "Huber fordert
35-Stunden-Woche."
Berthold Huber: Da müssten Sie nicht
erschrecken, sondern sich freuen, dass
Huber etwas Vernünftiges fordert.
Wolfgang Huber: Wenn ich so oft in
der Zeitung vorkäme, wie sich Erwin Huber
bemüht, in der Zeitung vorzukommen,
dann würde ich innerkirchlich erhebliche
Kritik auf mich ziehen.
Erwin Huber: Sie meinen, ich rede zu
viel? Herr Bischof, wenn mich keiner kennen
würde, hätte ich was falsch gemacht.
Berthold Huber: Ich gebe immer etwas,
auch schon mal einen 5-Euro-Schein.
Das hat für mich aber nichts mit Gerechtigkeit
zu tun, eher mit Barmherzigkeit.
Wolfgang Huber: Ich bin oft sehr unsicher,
was der Bettler mit diesem Geld
macht. Manchmal habe ich eine innere
Sperre dagegen, ihn mit einem Almosen
abzuspeisen. Ich weiß, dass es seine Situation
nicht verbessert, wenn ich keinen
Weg finde, etwas zu tun, was ihm wirklich
helfen würde.
Erwin Huber: Darum lege ich regelmäßig
Geld in den Klingelbeutel meiner Kirche
St. Michael in Reisbach. Da weiß ich,
dass es gut adressiert ist.
Wolfgang Huber: Eine Situation werde
ich nicht vergessen: Das war, als der Bäcker
des Dorfes, in dem wir nach dem Krieg Zuflucht
gefunden hatten, meiner Mutter in
meiner Anwesenheit erklärte, dass es für
diesen kleinen Jungen pro Tag nur noch
eine halbe Scheibe Brot gebe. Das empfand
ich als elementar ungerecht, diese Ungerechtigkeit
wurde nur ausgeglichen, weil
meine Mutter mir augenblicklich zuflüsterte:
Ich gebe dir etwas ab. Das war meine
erste Erfahrung mit, wie man heute sagt,
mangelnder Verteilungsgerechtigkeit.
Berthold Huber: Wir waren sieben
Kinder, alle wie die Orgelpfeifen hintereinander.
Und wissen Sie, was es bedeutet,
zwischen diesen sieben einen einigermaßen
gerechten Ausgleich zu finden? So was
vergisst man nicht.
Erwin Huber: Wir sind 1954 von der
Einöde in meinen jetzigen Heimatort
Reisbach gezogen; wir hatten eine kleine
Zweizimmerwohnung gefunden. Gleich
am ersten Tag kam der Bürgermeister und
wollte uns da wieder raus haben, weil wir
nicht berechtigt seien, eine solche Wohnung
zu beziehen. Wir durften dann bleiben,
aber ich habe schon als Siebenjähriger
das als harte Benachteiligung empfunden.
Solche Erlebnisse prägen schon.
Berthold Huber: In der Frage der Verteilung
von Reichtum und Vermögen, vor
allem in der Frage der Teilhabe an Bildungschancen,
die ja die Bedingung für
ein gutes Leben ist, haben die Verantwortlichen
versagt.
Wolfgang Huber: Die größte Ungerechtigkeit
ist, dass der Staat in diesem
reichen Land Schulden aufgehäuft hat,
die wir an die nächste Generation weitergeben.
Das Wichtigste, was wir beitragen
können, ist, die Bildungschancen zu
verbessern. Es ist wahrscheinlicher, in
unserem Bildungswesen abzusteigen als
aufzusteigen. Wir müssen uns eingestehen,
dass wir nicht das Maß an Gerechtigkeit
herstellen, zu dem wir eigentlich fähig
wären.
Erwin Huber: Bayern tilgt Schulden, das
möchte ich mal festhalten. Damit wären
wir nach Ihrem Maßstab etwas gerechter
als andere. Jetzt werden Sie sagen: Selbstgerechtigkeit
ist die schlimmste Form von
Gerechtigkeit. Man muss neben Defiziten
aber schon die Leistung sehen. Die Nachkriegsgesellschaft
hat in diesen 60 Jahren
einen Sozialstaat aufgebaut, der, gemessen
an den Ausgaben, keinen Vergleich mit irgendeinem
Land der Welt scheuen muss.
Wolfgang Huber: Wir befinden uns in
einer Phase, in der sich das Auseinanderdriften
innerhalb der Gesellschaft verstärkt.
Wir haben Jahre hinter uns, in
denen das reale Durchschnittseinkommen
gesunken ist. Das Armutsrisiko wächst.
Zugleich steigen einige Spitzeneinkommen
sprunghaft an.
Erwin Huber: Der Langzeitvergleich ist
ganz eindeutig: Früher waren wir eine
arme Gesellschaft, heute sind wir insgesamt eine Wohlstandsgesellschaft, auch
wenn es immer noch Armut gibt.
Wolfgang Huber: In wachsendem Umfang!
Erwin Huber: Es stimmt, in den letzten
Jahren ist die Vermögensverteilung tendenziell
wieder ungerechter geworden.
Erwin Huber: Die gefühlte Ungerechtigkeit
spielt sicher eine Rolle, aber man muss
schon dazusagen, mit welchen Methoden,
mit welchen Illusionen die Linke da arbeitet.
Die Linke ist heute ein Sammelbecken
von ideologischen Wählern zum einen
und Protestwählern zum anderen. Was
die Linke sagt, ist doch keine Lösung
des Gerechtigkeitsproblems! Es ist Stimmungsmache.
Wolfgang Huber: Es hat keinen Sinn,
die Wähler zu beschimpfen. Insofern bleibt
die Aufgabe, die Motive ernst zu nehmen,
aus denen heraus Menschen auf die Linke
zugehen. Die politische Antwort, die die
Linke zu geben hat, mag irrational sein;
dann sollte man hoffen, dass die anderen
Parteien überzeugendere Antworten darauf
geben. Aber Ignorieren gilt nicht.
Berthold Huber: Tabuisieren geht auch
nicht.
Erwin Huber: Dass beispielsweise in
Bayern die Linke laut Umfragen bei vier
Prozent liegt, führe ich auch darauf zurück,
dass wir eine relativ hohe soziale Stabilität
haben, dass wir unter allen Bundesländern
die geringste Arbeitslosigkeit haben, dass
bei uns genügend Ausbildungsplätze zur
Verfügung gestellt werden, dass die Kinderarmut
bei uns am geringsten ist. Wir
geben einfach nicht so viel Spielraum für
diese politischen Verführer. Ich bin dafür,
die Bedingungen so zu richten, dass es keinen
Anlass gibt, eine extremistische Partei
zu wählen. Das ist das Erste. Zweitens: So
total, wie Sie, Herr Bischof, die Wähler extremistischer
Parteien von Verantwortung
freisprechen, würde ich das nicht machen.
Wolfgang Huber: Ich habe nicht die
Wahlentscheidung gerechtfertigt, sondern
nur gesagt, dass die Motive, aus denen heraus
eine solche Wahlentscheidung getroffen
wird, auch von denjenigen ernster genommen
werden sollen, die diese Wahlentscheidung
für falsch halten.
Erwin Huber: Der Wähler ist unser Souverän.
Nur, für mich haben Menschen, die
etwa auf Rechtsextremisten wie NPD und
DVU oder auch auf die Linke abfahren, einen
Mangel an Verantwortung. Es ist nicht
nur Aufgabe der herrschenden Politik, für
bessere Verhältnisse zu sorgen; ich sehe die
Verantwortung auch bei den Menschen.
Berthold Huber: Ich will als Gewerkschafter
für keine Partei werben, weder für
die CSU noch für die Linke; aber zu sagen,
dass die Linke eine extremistische Partei ist,
ist falsch. Sie problematisiert Themen, die
ganz offensichtlich viele Menschen bedrücken
und ihnen Angst machen. Sie können
die Linke doch nicht einfach ignorieren!
Erwin Huber: Auch SPD-regierte Bundesländer
führen die Linke unter Beobachtung
des Verfassungsschutzes, weil es dort
verfassungswidrige Tendenzen gibt.
Berthold Huber: Es muss Sie doch
zum Nachdenken bringen, dass die Linke
laut aktuellen Umfragen in den fünf neuen
Bundesländern stärkste Partei würde. Wollen
Sie das ignorieren? Wollen Sie sagen,
die Leute reden alle nur Stuss und haben
Wahnvorstellungen? Das ist doch falsch,
Herr Huber!
Erwin Huber: Ich kann das aber genauso
wenig rechtfertigen, indem ich sage: Die
Menschen spüren ein Unwohlsein, und
daher ist es verständlich, dass sie auf eine
radikale, extremistische Partei abfahren.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 37/2008
Erwin Huber Der Politiker. Hat kein Problem mit seinem Namen, so volkstümlich ist er allemal. Huber, 62, ist seit einem knappen Jahr CSU-Chef. Ende September entscheiden die Bayern auch darüber, ob das so bleibt. Verliert die CSU die absolute Mehrheit, dann könnte es eng für ihn werden