Seit der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen weiß der CDU-Kandidat Jürgen Rüttgers, dass er um das Amt des Ministerpräsidenten wirklich kämpfen muss - und damit um sein politisches Überleben.

Entspannte Pose - doch Rüttgers weiß: Jetzt kommt seine letzte Chance. Verliert er, gehört der einstige Zukunftsminister zur Vergangenheit© Albrecht Fuchs
Er liebt diesen Satzanfang: "Die Wahrheit ist ..." Die Wahrheit ist, dass die Roten die Kassen plündern. Die Wahrheit ist, dass Windräder die Landschaft verschandeln. Die Wahrheit ist, dass mit ihm als Ministerpräsident künftig vor Schulen kein Rauschgift verkauft werden darf. In Diskussionen mit politischen Gegnern wandelt er seinen Satzliebling manchmal ab. Dann sagt er: "Das ist nur die halbe Wahrheit, die ganze Wahrheit ist ..." Und dann kommt sie, seine Wahrheit - "die" Wahrheit, wie er sie nennt.
Die Wahrheit der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen ist: Die CDU hat im Vergleich zu 1999 sieben Prozent verloren. Die Wahrheit ist auch, dass das verdammt schmerzlich ist. Dass die CDU im Trend weiter verliert. Dass die Landtagswahl im kommenden Mai noch lange nicht zu ihren Gunsten entschieden ist. Das ist die eine Wahrheit. Doch die Wahrheit von CDU-Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers am Wahlabend klang anders. Nur Sekunden nach der ersten Hochrechnung sprang er vor die Kameras, badete noch ein wenig im Applaus der Fans und sagte schließlich grinsend: "Die Trendwende von Herrn Müntefering ist zusammengebrochen. Das heißt, im Mai ist Schluss mit SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück." Grinsen kann sehr siegessicher wirken. Oder auch ein bisschen kirre. Verluste? Na wenn schon, immer noch mehr als Rot-Grün, die CDU liegt vorn, so sieht es doch aus, die CDU hat die Wahl gewonnen und wird im Mai dasselbe tun. Beschwörungsformeln.
Es gibt viele Worte, die den psychischen Zustand beschreiben, in dem sich Jürgen Rüttgers für die nächsten acht Monate befinden wird: an den Nägeln kauen, um den Schlaf gebracht, Muffensausen; so viele Worte, die diesen Albtraum aus Druck und Verheißung, aus Angst und Sehnsucht beschreiben. In den kommenden Monaten geht es für ihn um das politische Überleben. Fährt er auf ins Paradies der Macht, in diesen grell gleißenden Himmel der CDU-Gottheiten? Oder steigt er ab in die verschwefelte Verdammnis der ewigen Versager? Wenn er es endlich schafft, am 22. Mai im bevölkerungsreichsten Bundesland den Genossen die Regierungsmacht zu entreißen, gelangt Jürgen Rüttgers als neuer Ministerpräsident und Chef des mitgliederstärksten Landesverbands in die Riege der wichtigsten und mächtigsten Herrscher der Union - wichtiger als der Niedersachse Christian Wulff und der Hesse Roland Koch, ebenso wichtig wie der Bayer Edmund Stoiber, fast so mächtig wie die Vorsitzende Angela Merkel. Er wäre wieder ein richtiger "Jemand". Doch nach dem vergangenen Sonntag ist die Gewissheit der zurückliegenden Monate zur Wahrscheinlichkeit geschrumpft - keine geringe, doch ohne Garantie.
Am letzten Kampftag vor der Wahl saß Jürgen Rüttgers im Fond der grauen Audi-Limousine und fuhr nach Remscheid zum letzten seiner öffentlichen Stadtspaziergänge. Er sprach leise. Nachdenklich. Überlegt. Vor allem leise. "Es ist keine Landtagswahl und auch keine Bundestagswahl. Es ist eine Kommunalwahl, und so muss man sie auch einschätzen", sagte er. Er wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass man die Wahl vor allem bundes- und landespolitisch interpretieren würde. Er wusste, dass Verluste Angela Merkel und dem verwirrten Zustand der Union angelastet würden. Er wusste, dass die CDU auf jeden Fall einige Prozentpunkte verlieren und man mit hochgezogenen Augenbrauen nach seinen Chancen im Mai fragen würde. Vier oder fünf Prozentpunkte minus - ein Ergebnis, über das er sich noch irgendwie freuen könnte. Sechs weniger - kein Problem dazu zu stehen. Sieben weg - schon problematisch. "Ich bin sicher, dass es bei der CDU lachende Gesichter und bei der SPD lange Gesichter geben wird. Die Wahrheit ist, dass die SPD die strukturelle Mehrheit in diesem Land verloren hat", sagte Jürgen Rüttgers im Fond. Es klang nicht sicher. Es klang nach Stoßgebet. Es klang nach seiner Wahrheit.
Wenn Jürgen Rüttgers heute in den Talkshows sitzt und sich nervös die Hände knetet, wenn er verkniffen durch die Brille ohne Rand in die Runde schaut, wenn er sich öffentlich von Bundesumweltminister Jürgen Trittin auslachen lassen und anhören muss, er spiele doch ohnehin keine Rolle in Berlin, er, der Oppositionsbänkler aus Düsseldorf, dann wird das Ausmaß des psychischen Drucks verständlich. Er kann, er will, er muss es diesmal einfach schaffen. Dafür staut er sich tagein, tagaus im grauen Audi durch das Land. Dafür stapft er in gemächlichen Prozessionen lokaler Parteifreunde durch Nieselregen und Fußgängerzonen von Städten wie Remscheid und Bergisch Gladbach. Lobt den neuen Brunnen. Lauscht den freundlichen Ansprachen. Steht am Mikrofon und intoniert seinen Satzanfang: "Die Wahrheit ist ..." Die Wahrheit ist, dass die Roten lügen. Die Wahrheit ist, dass die Roten die Steuern erhöhen. Die Wahrheit ist, dass die Roten das Land zugrunde richten.
Bei Einsätzen wie diesen Stadtspaziergängen fällt es schwer zu glauben, dass dieser Mann schon einmal ganz oben war, weit weg von der Provinz. "Zukunftsminister" wurde er damals genannt, war zuständig für Technologie und Forschung im Kabinett von Helmut Kohl. Ja, er hatte sie schon einmal in der Hand, diese Insignien der Macht. Ja, er war früher hoch geachtet und bedeutender als die damalige Umweltministerin Merkel. Nein, er konnte damals nichts dafür, dass die Bundestagswahl verloren ging. Und auch für die Niederlage bei der Landtagswahl im Jahr 2000 lag die Schuld wahrlich nicht nur bei ihm. Er war doch schon verdammt nah dran, auf Millimeter herangerückt an den Thron. Doch dann kam die Spendenaffäre der Partei. Die Stimmung kippte in der ganzen Republik, und er, der Taktierer, konnte sich nicht dazu durchringen, mit dem beliebten Spendenonkel Helmut Kohl brachial zu brechen. Er, der Verzweifelte, verfiel auf die Idee, mit dumpfen "Kinder statt Inder"-Parolen die Wähler zu becircen - vergebens, verloren, versagt. "Das Trauma von Jürgen" nennen die Menschen noch heute diese Niederlage.
Er kann, er will, er muss es diesmal einfach schaffen - dafür steht er stundenlang im Stau