Wie halten wir's mit der Linkspartei? Über die Antwort auf diese Frage zerfleischt sich die SPD derzeit selbst, allen voran Parteichef Kurt Beck. Nur, wie halten's die Linken eigentlich mit der SPD? Im stern.de-Interview verrät Vizechefin Katja Kipping, wie die SPD für sie attraktiv sein könnte.

Katja Kipping ist als junge Aufsteigerin ein Aushängeschild der Linkspartei© Patrick Stollarz/DPA
Da wird vieles von außen durch die Medien aufgebauscht. Mir scheint die Aufregung ziemlich aufgesetzt zu sein. Es geht eigentlich um eine Richtungsentscheidung innerhalb der SPD. Die Frage lautet dort: Folgt man dem Kurs der Agenda 2010 oder geht das auf den Prüfstand.
Bemerkenswert ist Becks Eingeständnis, dass die Taktik, die Linke aus westdeutschen Parlamenten zu halten, nicht aufgegangen sei. Die inhaltliche Gegnerschaft und die Auseinandersetzung, die er der Linkspartei angekündigt hat, nehme ich gerne an.
Mit der SPD, wie sie jetzt im Bundestag aufgestellt ist, ist das nicht vorstellbar. Auslandseinsätze der Bundeswehr und den Kurs gegen Erwerbslose kann ich nicht mittragen. Auf Landesebene, im Moment in Hessen, sieht das anders aus, da gibt es auch inhaltliche Übereinstimmungen, wie zum Beispiel das Ziel, Studiengebühren abzuschaffen oder Gemeinschaftsschulen einzurichten.
Wenn sie sich das Wahlprogramm Hessen ansehen, werden sie keine wesentlichen Unterschiede zu Ansätzen in ostdeutschen Ländern feststellen können. Da wird viel mehr an Spaltung bei uns dahergeredet als wirklich da ist.
Unser Umgang mit Menschen, die in der DDR Probleme hatten, ist eine Frage des Respekts. Für die Linke gilt: Wir müssen weiterhin Aufarbeitung betreiben. Es geht darum, die Fehler zu analysieren. Daraus leiten sich auch Standpunkte unseres heutigen Programms ab. Im Stalinismus wurden Grund- und Freiheitsrechte mit der Begründung geopfert, dass man sich vor einem äußeren Feind zu verteidigen habe. Heute werden Rechte geopfert, um sich vor Terrorismus zu schützen. Zur Frage unserer Aufarbeitung muss auch gesagt werden, dass CDU und FDP einfach die jeweiligen DDR-Blockparteien übernommen haben, ohne dass sich daraus eine solche Debatte entwickelt hat, wie in unserem Fall.
Die zentralen Gremien sind sich in dieser Frage einig.
Wir haben den Bruch mit dem Stalinismus auch per Urabstimmung vollzogen. Es gibt allerdings in der Tat einzelne Basisorganisationen, die noch weiteren Aufarbeitungsbedarf haben. Die sind aber nicht prägend für die Partei. Sonst könnte ich auch nicht Mitglied der Linkspartei sein.
(lacht) Die Sozialdemokraten wissen, dass sie sich da keine Hoffnung machen brauchen. Das hängt nicht nur mit dem aktuellen Kurs der SPD zusammen. Ich bin bewusst in die damalige PDS gegangen. Es ist wichtig, dass es eine Partei gibt, die über den Kapitalismus hinaus denkt und ihn nicht als das Ende der Geschichte sieht.
Ich sehe in dieser Frage das Bedürfnis, einen Keil zwischen Teile der Partei und Oskar Lafontaine zu treiben. Ich bin zwar hinsichtlich des bedingungslosen Grundeinkommens nicht einer Meinung mit Oskar Lafontaine, aber im Fall Wegner hat er klar reagiert und ich teile sein Kurs.
Es gibt das Problem, dass es in der Linken in dieser Frage nur zwei Extrempunkte gibt. Entweder man positioniert sich antizionistisch gegen Israel oder man bezieht den sogenannten "antideutschen" Standpunkt einer radikalen Parteinahme für Israel. Ich habe dazu damals in einem Papier für einen Mittelweg geworben und damit gerade im Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung viel Zuspruch, aber auch Widerspruch bekommen.
Unsere inhaltliche Neugründung muss auch mit einer methodischen Neugründung einhergehen. Ich möchte da mit einem Zitat der italienischen Schriftstellerin und Kommunistin Rossana Rossanda antworten. Die hat ihre Idee einer Linken so geäußert: "No leaderismo!" Für mich bedeutet das, dass wir uns durch einen innendemokratischen Diskurs auszeichnen müssen. Wir dürfen uns nicht als die verstehen, die für die kleinen Leute sprechen, sondern als die, die ihnen Räume für die Selbstbefreiung eröffnen.
Zur Person Katja Kipping wurde 1978 in Dresden geboren, wo sie auch ihr Abitur und ihr Magisterstudium absolvierte. 1998 trat sie der PDS bei, deren stellvertretende Bundesvorsitzende sie 2003 wurde. Ein Amt, das sie auch in der neu gegründeten Linkspartei inne hat. Seit 2005 sitzt Kipping für die Linkspartei im Bundestag und agiert dort unter anderem als sozialpolitische Sprecherin.